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Protestaktion in Geretsried:"Jetzt langt's"

Coronavirus

Untergangsstimmung im „Hinterhalt“: Die Bühne verdeutlicht, wie sich die Kulturschaffenden momentan fühlen – verlassen und vergessen.

(Foto: Thorsten Thane)

Assunta Tammelleo und eine Handvoll Mitstreiter verwandeln die Kulturbühne "Hinterhalt" symbolisch in eine Gruft. Livestream mit zwanzig Minuten Stille im Internet

Von Christa Gebhardt

Die Geltinger Kulturbühne "Hinterhalt" samt Zuschauerraum hat sich in eine düstere Gruft verwandelt. Es ist stockdunkel, wechselnd purpurrotes und eiskalt-blaues Licht beleuchtet die Szenerie nur spärlich. Die Tische sind mit weißem Leinen bedeckt, sie wirken wie Leichentücher, niemand sitzt daran. Ein Publikum gibt es nicht. Die Stühle sind leer wie jene der Musiker auf der Bühne. Aber niemand kommt und macht Musik. Die Instrumente lagern in ihren Schutzhüllen. Eine Riesenspinne hat ihr Netz über das Ensemble gesponnen, Staub und Asche rieseln herab. Es herrscht Todesstille. Das Kulturleben wurde offenkundig vor Urzeiten beerdigt und hat kaum Hoffnung, je wieder erweckt zu werden.

Der Freundes- und Künstlerkreis um "Hinterhalt"-Chefin Assunta Tammelleo hat den Raum so gestaltet. Es ist eine Protestaktion zur Unterstützung der Münchner Philharmoniker, des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, der Bayerischen Staatsoper und vieler anderer Orchester, die am Montag zum Konzert auftraten, ohne zu spielen, um nach 20 Minuten Stille wieder abzutreten. Das Ganze wird als lautloses Event in die Welt gestreamt. Motto: "Ohne uns wird's still". So auch die Szenerie im "Hinterhalt".

Zunehmend viele Kulturschaffende im Landkreis protestieren gegen die Maßnahmen, die in der Corona-Krise bei inzwischen wieder exponentiell steigenden Infektionszahlen verhängt wurden. Sie sind sich mit Tammelleo einig, die sagt: "Sang- und klanglos wird die Welt auch für die bayerische Staatsregierung sein, wenn nicht gespielt, getanzt, gefilmt, gehört, geschaut, gezeichnet, gemalt, gestaunt, gewundert werden darf." Ohne parlamentarische Diskussion sei ein Maßnahmenpaket beschlossen worden, das für eine ganze Branchen - Kultur, Gastronomie, Hotellerie - ein Berufsverbot bedeute. "Jetzt langt's", sagt Tammelleo. "Ohne uns ist es still, vielleicht sogar endgültig." Das wiederholt sie an diesem Abend immer wieder. "Ohne uns, die Kulturschaffenden, ist es fad, einsam, langweilig, unoriginell, unkooperativ, ungesellig, unsozial."

Eingeladen zur Pressekonferenz im "Hinterhalt" waren Medienschaffende, Schauspieler, Musiker, Tontechniker, Veranstalter und freischaffende Künstler. Kommen konnten so spontan nur wenige: Filmemacher Thorsten Thane und Tontechniker Marius Hammerschmied kümmerten sich um die Technik, die "Hinterhalt"-Gruft ist im Netz zu sehen mit 20 Minuten Stille. Lichtdesigner Günter Klügl und "Arttrappen"-Bauer Nikolaus Sanktjohanser haben am Abend noch eine Installation im "Kunstturm" am Schwankl-Eck aufgebaut, bevor sie zur Konferenz eintreffen. Auch dort offenbart sich eine düstere Szenerie, mit einem schwarzen Schattenmann mit Zylinder, der bedrohlich durch die leeren Gassen streift - Sinnbild für die Obrigkeit. Die Installation werde für etwa vier Wochen die Menschen beeindrucken und vielleicht auch aufrütteln, hofft Günter Klügl.

Der Musiker, Ingenieur und Veranstalter Hans-Peter Huber berichtet, er könne nur noch so halbwegs arbeiten. Aber seine nebenberufliche Tätigkeit als Musiker sei gestorben. Die Eventszene sei mausetot, ebenso das bayerische Brauchtum. Gerade in der Musikszene auf dem Land seien viele Musiker nicht hauptberuflich tätig, finanzielle Hilfen hätten sie daher nicht zu erwarten. Andere, so Tammelleo, fielen nach zermürbendem Bürokratieaufwand durchs Raster, weil "der kommerzielle Teil" ihres Tuns ausgeklammert werde aus den Berechnungen der Unterstützung. So bei ihr im "Hinterhalt" mit den zwei Räumen, deren einer für Kultur, der andere für Feste und Veranstaltungen genutzt werde.

Am Ende der Aktion dröhnt in der Gruft lautstark der Song der Toten Hosen "Steh auf, wenn du am Boden bist/Steh auf, auch wenn du unten liegst/Steh auf, es wird schon irgendwie weitergehen." Ein Hoffnungsschimmer zum Schluss?

www.kulturverein-isar-loisach.de/protestaktion-sang-und-klanglos-im-hinterhalt/

© SZ vom 04.11.2020
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