Der Boden vibriert unter den Füßen, eine tonnenschwere Straßenwalze bewegt sich jenseits der B11 auf der Böhmwiese im Schneckentempo vorbei. Auf dem Radweg vor den Ratsstuben steht Günther Gebauer und beobachtet mit einem befreundeten Ehepaar, wie im Minutentakt Lkw vorbeirumpeln. Dann deutet er in Richtung Norden. "Sinnlos", sagt er, "das ist alles rausgeschmissenes Geld."

Tausende Jahre sei der Schwaigwaller Bach in seinem Bett geflossen. Er sieht nicht ein, dass der jetzt mit viel Aufwand ein neues Bachbett erhalten soll. Doch er erntet Widerspruch. "Die Bauarbeiten sind notwendig für Geretsried", findet Gebauers Bekannte, die in der Zeitung nur als "alte Geretsriederin" bezeichnet werden will. Es gehe um die S-Bahn und die Zukunft der Stadt.
Es klang in der Vergangenheit so harmlos, wenn von der Renaturierung des Schwaigwaller Bachs die Rede war. Mit dem Projekt schaffte es die Stadt im zweiten Anlauf gerade noch, Zuschüsse aus dem Konjunkturpaket II zu bekommen. Als sich die Chance bot, ging alles schnell, die Planung wurde im Eilgang durchgezogen, um Fristen einzuhalten.
Und doch war es alles andere als ein Schnellschuss. Jan Klinger, Tiefbauingenieur aus dem Rathaus, sagt fast beiläufig, um was es bei der Renaturierung geht. "Das steht auch in Zusammenhang mit dem S-Bahnprojekt." Die Böhmwiese sei Überschwemmungsfläche und in eine solche könne die S-Bahn nicht hineingelegt werden. Der S-Bahnhof soll auf die Böhmwiese kommen und Geretsrieds Zentrum dort erweitert werden. Auch darum wird derzeit der streckenweise in Rohren an der B11 verlaufende Schwaigwaller Bach aus dem Untergrund geholt und das Bachbett beginnend an den Ratsstuben bis hoch zur Blumenstraße auf die Ostseite der Bundesstraße verlegt.
Sämtliche Bäume und Büsche wurden dort gefällt, Bagger heben das künftige Bachbett aus und graben sich dabei Metertief in den Untergrund. Es herrscht reger Betrieb auf der Baustelle. Lkw schaffen den Aushub nur ein Stück weiter auf die Böhmwiese und schütten dort einen Wall auf, den die Straßenwalze verdichtet.
Voraussichtlich Anfang April werden dort 20.000 Fahrzeuge am Tag über eine Behelfsstraße rollen, wenn an der Stelle eine Brücke für die B11 errichtet wird, unter der der Schwaigwaller Bach fließen soll. Der Bach soll künftig auch tatsächlich als Fließgewässer sichtbar werden, und nicht wieder versickern. Dafür werden Betonitmatten, bestehend aus Tonmineralien, in den Untergrund eingebaut. Manfred Schindler vom Ingenieurbüro Blasy-Overland rechnet, dass sich dort, wo die Bagger graben, einmal ein immerhin 20 Zentimeter tiefer Bach in einem bis zu einem Meter schmalen Bett dahinschlängeln wird.
Dennoch reißen die Bagger den Boden in bis zu zwei Meter Tiefe auf und arbeiten sich auf einer zehn Meter breiten Schneise voran. "Der Aushub ist doch beträchtlich", sagt auch Schindler und erklärt das mit dem Hochwasserbett für den Bach, das an der Sohle immerhin 3,20 Meter breit sein wird, und mit dem nach oben hin sich aufweitenden Uferbereich sogar um die zehn Meter. Was sich bisher auf der Böhmwiese großflächig aufgestaut habe, sagt Schindler, müsse dort abfließen können, und im Zweifel auch ein Jahrhunderthochwasser mit dann 7,9 Kubikmetern in der Sekunde.
Seit die Bäume verschwunden sind, ist von der B11 der Blick frei auf die Wohnhäuser. An die 100 Anwohner protestierten im Frühjahr 2010 im Rathaus, dass der Sichtschutz verschwinden und der Lärm nicht mehr abgehalten werde. Die Stadt plant jetzt eine 2,50 bis drei Meter hohe Holzwand zwischen Straße und Bach. Das letzte Wort dazu werde in Kürze im Bauausschuss gesprochen, sagt Klinger und betont, dass 25.000 Euro vorhanden seien, um das Bachareal wieder zu bepflanzen. Der Schutz durch die Wand werde besser sein als davor durch die Bäume. Außerdem ist er überzeugt, dass sich der renaturierte Bach "in fünf bis zehn Jahren zu einer ökologisch wertvollen Fläche" entwickelt haben wird.