bedeckt München 16°

Geretsried:Ein Ventil für mehr Leichtigkeit

In Geretsried erfinden 30 Musikliebhaber der Firma Buffet Crampon stets neue Varianten für Blasinstrumente

Von Marie Heßlinger, Geretsried

Buffet Crampon zählt zu Europas größten Herstellern von Blasinstrumenten. In Geretsried hat die Firma einen sogenannten Showroom angesiedelt. Inspiriert von den Wünschen der Musiker entwickeln die 30 Mitarbeiter dort zudem ganz neue Instrumente. Eine ihrer jüngsten Erfindungen ist ein neues Ventil für Posaunen. "Der Posaunist lebt immer noch in einer Welt ohne Ventile", sagt Martin Matthies. Der Produktionsmanager steht im Posaunenraum, in dem Musiker die Instrumente austesten können. Um ihn herum schimmern unter Plastiktüten goldene Posaunen hervor - wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus werden sie im hauseigenen Ofen desinfiziert und anschließend abgedeckt. Eine Posaune in ihrer ursprünglichen Form habe kein Ventil, sagt Matthies. Kinder lernten das Spielen meist ohne Ventil.

Mit den Lippen erzeugen Posaunisten unterschiedliche Töne. Ziehen sie ein Rohr heraus, werden diese, je nach Zuglänge, tiefer. Statt mit dem rechten Arm das Rohr herauszuziehen, besteht jedoch auch die Möglichkeit, die Luft durch einen zusätzlichen Bogen zu blasen. Die Posaune hat dann eine Schlaufe mehr. Drückt man einen Hebel, wird die Luft in die Schlaufe gelenkt - mithilfe eines Ventils. Der Vorgang erfordert mehr Atemkraft, da an dieser Stelle ein Engpass entsteht. Weil sie diesen Widerstand ursprünglich nicht gewöhnt seien, empfänden Posaunisten ihn als störend, sagt Matthies. Die meisten von ihnen, das hätten Gespräche ergeben, wünschten sich einen angenehmen, leichten Widerstand.

Buffet Crampon hat deshalb ein Ventil entwickelt, bei dem 98 Prozent der Luft ungehindert durch den Durchgang strömt: Das "Icon Valve". Es ist besonders leicht, mit minimalem Widerstand und, anders als andere Modelle, von traditioneller Bauart. Diese verspricht Langlebigkeit und einfache Wartung.

Matthies geht auf eine Bass-Posaune zu, die "MS27I Meistersinger-Icon-Posaune", und hält sie einem hin, zum Austesten ihres Tragegefühls. Das goldene Ventil glänzt wie eine neue Münze. "Icon Valve" ist in elbenhaften Lettern eingraviert. Das Ventil sei um 35 Prozent leichter als sein Vorgängermodell. Für einen Berufsmusiker, auf dessen Schulter die Posaune sieben Stunden täglich liege, sei jedes Gramm spürbar. "Ergonomie ist ein ganz großes Thema bei uns", sagt Mathhies.

Innovatives Blech: Im Geretsrieder Showroom der Firma Buffet Crampon zeigt Produktmanager Martin Matties eine Posaune mit dem Ventil "Icon Valve".

(Foto: Hartmut Pöstges)

Erfunden hat das Ventil Ferdinand Kleinschmidt, ein Mann mit einer leichten, leuchtenden Ausstrahlung. Ein Team von 25 Instrumentenbauern feilt im "Brass Atelier" zusammen mit dem Betriebsleiter an neuen Blechblasinstrumenten. Die Ideen dazu kommen von ihren Kunden selbst. Die "Meistersinger Icon" entstand unter anderem in Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern.

"Wir haben sehr freundschaftliche Verhältnisse zu unseren Musikern", sagt Sales Manager Andreas Putz, der nun die Führung übernimmt. Habe ein Musiker eine Idee für ein neues Instrument, werde geprüft, ob daraus eine individuelle Anpassung werde oder ein neues Modell, das der breiten Masse verkauft werden könne. "Für den Musiker ist das ein Stück weit Adelung, wenn er ein eigenes Modell bekommt", sagt Putz. "Ein neues Modell entsteht aber ganz, ganz selten."

Putz führt in den Tubasaal. 25 Tuben stehen in Reih und Glied an den Wänden. Vor einem der Instrumente bleibt Putz stehen. Stefan Tischler, Tubist des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, habe zu dessen Bau inspiriert. "Unser Bestseller", sagt Putz. "Damit haben wir einen Trend gesetzt", stimmt Matthies ein. Am Ende des Raumes ist eine Bühne aufgebaut. Notenständer stehen bereit, und ein Klavier. Putz lässt eine Leinwand hochschnellen, während Matthies noch über die Tischler-Tuba spricht. Ein Fenster taucht auf. Hinter der Scheibe: Die Werkstatt.

Ein Mann mit geflochtenem Zopf und Bart hält ein Metallteil in die Luft. Langsam, bedächtig, bewegt er sich. Auf dem Werktisch ein schwerer, schwarzer Hammer. "Wir haben wirklich die Möglichkeit, zu forschen und zu entwickeln", sagt Putz. "Wir fangen bei null an, um wirklich ein neues Instrument zu bauen."

Traditionell bekannt ist Buffet Crampon für den Bau von Klarinetten. Die Firma hat ihren Sitz im nordfranzösischen Mantes-la-Ville. In Geretsried indes hatte der Instrumentenbauer Meinl seinen Sitz, bekannt für Blechblasinstrumente der Marke "Melton Meinl Weston". Nach der Wende übernahm die Marke die planwirtschaftliche Firma B&S in Markneukirchen. Seit einigen Jahren gehören diese und andere Marken nun zur Buffet Crampon Gruppe.

Das Ventil haben die Instrumentenbauer in der Werkstatt entwickelt.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Putz führt in den Raum für Klarinetten. Das Zimmer ist, im Vergleich zu den anderen Räumen, recht klein. Der Schwerpunkt in Geretsried liegt unverkennbar auf Blechblasinstrumenten. Das hat auch mit der Nähe zu den Kunden zu tun: Blaskapellen gibt es vorwiegend in Bayern, Baden-Württemberg und Österreich.

Zu Buffet Crampons Kunden zählen jedoch auch Pop- und klassische Musiker. Zunehmend interessieren sich Musiker aus östlichen Ländern für den Showroom in Geretsried. Sie kommen etwa aus Kasachstan, Tadschikistan, Usbekistan oder der Mongolei. Früher, sagt Putz, hätten diese sich vorwiegend an den Instrumenten berühmter Musiker aus Russland orientiert und diese blindlings bestellt. Das habe sich nun geändert. Im Januar tourten Mitarbeiter aus Geretsried deshalb für anderthalb Monate mit 30 Posaunen im Bus durch Länder wie Slowenien, Rumänien, und Bulgarien.

Wer in den Showroom komme, sagt Putz, als er in den Trompetenraum im Erdgeschoss führt, sei meist überwältigt von der schieren Anzahl der Instrumente. 60 Trompeten hängen an den Wänden. Zu viele, als dass ein Einzelhändler sie selbst alle kaufen und ausstellen könne. Die Musiker kommen deshalb nach Geretsried. Kaufen können sie das ausgewählte Stück dann nur beim Händler. "Bei den meisten ist es schon so, dass sie ein Instrument nehmen und dann ist es Liebe auf den ersten Blick", sagt Putz. Auch er ist, wie alle anderen Mitarbeiter, leidenschaftlicher Musiker. "Man spricht halt einfach dieselbe Sprache", sagt er über den Kontakt zu den Kunden, von denen täglich welche in Geretsried erscheinen. An diesem Tag ist es Helmut Fuchs von der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Es geht um eine neue Drehventil-Trompete.

© SZ vom 30.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite