75 Jahre GeretsriedVom Barackenlager zur Zukunftsstadt

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Neue Einträge ins Goldene Buch: Auch der langjährige CSU-Landtagsabgeordnete Martin Bachhuber zollt der Stadt Geretsried Respekt.
Neue Einträge ins Goldene Buch: Auch der langjährige CSU-Landtagsabgeordnete Martin Bachhuber zollt der Stadt Geretsried Respekt. Hartmut Pöstges

Besondere Momente, persönliche Erinnerungen und nachdenkliche Worte: Mit einem bunten Festakt feiert Geretsried die 75-jährige Gemeindegründung und die 55-jährige Stadterhebung.  Der Tenor: Die Stadt sei ein Vorbild und ein Jungbrunnen.

Von Susanne Hauck, Geretsried

Bürgermeister Michael Müller (CSU) weiß, wovon er spricht. Er ist ein Kind von Heimatvertriebenen. Mit einer emotionalen Ansprache würdigt er in den festlich geschmückten Ratsstuben die Ursprünge und die Bedeutung der Kommune. „Geretsried ist eine Stadt, die aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs geboren wurde“, sagt er. Doch anstatt sich ihrem historischen Schicksal zu ergeben, sei sie stets zukunftsorientiert gewesen. Besonders hebt Müller die Leistung der Heimatvertriebenen hervor, die sich 1946 und in den Folgejahren mit wenig mehr als dem sprichwörtlichen Koffer in der Hand eine neue Existenz aufbauten.

„Damals gab es hier kaum mehr als ein paar Baracken, eine Handvoll Läden und eine Bevölkerung, die mit einfachsten Mitteln das Beste aus ihrer Lage machte“, sagt Müller. Heute sei Geretsried eine weltoffene, dynamische Stadt mit mehr als 100 Nationalitäten, einer florierenden Wirtschaft und reichem kulturellem Leben.

Bürgermeister Michael Müller ist stolz auf seine Stadt.
Bürgermeister Michael Müller ist stolz auf seine Stadt. Hartmut Pöstges
Geretsried sei ein Musterbeispiel dafür, wie Integration gelingen und aus Geschichte Zukunft entstehen könne.
Geretsried sei ein Musterbeispiel dafür, wie Integration gelingen und aus Geschichte Zukunft entstehen könne. Hartmut Pöstges

Was Geretsried nach Müllers Worten besonders macht, ist die Entstehung aus eigener Kraft. „Anders als in vielen anderen Orten wurden die Heimatvertriebenen hier nicht auf bestehende Strukturen verteilt – sie blieben unter sich und bauten eine ganz neue Stadt auf.“ Geretsried sei lange als Vertriebenenstadt belächelt und unterschätzt worden, doch heute sei es Vorbild dafür, wie man mit Herausforderungen umgehen könne: „Nicht jammern, nicht den Kopf in den Sand stecken, nicht alles negativ sehen – sondern anpacken und gestalten.“

Wer verstehen wolle, was Deutschland könne, müsse nach Geretsried schauen. Zum Schluss mahnt der Bürgermeister, Flucht und Vertreibung nicht nur als Teil der Vergangenheit zu betrachten. „Das ist aktueller denn je.“ Die Stadt sei ein Musterbeispiel dafür, wie Integration gelingen und aus Geschichte Zukunft entstehen könne.

Landrat Josef Niedermaier (CSU) würdigt in seiner Ansprache die Bedeutung der Stadt für die gesamte Region – nicht nur als wirtschaftlicher Motor, sondern auch als inspirierender Jungbrunnen. „Wenn man älter wird, läuft man Gefahr, Geschichte zu selbstgefällig zu betrachten“, sagt er. Gerade deshalb sei eine junge Stadt wie Geretsried so wichtig – die Verjüngung tue dem ganzen Landkreis gut.

In seiner Jugend habe er mit der Vertriebenenstadt gefremdelt, gesteht der gebürtige Tölzer. „Als junger Fußballer bin ich zu Auswärtsspielen gekommen – und ehrlich gesagt, Geretsried war schon anders.“ Erst Jahre später, als Kommunalpolitiker, habe er die Besonderheit der Stadt mit ihren vielen Landsmannschaften richtig verstanden.

Louis Giscard d’Estaing mahnt dazu, den europäischen Gedanken weiter hochzuhalten.
Louis Giscard d’Estaing mahnt dazu, den europäischen Gedanken weiter hochzuhalten. Hartmut Pöstges
Bernd Fabritius, Vorsitzender des Bundes der Vertriebenen (BdV), erinnert an die Aufbaujahre.
Bernd Fabritius, Vorsitzender des Bundes der Vertriebenen (BdV), erinnert an die Aufbaujahre. Hartmut Pöstges

Louis Giscard d’Estaing, Bürgermeister der französischen Partnerstadt Chamalières, ist auch zum Festakt angereist. Er trägt eine Schärpe in Frankreichs Nationalfarben. In seiner Ansprache würdigt er die mittlerweile 42 Jahre währende Städtepartnerschaft mit Geretsried und ruft eindringlich zur Bewahrung des europäischen Gedankens auf.

Bernd Fabritius, Vorsitzender des Bundes der Vertriebenen (BdV), trägt sich ins Goldene Buch der Stadt Geretsried ein.  Er erinnert daran, wie schwierig die plötzliche Ankunft vieler Heimatvertriebenen für das Zusammenleben mit der einheimischen Bevölkerung zu Beginn mitunter gewesen sei. „Bis weit in die 1960er Jahre glaubten viele, in ihre alte Heimat zurückkehren zu können“, sagt Fabritius. Erst mit der Zeit sei die Erkenntnis gereift, dass Geretsried mehr sei als eine Durchgangsstation. Fabritius ruft die Stadtgesellschaft dazu auf, ihre besondere Herkunft mit Selbstbewusstsein zu tragen: „Geretsried darf und soll sich mit Stolz Vertriebenenstadt nennen.“

Den viel gepriesenen Gemeinschaftssinn will Bürgermeister Michael Müller dann auch auf kulinarische Weise sichtbar machen: „Integration geht auch durch den Magen“, kündigt er das Festmenü an. Es steht unter dem Motto „Alte Heimat trifft neue Heimat“. Den rund 180 Ehrengästen aus Politik und Partnerstädten, Kirchen und umliegenden Kommunen wird Rindergulasch mit böhmischen Knödeln und anschließend Bayerische Creme mit Erdbeeren serviert, musikalisch begleitet vom Brass-Quartett der Musikschule Geretsried. Druckfrisch liegt auch die Festschrift mit vielen historischen Bildern und einem Querschnitt durch 75 Jahre Ortsgeschichte aus. Sie wird an alle Geretsrieder Haushalte verteilt.

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