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Lesung in Geretsried:"Das Patriarchat hat versagt"

Konstantin Wecker liest aus seinen Memoiren

Pazifist und Anarchist: Konstantin Wecker steht für „ein anderes Bayern“.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Liedermacher Konstantin Wecker über politische Entwicklungen und die Initiative "Das andere Bayern", die er zusammen mit Wolfram Kastner im Geltinger "Hinterhalt" vorstellt

Von Felicitas Amler

Der Liedermacher Konstantin Wecker ist häufig Gast in Geretsried, beim Kulturherbst der Stadt, aber auch in der Kulturbühne "Hinterhalt" von Assunta Tammelleo. Dorthin kommen er und der Münchner Aktionskünstler Wolfram Kastner am kommenden Mittwoch zur Vorstellung einer Initiative, deren Sprecher sie sind, und für die sich auch Tammelleo einsetzt: "Das andere Bayern". Wecker liest aus eigenen Werken, Kastner stellt aus. Die SZ sprach mit Wecker über sein Engagement.

SZ: Herr Wecker, was ist denn das "eine" Bayern?

Konstantin Wecker: Sie meinen, im Unterschied zum "anderen"? Nun, das eine Bayern ist jenes, das wir kennen, vertreten durch Franz Josef Strauß, Stoiber, Seehofer, über das auch schon Dieter Hildebrandt und die Biermösl Blosn und viele andere sich immer wieder aufgeregt haben. Das ist das erzkonservative Mia-san-mia-Bayern, wo man immer wieder sagen muss: Moment mal! Bayern kann auch anders sein. Und das andere Bayern ist für mich immer noch - obwohl ich nicht dabei gewesen bin - das Bayern der Räterepublik.

Gibt es ein anderes Bayern heute, oder braucht es das erst noch?

Das gibt es. Man darf nicht vergessen: Dieter Hildebrandt war zwar kein Bayer, aber er lebte in München, und er verkörperte dieses andere Bayern, auch der Polt, Karl Valentin. Ich fühlte mich darin auch immer zuhause, in diesem anderen Bayern.

Was macht das andere Bayern aus?

Dass wir uns nicht von einer bestimmten politischen Richtung vorschreiben lassen wollen, wie wir zu denken haben.

Was lieben Sie an Bayern?

Meine Freunde, die Sprache, natürlich die eine wunderschöne Landschaft. Ich bin ja in München geboren. Ich bin mit Bairisch aufgewachsen. Man hat damals noch in der Schule Bairisch gredt, meine Buben reden ja nicht mehr Bairisch.

Bedauern Sie das?

Sie selbst bedauern es. Mein Sohn sagte mir neulich, er ist traurig, dass er nicht mit einem Dialekt aufgewachsen ist.

Hätten Sie das nicht auch ein bisschen in der Hand gehabt?

Ganz schwer. Meine Frau kommt aus Norddeutschland, in der Schule wurde es auch nicht gesprochen. Prinzipiell halte ich es bei dieser Frage um Volk und Nation mit dem wunderbaren Satz von Hannah Arendt, der man vorgeworfen hat, sie liebe das jüdische Volk nicht. Worauf sie sagte: Ich liebe kein Volk, ich liebe die Menschen. Ich bin ja eigentlich auch ein Halb-Italiener, also nicht von der Geburt her ...

... von der Gesinnung?

Na, vor allem lebe ich ja seit vierzig Jahren auch in Italien. Da war's übrigens auch die Sprache. Denn mein Vater war ja Opernsänger, und ich habe mit ihm als Knabe die ganzen Verdi- und Puccini-Duette gesungen. Ich konnte kein Wort Italienisch, aber ich habe mir von der Callas angehört, wie das so klingt, und dann habe ich's halt gesungen.

In Italien hätten Sie derzeit auch gut zu tun, um ein "anderes" zu vertreten.

Das kann man sagen. Ich habe gestern mit Pippo Pollina gesprochen, er war als Gast in meinem Konzert, und wir haben da eine halbe Stunde bittere Tränen vergossen. Wobei der Pippo sagte, er hofft, dass den Italienern auch schnell mal wieder was auf die Nerven geht. Es könnte sein, dass ihnen ihr Salvinismus - hoffentlich - bald auf die Nerven geht.

Von Herbert Achternbusch gibt es das berühmte Zitat, wonach 60 Prozent der Bayern Anarchisten seien, und die wählten alle CSU. Teilen Sie dies?

(Lacht) Nein, ich kann's nicht ganz teilen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass im Grunde des Herzens eines Bayern der anarchische, herrschaftsfreie Gedanke lauert. Ich hoffe es wenigstens.

Und warum setzt der sich nicht in die politische Tat um?

Das ist die große Frage. Ich weiß es nicht. Ich kann Ihnen das nicht sagen. Ich bin mittlerweile für mich ganz persönlich zu dem Ergebnis gekommen, dass wir darüber nachdenken sollten, dass zehntausend Jahre Patriarchat versagt haben, ganz deutlich versagt. Es gab Kriege. Und wenn es nicht Gegenbewegungen gegeben hätte, die meistens aus dem kulturellen Bereich kamen, dann hätten wir die Erde wahrscheinlich schon zerstört. Vielleicht gäbe es den Homo sapiens gar nicht mehr. Es ist das Patriarchat, das versagt hat. Man sieht das ganz deutlich an diesen unreifen Männlein, von Trump bis Johnson über Erdoğan, Orbán.

Sind Ihnen von der Leyen und Kramp-Karrenbauer näher?

Nein. Da hat die Margarete Stokowski neulich im Spiegel sehr schön geschrieben: Das ist nicht Feminismus. Bei diesen beiden Damen ganz sicherlich nicht. Aber mir ist zum Beispiel eine Greta näher. Es gibt natürlich wunderbare Frauen, in der Kultur-, in der Kunstgeschichte immer schon. Aber das, was da mit Fridays for Future beginnt, das ist für mich eine eher weibliche Bewegung, keine Macho-Bewegung.

Was will "Das andere Bayern"?

Wir treffen uns, weil wir mit vielem nicht einverstanden sind. Vor allem gibt es ja immer noch die Kämpfe von Wolfram Kastner gegen Nazi-verherrlichende Monumente. Dann war ein wichtiges Ziel für uns, klarzumachen, dass der Freistaat Bayern, das Frauenwahlrecht und all das von dem anderen Bayern initiiert wurden. Ich glaube, Herr Söder hat sich immer noch nicht zu Kurt Eisner geäußert.

Kurt Eisner war Pazifist, Sie sind es auch. Die reale politische Entwicklung, auch und gerade in Deutschland, scheint in die andere Richtung zu gehen.

Ja, das ist sehr traurig. Ich halte es sehr mit dem Gustav Landauer, Erich Mühsam natürlich auch. Aber ich habe gerade festgestellt, dass Gustav Landauer auch ein sehr der Mystik zugewandter, spiritueller Mensch war. Der bezeichnet sich als einen pazifistischen Anarchisten, ebenso wie der Mühsam. Die beiden sind mir wirklich sehr, sehr nahe. Aber Sie haben Recht: Das Thema Frieden ist derzeit nicht annähernd so ein Thema, wie es das in den Achtzigerjahren war. Ich bin ja auch bei der "Kultur des Friedens" mit dabei, seit vielen Jahrzehnten, wo auch Mikis Theodorakis ist und viele wunderbare Menschen. Aber wir kriegen ja kaum noch Leute auf die Beine für Demonstrationen.

Sie haben das Novalis-Gedicht "Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren" weitergesponnen. Glauben Sie noch daran, dass irgendwann "das ganze verkehrte Wesen fortfliegt"?

Ja. Ich bin kein Optimist, aber ich bin ein hoffnungsvoller Mensch. Erich Fromm hat mal so schön gesagt, hoffen heißt, dass man an etwas glaubt, auch wenn man es nicht mehr erleben wird. Ich bin mir ganz sicher, dass wir irgendwann eine gewaltfreie Gesellschaft haben werden, und wir müssen alles dafür tun, jeder für sich, dass genau diese Utopie irgendwann wahr wird. Und das wird kein festes Gesellschaftsmodell sein, darf keines sein. Da bin ich auch ganz bei Mühsam: Revolution heißt, dass es immer weiter entwickelt wird, mit den Menschen, mit allen Menschen.

"Das andere Bayern" stellt sich vor: Lesung mit Konstantin Wecker, Ausstellung "100 Jahre Freistaat" mit Werken von Wolfram Kastner, Mittwoch, 31. Juli, 20 Uhr, "Hinterhalt", Leitenstraße 40, Geretsried-Gelting, Eintritt 10 Euro, Reservierung: info@hinterhalt.de

© SZ vom 27.07.2019
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