Geretsried:Häme mit Bruder Barnabas

Lesezeit: 3 min

Geretsried: Ludwig Schmid trat auch heuer wieder als Fastenprediger Barnabas auf.

Ludwig Schmid trat auch heuer wieder als Fastenprediger Barnabas auf.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Geretsrieder und ihre Gäste verbringen bei Starkbier und Fastenpredigt ein höchst vergnügliches Wochenende

Von Thekla Krausseneck, Geretsried

Bruder Barnabas lässt Wolfratshausen einiges an Häme einstecken, der stellvertretende Landrat Klaus Koch gewinnt das Pfundsägen und Roland Hammerschmied mimt Helene Fischer auf der Bühne: Die 800 Besucher des Geretsrieder Starkbierfests haben ein höchst vergnügliches Wochenende hinter sich.

Etwa 350 Gäste kamen am Freitag in den Ratsstubensaal, rund 450 Besucher füllten die Bänke am Samstag, darunter deutlich mehr Politiker als am Vortag. Höhepunkt des Starkbierfests war wie jedes Jahr der Auftritt Ludwig Schmids, der nach Eröffnung des Fests noch eine Stunde lang mit der Gartenberger Bunklerblasmusik musizierte, ehe er in einer langen, braunen Kutte als Bruder Barnabas auf die Bühne schritt.

Hinter sich her schleppte er eine Pop-up-Tonne aus Kunststoff, in der so viele schwere Dinge lagen, dass sie den sonst eigentlich ganz kräftigen Bruder Barnabas völlig aus der Puste brachten. Er habe daheim ein bisschen aufgeräumt und alles aussortiert, was sich so angesammelt habe - Dinge, die einfach hinüber oder gar nicht fertig geworden seien, die keiner mehr brauche oder von denen niemand mehr wisse, "was des amoi hätt werdn soin".

Das Gegenteil von interkommunal? Existierend

Manches davon sei noch aus den Zeiten der Bürgermeister Hans Schmid und Cornelia Irmer. Was das für Zeug war, erfuhren die Besucher erst nach und nach: Eine Bademütze zum Beispiel, exemplarisch für das interkommunale Hallenbad. "Wisst ihr eigentlich, wie man das Gegenteil von interkommunal bezeichnet?", fragte Barnabas und beantwortete es gleich selbst: "Existierend." Das Geretsrieder Hallenbad sei zwar nicht so der Renner und habe auch nicht immer auf. "Aber es existiert."

Auch im Sack: ein Poster von Marylin Monroe, symbolisch für die Hollywood-Kurve. Während der Mobilitätstage war im vergangenen Sommer Innenminister Herrmann vorbeigekommen, um sich die weißen Buchstaben auf dem Hang an der B 11 anzusehen. "Und der hat dann beschlossen, dass der Schriftzug stehen bleiben darf", sagte Barnabas, "zumindest bis die S-Bahn kimmt. Also ewig." Beim Publikum kamen Scherze wie dieser besonders gut an; lauter waren das Klatschen, Jubeln und Pfeifen nur bei Seitenhieben gegen die Stadt Wolfratshausen.

Das zeigte sich schon bei der Begrüßung des Wolfratshauser Bürgermeisters Klaus Heilinglechner. In der Nachbarstadt "machens eam as Leben net grad leicht", sagte Barnabas mitfühlend: "I hab ja gmoant, dass du als gelernter Landwirt mit Rindviecher umgeh' kunnst." Neben Heilinglechner entdeckte Barnabas die Gesichter von Paul Brauner, Reiner Berchtold, Ludwig Gollwitzer und Helmut Forster im Publikum, was ihn zu der Feststellung veranlasste: "Ihr seid's wie niemand sonst das Sinnbild für die Stadt Wolfratshausen - der Glanz vergangener Tage." In Wolfratshausen, so Barnabas' Erkenntnis, gebe es inzwischen genug Theater - beim Bürgerladen könne sogar von Science Fiction gesprochen werden.

Seitenhiebe auf Wolfratshausen

Wieder griff er in den Sack und zog eine leuchtend orangefarbene Bauhof-Weste heraus: In Geretsried werde ein neuer Bauhof-Leiter gesucht. Man sollte den Bauhof Wolfratshausen unterstellen, schlug Barnabas vor; im Gegenzug könne Geretsried die Wolfratshauser Wirtschaftsförderung übernehmen, "weil eire Betriebe ham ma ja scho". Dem setzte er noch eins drauf, als er die Modelleisenbahn aus dem Sack zog.

Die S-Bahn fahre wegen der ständigen Störungen schon jetzt nicht von Wolfratshausen nach München. Vielleicht würde ja die Verbindung nach Geretsried besser funktionieren, was für die Wolfratshauser total interessant wäre: "Dann könnten die a mal wieder zum Einkaufen fahren."

Geretsried: Der Landrat nahm es mit Humor.

Der Landrat nahm es mit Humor.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Seitenhiebe gegen Wolfratshausen aber täuschten nicht darüber hinweg, dass Barnabas auch in seiner Heimatstadt mehr als genügend Stoff gefunden hatte. Da wäre einmal die Baufirma Krämmel, ohne die inzwischen nichts mehr gehe, aber eben auch nichts voran. "Am Lorenzareal is des nur a Missverständnis", sagte Barnabas, "die Leut reden immer von Baumarkt und der Krämmel versteht immer nur: Bau ma Wohnungen."

"Place de Beton" - so könnte der Neue Platz auch heißen

Für die Umbenennung des rundum sanierten Neuen Platzes machte Barnabas einen Vorschlag, der besonders gut ankam: "Place de Beton". Klare Worte gab es zur Gewerbesteuererhöhung. Dass die kommen werde, sei klar gewesen. "Das Hopfner-Lager hat das Müller-Lager in der Stichwahl net umsonst unterstützt. Und irgendwann ist halt Zahltag." Das letzte Objekt, das aus dem Sack gezogen wurde, war dennoch eine Liebeserklärung an Geretsried, geziert mit einem Herzchen. Das belohnten die Geretsrieder Starkbierfest-Besucher mit einem Applaus im Stehen.

Gefeiert wurde danach noch bis spät in die Nacht. 29 Männer und Frauen versuchten sich im Pfundsägen, Klaus Koch machte mit 516 Gramm den ersten Platz. Landrat Josef Niedermaier verpasste den dritten Platz um genau ein Gramm. Die Bunkerblasmusik spielte den gesamten Abend hindurch, darunter die Lokalhymne "Dir, Geretsried, die Treue" und den Einzeiler "Schied ei, heit is Starkbierfest" zur Melodie von "Go West" von den Pet Shop Boys. Der zu Beginn der Veranstaltung angekündigte Stargast entpuppte sich als Roland Hammerschmied, der mit einer blonden Perücke Helene Fischers "Atemlos durch die Nacht" sang.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema