Es ist soweit: Das kanadische Unternehmen Eavor hat mit der Stromproduktion in der Geothermie-Anlage im Geretsrieder Stadtteil Gelting begonnen. Man sei stolz auf die erfolgreiche Einspeisung der „weltweit ersten Elektronen, die aus geschlossenen, multilateralen Bohrungen erzeugt werden“, erklärt Mark Fitzgerald, Präsidenten und CEO des in Calgary ansässigen Unternehmens. Dies sei ein Meilenstein für die Geothermie und die Closed-Loop-Technologie von Eavor.
Bei dem neuartigen Verfahren wird Geothermie durch die Einleitung von Wasser in etwa 5000 Meter tiefe Erdschichten auch ohne natürliche Heißwasservorkommen genutzt. Der Loop in Geretsried umfasst zwei vertikale Bohrungen, von denen jeweils sechs horizontale abzweigen. Diese zwölf Seitenbohrungen werden mit einem speziellen Verfahren unterirdisch Spitze an Spitze verbunden. Sie bilden so sechs Paare, die zusammen einen gigantischen Wärmetauscher ergeben. „Diese Bohrungen gehören mit einer Länge von sechs Kilometern durchgehender Bohrstrecke pro Paar zu den längsten der Welt“, erklärt Alexander Land, Pressesprecher von Eavor.
Die Loop-Technologie könnte eine bahnbrechende Innovation für klimaneutrales Heizen werden. Ihr Vorteil ist, dass sie sich – anders als die klassische Geothermie – auf etwa 80 Prozent aller Flächen in Deutschland anwenden ließe. Wie das Unternehmen mitteilt, ist das geschlossene Loop-System für unterschiedliche geologische Bedingungen geeignet. Man benötige keine neuen Bohrungen, auch keine Maßnahmen, um Wasser zu beschaffen und aufzubereiten.
Derzeit produziert die Anlage in Gelting zwischen 0,5 und einem Megawatt in der Stunde. Künftig soll sie 8,2 Megawatt Strom einspeisen und 64 Megawatt Fernwärme liefern. Damit könnte man bis zu 30 000 Haushalte versorgen. Die Geretsrieder Stadtwerke haben dafür die Tochtergesellschaft Isar Loisach Naturwärme GmbH (ILN) gegründet, die mit dem kanadischen Unternehmen bereits im Frühjahr 2024 einen Wärmeliefervertrag geschlossen hat.

Die Anlage in Geretsried ist die erste kommerzielle ihrer Art weltweit. Laut Eavor-Präsident Fitzgerald sollen weitere folgen: „Mit der Inbetriebnahme in Geretsried sind wir zuversichtlicher denn je, dass sich unser geschlossenes System – entwickelt für hohe Anpassungsfähigkeit und geeignet für die vielfältigen Regionen der Welt – als führende Lösung für kommerzielle Geothermie-Anwendungen etablieren wird.“
Ähnlich äußert sich auch Fabricio Casario. Durch den Erfolg sei das Projekt in Geretsried eine „Blaupause für eine breitere europäische und weltweite Umsetzung, da Regionen nach stabilen, lokal erzeugten, kohlenstofffreien Energiequellen mit minimalem Land- und Wasserbedarf suchen“, sagt der Geschäftsführer der Eavor Erdwärme Geretsried. Man sei entschlossen, die Entwicklung in der Region weiter voranzutreiben.
Zwei frühere Bohrungen sind erfolglos verlaufen
Der Geothermie-Strom in Oberbayern erregt weltweit Aufsehen. Eavors Erfolg sei „ein Meilenstein für kanadische Innovationen und die Führungsrolle im Bereich der sauberen Technologien“, erklärt Yannick Beaudoin, Vorstand des Canada Growth Fund (CGF). Für Nicola Beer, Vizepräsidentin der Europäischen Investitionsbank, ist die Premiere in Geretsried auch „eine europäische Erfolgsgeschichte, die Realität wird“. Sie verweist auf das durch Invest-EU-Programm garantierte Darlehen von fast 45 Millionen Euro, den Zuschuss aus dem EU-Innovationsfonds sowie von europäischen und internationalen Banken.
Ehe das kanadische Unternehmen nach Gelting kam, gab es bereits zwei Geothermie-Versuche. 2013 wurde auf knapp 4900 Meter vertikale Tiefe gebohrt, doch die Förderrate von weniger als zehn Litern Wasser pro Sekunde war zu gering, um sie wirtschaftlich zu nutzen. 2017 scheiterte auch eine seitlich angelegte Bohrung bis in 5700 Meter Tiefe.

