Ein Spielfloß wird aufgestelltDie schönste Nebensache Geretsrieds

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Man muss genau hinsehen: Über der Tür zum Geretsrieder Rathaus ist ein Steinrelief angebracht, das eine Floßfahrt und einen Holzknecht zeigt.
Man muss genau hinsehen: Über der Tür zum Geretsrieder Rathaus ist ein Steinrelief angebracht, das eine Floßfahrt und einen Holzknecht zeigt.
Hartmut Pöstges

Die Stadt erinnert an die Flößerei auf der Isar beim Weiler Gerratesried und der Loisach in Gelting. Gabriele Rüth spricht von „Nebenerwerbsflößern“.

Von Felicitas Amler, Geretsried

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Kaum jemand dürfte sich so gut mit der Flößerei im Oberland auskennen wie Gabriele Rüth. Und sie ist „ganz sicher“, dass dieses alte Handwerk vor Jahrhunderten nicht nur in Wolfratshausen von Bedeutung war, sondern auch in Geretsried. Das heißt, in jenem Geretsrieder Stadtteil, der damals noch ein eigenständiges Dorf war – in Gelting; und in jenem erstmals 1083 urkundlich erwähnten Weiler, der den Namen „Gerratesried“ trug.

Rüth, die Vorsitzende des Wolfratshauser Vereins Flößerstraße, betont allerdings den Unterschied: In Wolfratshausen waren viele Flößer tätig, die allein von diesem Handwerk lebten, in Geretsried aber seien es immer nur Nebenerwerbsflößer gewesen, sagt sie. Tatsächlich ist Wolfratshausen offiziell anerkannt als Internationale Flößerstadt und wirbt mit seiner Geschichte: „Nach einem Fahrplan aus dem Jahr 1854 fuhr jeden Montag ein Floß ab nach Landshut, Passau, Linz und Wien. Den Höhepunkt erreichte das Handwerk Mitte des 19. Jahrhunderts, als jährlich 5800 Flöße die Wolfratshauser Lände passierten.“ Der Verein Flößerstraße schildert es detailliert: „Die Wolfratshauser Floßmeister beherrschten die Loisach.“ Im Jahr 1447 habe man bereits 1884 Flöße an der Wolfratshauser Lände gezählt, im Jahr 1496 seien es 3639 gewesen, und auf dem Höhepunkt, im Jahr 1864, sogar 5840 Flöße.

Das Spielfloß der Marke Obra Design soll Anfang September in Geretsried aufgestellt werden.
Das Spielfloß der Marke Obra Design soll Anfang September in Geretsried aufgestellt werden.
Obra Design/oh

Geretsried will nun seinerseits zum bekannten Image als Vertriebenenstadt die Flößerei als Charakteristikum seiner Geschichte herausstellen. Nachzulesen ist dies bereits auf der Tourismus-Website der Stadt, die sich auf Text und Fotos von Gabriele Rüth stützt. Und auch im Stadtbild soll die Tradition sichtbar werden: mit einem Spielfloß, das Anfang September auf dem öffentlichen Spielplatz an den Ratsstuben aufgestellt wird.

Geretsried wird von zwei Flüssen gesäumt, und auf beiden wurde geflößt. „Die Flößerei auf der Isar oder Isarflößerei war vom 13. bis zum 19. Jahrhundert ein Mittel des Güter- und Personentransports auf der Isar und ihrem Nebenfluss Loisach“, heißt es auf Wikipedia. „Die Isar konnte ab Mittenwald mit dem Floß befahren werden, die Loisach ab Garmisch.“ So landeten in Wolfratshausen auf der Loisach jene Waren an, die vom Oberlauf her transportiert wurden, erklärt Rüth: „In erster Linie Holz, außerdem Wetzsteine aus Ohlstadt, Obst und Kohle aus Penzberg.“ Die Geltinger Flößer seien sicher nicht eigenständig gewesen, so vermutet sie, sondern den Wolfratshausern unterstellt.

Auf der Isar wiederum sei vor allem Kalk an einer Floßlände abgeliefert worden. Ein Kalkofen habe beim „Jägerhäusl“ gestanden, schreibt Rüth. Ein weiterer laut den Flurkarten von 1863 mit der Bezeichnung „Kalkofenfeld“, auf der Südseite der Tattenkofener Straße nahe dem Gasthaus Geiger; er sei heute überbaut. Die Geschichte des Kalkbrennens in dieser Gegend hat schon der Arbeitskreis Historisches Geretsried dokumentiert.

Im Gasthof Geiger sollen die Isarflößer einst eingekehrt sein.
Im Gasthof Geiger sollen die Isarflößer einst eingekehrt sein.
Felicitas Amler/oh
Zweifellos sei der Heilige Nikolaus in der nach ihm benannten Geretsrieder Kapelle ein Hinweis auf die Flößerei, meint Gabriele Rüth.
Zweifellos sei der Heilige Nikolaus in der nach ihm benannten Geretsrieder Kapelle ein Hinweis auf die Flößerei, meint Gabriele Rüth.
Hartmut Pöstges

Der Gasthof Geiger und die ihm schräg gegenüberliegende Nikolauskapelle sind für die Vorsitzende des Flößerstraße-Vereins weitere Indizien für die Flößerei in Geretsried. Im Gasthof seien die Flößer auf ihrem Heimweg von München, den sie zu Fuß oder, „wenn sie die Gelegenheit hatten“, auf einem Pferdefuhrwerk zurücklegten, eingekehrt. Bis heute seien beim „Geiger“ Objekte zu sehen, die an die Flößerei erinnerten: Gemälde, Urkunden und ein Miniaturfloß. In der Nikolauskapelle sieht Rüth gar „einen stichhaltigen Beweis“ der Flößertradition bei Gerratesried. Denn der Heilige Nikolaus ist Schutzpatron der Flößer. „In dem Kirchlein beteten die tiefgläubigen Flößer zu dem Heiligen und baten ihn um Schutz auf ihrer gefährlichen Fahrt.“ Und den hätten sie auch gebraucht, erklärt die Hobbyhistorikerin. Denn in ihren Gürteln hätten die Flößer das Geld getragen, das sie eingenommen hatten, und darauf hätten es Wegelagerer abgesehen.

Das Interesse am Thema Flößerei scheint in und um Wolfratshausen groß zu sein. Denn Rüths Verein hat mit einem Crowdfunding für ein Spielplatz-Floß an der Alten Lände in Wolfratshausen die Zielsumme von 5000 Euro sogar um 17 Prozent überschritten. Und es könnte noch mehr werden, denn die Frist läuft bis 15. September. Dazu heißt es auf der Crowdfunding-Website: „Mit Ihrer Spende können wir einen Teil des Spielplatz-Floßes finanzieren. Jeder weitere Euro würde für die Pflege der Anlage verwendet.“

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