bedeckt München 16°
vgwortpixel

Heimatwerkstatt:Wo die Zukunft durchgerüttelt wird

Tilman Heinisch von der SGS führt einen der großen Rüttler vor, auf dem die Autoakkus bis zu 100 Stunden lang aushalten müssen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Das Prüfunternehmen SGS hat in Gelting eine Außenstelle aufgemacht. Dort werden vor allem Akkus für Elektroautos auf ihre Alltagstauglichkeit untersucht. Bei den Tests kommen sogenannte "Shaker" zum Einsatz - und exakt genormter Staub.

Man kann inzwischen ja schon viel Schmarrn kaufen. Aber exakt genormten Staub? Wer würde dafür schon Geld ausgeben? Zumal dieses Pulverchen noch nicht einmal wirklich billig ist. Die Fünf-Kilo-Packung vom feinsten "Arizona Road Dust" kostet stattliche 300 Dollar. "Preise fast wie bei Kokain", scherzt Tilman Heinisch und pustet sich ein bisschen Normstaub von der Handfläche.

Heinisch ist "Bereichsleiter Field Service" bei der Prüfgesellschaft SGS. Eine deutsche Übersetzung für diese Position gibt es nicht wirklich. Aber so ist das nun mal eben bei global agierenden Unternehmen. Und die SGS mit Hauptsitz in Genf, jährlich rund sechs Milliarden Franken Umsatz und weltweit fast 100 000 Angestellte - die darf man definitiv zu diesen Großkonzernen zählen.

Seit vergangenen Oktober ist die SGS auch im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen aktiv. Im Gewerbegebiet von Gelting hat die Firma eine etwa 4000 Quadratmeter große Halle bezogen, die vor ein paar Tagen nun auch offiziell eingeweiht wurde. Von außen sieht die Halle aus wie die meisten anderen in Industriegebieten auch. Man könnte gar nicht sagen, was sich hinter den Hallentoren verbirgt - wenn da nicht dieser Schriftzug wäre. "E-Mobility-Lab" steht in großen Lettern an der Außenwand.

Die Schweizer SGS ist so etwas wie der TÜV oder Dekra - nur ein bisschen größer. 2008 hat die Firma das Siemens-Labor in Sendling übernommen, ist seitdem aber stetig weiter gewachsen. In München wurde der Platz schnell eng. Vergangenes Jahr hat die SGS deshalb die Außenstelle in Gelting aufgemacht.

In Gelting werden hauptsächlich Akkus für E-Autos getestet, erzählt Tilman Heinisch. Bevor die Batterien in Serie gehen, werden sie bei der SGS daraufhin untersucht, ob sie in der Lage sind, den täglichen Umwelteinflüssen zu trotzen. Deshalb werden die Akkus unter anderem in eine Staubkammer gesteckt und dort mit dem teuren "Arizona Road Dust" besprüht. So lässt sich feststellen, ob irgendwo Dreck eindringen kann. Die Batterien werden Chlor, Stickoxid und Schwefelgasen ausgesetzt, um zu sehen, wie schnell sie Rost ansetzen. Und sie werden auf Rüttelanlagen, sogenannten Shakern, bis zu 100 Stunden ordentlich durchgeschüttelt - mal bei minus 50, mal bei plus 160 Grad.

Die Rüttler nehmen den weitaus größten Platz in der Halle ein. Zwischen 500 000 Euro und anderthalb Millionen kostet so ein Testinstrument, je nach Größe eben. Für die Akkus der Elektroautos brauche man aber schon einen von den ganz großen Rüttlern, sagt Heinisch. Die seien momentan schließlich selbst noch fast autogroß.

Zu den wichtigsten Kunden in Gelting zählt die SGS vor allem BMW und Daimler. Etwa 80 Prozent des Auftragsvolumen kommt aus der Automobilbranche. Damit sei man momentan ganz ordentlich ausgelastet, sagt Laura Garcia-Baglietto, die Labor-Leiterin in Gelting. Sie rechnet aber damit, dass der Standort auch noch weiter wachsen wird. Die E-Mobilität sei schließlich gerade erst so richtig im Aufbruch. "Wir werden da mitwachsen", so Garcia-Baglietto.

25 Prüftechniker sind derzeit in Gelting beschäftigt. Diese Zahl soll aber noch deutlich steigen. Auf den Rüttlern lassen sich schließlich auch noch allerlei andere Dinge testen. Kaffeemaschinen von der Bahn zum Beispiel, die müssen im ICE auch einiges aushalten. Oder - auch diesen Auftrag gab es mal: Sixpacks Bier aus Pappe. Da wollte die Paulaner-Brauerei sichergehen, dass die Kartons beim Geschaukel auf dem Bierlaster nicht einreißen. 200 Packungen hat die Brauerei zum Testen nach Gelting geschickt. Und mit den Flaschen, die den Test überlebt haben, durften die Mitarbeiter danach anstoßen.

© SZ vom 10.07.2019
Zur SZ-Startseite