Sinara Grellmann hat in ihrer beruflichen Laufbahn schon eine beachtliche Strecke zurückgelegt. Die 38-jährige evangelische Pfarrerin stammt schließlich aus dem südlichsten Bundesstaat Brasiliens Rio Grande do Sul. Nach ihrer Ordination zum Pfarrdienst hat sie es erst ein bisschen weiter nördlich in den Bundesstaat Santa Catarina verschlagen, und dann 2021 mehr als zehntausend Kilometer weiter nach Bayern, in die oberfränkische Gemeinde Schwarzach bei Kulmbach. Von dort aus ist es, gemessen an ihrem bisherigen Lebensweg, eigentlich ein Katzensprung nach Geretsried, wo sie nun die Nachfolge von Pfarrer Georg Bücheler antritt und die Gottesdienste in der Petruskirche leiten wird. Trotzdem ist es, nach einer belastenden Trennung von ihrem Mann, mehr für die Mutter und ihre drei Kinder. „Es ist ein neuer Anfang“, sagt Grellmann.
Die Eindrücke, die sie bis jetzt von Geretsried hat, sind durchweg positiv, wie sie berichtet. „Ich finde die Gegend sehr schön“, sagt die neue Pfarrerin. Das Oberland sei mit den nahen Bergen geografisch ganz anders als Oberfranken. Aber die Stadt und ihre Umgebung seien doch eben genug, um sie mit dem Fahrrad zu erkunden. Auch ihre Kinder hätten sich schnell eingelebt: Die großen, eine 14-jährige Tochter und ein zwölfjähriger Sohn, träfen sich schon selbständig mit Freunden in der Stadt, sagt Grellmann. Und die jüngste, eine zweijährige Tochter, komme im Herbst in den Kindergarten am Glockenturm, den die Evangelische Gemeinde gleich neben ihrem Pfarramt betreibt. Vor allem aber hätten sie die Menschen herzlich aufgenommen.
Im Gemeindeverbund ist Grellmann die vierte Pfarrerin
An ihrem neuen Job gefällt der Brasilianerin, dass sie die vierte Pfarrerin im Gemeindeverbund Isar-Loisachtal ist und mit Diakonin Linda Ott dort nun fünf Frauen im Führungsteam drei Männern gegenüberstehen. Die Evangelische Gemeinde Geretsried mit mehr als 4000 Mitgliedern teilt sich Grellmann mit Pfarrer Theo Heckel. Die geteilte Stelle sei eine Bedingung für ihre Bewerbung gewesen, sagt die 38-Jährige. Und sie sei froh, dass die Verwaltungsarbeit größtenteils von anderen übernommen werde, fügt sie lächelnd hinzu. So könne sie sich auf ihre Kernaufgaben fokussieren: Gottesdienste in der Petruskirche, Konfirmationsunterricht und Kasualien wie Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. „Die ersten Tauftermine habe ich schon“, sagt Grellmann.
Die Frau mit den rötlichen Haaren und den hellblauen Augen kam als jüngstes von fünf Kindern in der Stadt Constantina nahe der argentinischen Grenze zur Welt, als Nachfahrin deutscher Protestanten, die im frühen 19. Jahrhundert ausgewandert waren. „Meine Familie ist sehr gläubig“, sagt Grellmann. Zum Theologie-Studium in São Leopoldo inspirierte sie jedoch eine Nachbarin, die etwas älter war als sie und Pfarrerin wurde. Die Sprache ihrer Vorfahren lernte sie dann bei einem Austausch in Göttingen kennen, wo sie zwei Semester studierte. Das habe ihr auch zu ihrer ersten Stelle als Pfarrerin verholfen: In Pomerode, einer von pommerschen Auswanderern gegründeten Kleinstadt im Bundesstaat Santa Catarina, war Grellmann neun Jahre lang für die Seelsorge zuständig.
„Ich möchte, dass die Leute sich angesprochen fühlen“
Die große Veränderung kam dann mitten in der Corona-Zeit: 2020 wurden Grellmann und ihr Mann von einem internationalen Headhunter abgeworben, um die seit langem vakante Pfarrstelle in Schwarzach zu besetzen. Ein Jahr habe es gedauert, alle bürokratischen Hürden zu überwinden, bis sie die Stelle im August 2021 antreten konnten, erinnert sich die 38-Jährige. Bei der oberfränkischen Gemeinde kam das brasilianische Paar schon bald gut an. „Mit der Zeit hat die Gemeinde zwei moderne Pfarrer kennen und lieben gelernt“, heißt es dazu auf der Homepage der Pfarrei. „Eure Predigt to go war sehr begehrt. Ihr habt Menschen begeistert und sogar für Kircheneintritte gesorgt.“ Der Abschied nach dem Zerwürfnis in der Ehe wurde von vielen Gemeindemitgliedern bedauert und fiel auch Grellmann schwer, wie sie berichtet. Die Landeskirche habe sie aber beim Beginn des neuen Kapitels gut unterstützt.
In Geretsried wolle sie nun wieder Gottesdienste feiern, wie sie es gewohnt sei: „lockerer, offener, weniger nah an der Liturgie“, sagt Grellmann. „Ich möchte, dass sich die Leute angesprochen fühlen.“ Ihr Einführungsgottesdienst am Sonntag, 18. Mai, in der Petruskirche soll festlich sein, sagt sie. Als sie erzählt, dass der Chor dafür auch ein Lied auf Portugiesisch einübt, lächelt sie gerührt.
Manchmal habe sie schon auch Sehnsucht nach ihrer brasilianischen Heimat, wo ihre Mutter und ihre Geschwister leben, gesteht Grellmann. Ihr fehlten auch das gute Wetter und das gute Essen – churrasco, das in vielen Variationen gegrillte Rindfleisch, oder feijoada, der Eintopf mit schwarzen Bohnen. Aber sie habe sich entschieden, in Deutschland zu bleiben, auch für ihre Kinder, die hier eine bessere Zukunftsperspektive hätten. Ob sie als Familie in Geretsried eine Heimat finden, müsse sich zeigen. Der Ort mit seiner von Einwanderern geprägten Geschichte mache aber einen guten, herzlichen Eindruck, sagt die Brasilianerin. „Und auch mit dem Frühlingswetter bin ich bisher zufrieden.“
Einführung für Pfarrerin Sinara Grellmann, Festgottesdienst am Sonntag, 18. Mai, Petruskirche Geretsried, Beginn: 15 Uhr

