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Geretsried:Explosion im Treppenhaus

Amtsgericht verurteilt Trio wegen selbst gebasteltem Böller

Von Benjamin Engel, Geretsried

Als im August und September 2019 jeweils ein selbst gebastelter Sprengsatz im Wohn- und Geschäftshaus-Komplex der Geretsrieder Baugenossenschaft an der Egerlandstraße explodiert, wird glücklicherweise niemand verletzt. Die Sachschäden bleiben damals gering. Doch ein Gutachter des Bayerischen Landeskriminalamts spricht eineinhalb Jahre später vor dem Wolfratshauser Amtsgericht von einer "brandgefährlichen Situation". Wäre jemand im Treppenhaus nah dran gewesen, hätte er massive Gehörschäden oder auch Brandverletzungen erleiden können, schildert der Gutachter. Eine Gruppe um zwei junge Frauen hatte die Idee gehabt, einer dort wohnenden Bekannten damit eine Lektion zu erteilen. Mit ihr waren sie zerstritten. Es soll um Geldschulden gegangen sein.

Alle Angeklagten stammen offenbar aus dem Drogenmilieu. Eineinhalb nach der Explosion im Treppenhaus, ist ein Trio am Wolfratshauser Amtsgericht nun verurteilt worden. Eine heute 22-jährige Verkäuferin bekam eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Sie hatte ebenso gestanden, 17 Mal Drogen - Marihuana und ein Kokain-Gemisch - gekauft zu haben. In ihrer Wohnung fand das nach der Explosion angerückte Sondereinsatzkommando ebenfalls Marihuana.

Für die Sprengstoffexplosionen war die junge Frau wohl mit einer gleichalterigen Freundin die Hauptinitiatorin. Diese wurde dafür zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt. Beide waren mit einem 38-Jährigen befreundet, von dem sie wussten, dass er selbst Böller bastelt. Dieser Mann bekam eine Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren und 120 Sozialstunden zur Auflage, die beiden Frauen bekamen zusätzliche Geldstrafen. Das Verfahren gegen einen vierten Beteiligten, welcher der Beihilfe angeklagt war, wurde eingestellt.

Um die Bekannte im August 2019 zur Rede zu stellen, hatte das Trio die Frau zunächst per Whatsapp-Nachricht bedroht. Sie fuhren zu deren Adresse, schlugen und traten gegen die Wohnungstür - ohne Reaktion. Als das Trio abzog, warf der 38-jährige seinen Böller in ein Blumenbeet im Gebäude-Innenhof. "Man hat einen ziemlich lauten und deutlichen Krach gehört", sagt die 22-jährige Verkäuferin. Einen knappen Monat später beschlossen die Frauen erneut zuzuschlagen. Diesmal begleitete sie ein anderer Bekannter, der den Böller im Treppenhaus detonieren ließ. Gegen ihn war das Verfahren wegen eines anderweitigen Urteils im vergangenen November bereits eingestellt worden.

"Erschrecken war Sinn und Zweck der Übung", sagt der am Montag ebenfalls verurteilte 38-Jährige. Der Mann hatte schon wiederholt Böller gebastelt, weil ihn deren Explosionskraft faszinierte, wie er sagt. Seine Kenntnisse hatte er aus Internet-Videos, diesen entsprechend mischte die Chemikalien zusammen. Mit dem zweiten Böllerwurf habe er nichts zu tun, sagte er. Die Frauen und ihr Bekannter müssten ein in der Wohnung herumliegendes Exemplar genommen haben. Das wollte ihm Strafrichter Helmut Berger nicht glauben. "Das ist ein Fall, der so nicht häufig zur Verurteilung ansteht", sagte er. Warum die Angeklagten nach dem ersten einen Monat später noch einen zweiten Böller zündeten, verstand er nicht. Dieses Verhalten könne kaum dusseliger sein.

© SZ vom 02.03.2021
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