GeretsriedDie Hochburg der AfD

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Mietwohnblöcke prägen das Bild des Stadtteils Stein, in dem zehn Prozent der Geretsrieder leben.
Mietwohnblöcke prägen das Bild des Stadtteils Stein, in dem zehn Prozent der Geretsrieder leben. Hartmut Pöstges

Jeder Vierte im Stadtteil Stein hat bei der Bundestagswahl sein Kreuz bei der Partei gemacht. Dort leben vergleichsweise viele Hartz-IV-Empfänger und Aussiedler - manche fühlen sich abgehängt.

Von Felicitas Amler, Geretsried

Es gibt belegbare Tatsachen über Geretsried-Stein und gefühlte Wahrheiten. Eine Tatsache ist, dass im südlichsten Geretsrieder Stadtteil überproportional viele Menschen leben, die auf Sozialleistungen angewiesen sind. Stein hat mit 2400 Bürgern zehn Prozent der Einwohner der Stadt, aber mehr als ein Drittel der Hartz-IV-Empfänger. Eine gefühlte Wahrheit vieler der Betroffenen ist, dass sie schlechter behandelt würden als andere. Beides zusammen könnte ein Grund dafür sein, dass in Stein jeder Vierte am Sonntag die AfD gewählt hat. So erklärt es sich Rudi Mühlhans, Sozialpädagoge und Leiter des Trägervereins Jugend- und Sozialarbeit.

Viele in Stein seien materiell schlecht gestellt, hätten wenig Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt und kaum Aussicht auf angemessenen Wohnraum. "Die Vermutung liegt nahe, dass es Leute sind, die nicht in der Art an der Gesellschaft teilhaben, wie sie denken, dass es ihnen zusteht", sagt Mühlhans vorsichtig formulierend über die AfD-Wähler. "Die Leute haben Sorgen und Ängste." Fragt man dagegen Passanten am Steiner Ring, kann sich das schon deutlich handfester anhören: "Den Asylbewerbern wird alles vorn und hinten reingeschoben. Der deutsche Staat muss endlich wieder was für die eigenen Leute tun."

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Die Partei ist zur zweitstärksten politischen Kraft im Kreis avanciert. Eine Analyse der Wahllokale in Geretsried, Wolfratshausen, Bad Tölz und Penzberg.

In den beiden Steiner Wahllokalen haben 18,6 und 25,4 Prozent der Wähler ihre Zweitstimme der Rechtspartei gegeben. "Erschreckend", so nennt dies nicht nur der neue Bundestagsabgeordnete aus Geretsried, der Linke Andreas Wagner. Auch Stadträte äußerten sich am Dienstag am Rande ihrer Sitzung bestürzt - und ratlos. Robert Lug (Freie Wähler), der anlässlich einer AfD-Großdemonstration in Geretsried vor eineinhalb Jahren eine Gegendemo angemeldet und auf Facebook die Gruppe "AfD - nein danke!" eingerichtet hat, sagt, er könne sich das nicht erklären.

Stein ist wie das ganze Geretsried weitgehend eine Nachkriegsgründung. 1938/39 richteten die Nazis auf dem Gelände des heutigen Stadtteils ein Lager mit Steinbaracken - daher der Name "Stein" - für etwa 1000 Dienstverpflichtete und Zwangsarbeiter des Rüstungsbetriebs DSC ein. Nach der Befreiung war Stein Standort eines Durchgangslagers, seit 1968 eines Übergangswohnheims für Aussiedler, das bis 2004 bestand. Deutsche aus Russland, Polen, Ungarn, Tschechien, Rumänien sind in Stein zu Hause. Nach Plan bebaut wurde der Stadtteil erst von 1976 an. Er bietet eine eigenartiges Bild: Viele große Mietblöcke im Inneren, umgeben von Einfamilienhäuser mit großen Gärten an den Rändern. Außer dem Jugendzentrum "Ein-Stein" gibt es keinen allgemein zugänglichen Treffpunkt. Vom restlichen Geretsried liegt Stein abgesondert im Süden wie ein Satellit. Die einzigen Begegnungsmöglichkeiten sind ein paar Lokale, Backshop, Discounter, Apotheke, Zeitungsladen oder Bankfiliale.

Das Jugendzentrum "Ein-Stein" ist der einzige öffentliche Treffpunkt in Stein. Ziel der Stadt ist es, bald ein Bürgerhaus zu schaffen.
Das Jugendzentrum "Ein-Stein" ist der einzige öffentliche Treffpunkt in Stein. Ziel der Stadt ist es, bald ein Bürgerhaus zu schaffen. Harry Wolfsbauer

Eine Griechin, die seit vierzig Jahren in Stein lebt, erklärt sich das AfD-Ergebnis in ihrem Stadtteil mit der "Angst, dass etwas passiert". Sie habe den Eindruck, seit so viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, habe sich die Situation extrem verändert. "Bei mir in der Arbeit haben die Leute Angst, dass sie wegen der Flüchtlinge weniger Geld kriegen." Eine Ladenbetreiberin bestätigte das: "Etliche sind unzufrieden mit der Flüchtlingspolitik. Man lässt die Leute zu unkontrolliert rein - und zu viele." Ein 48-jähriger arbeitsloser Familienvater glaubt, die Menschen wählten aus Trotz und politischer Unzufriedenheit AfD. Er selbst wähle gar nicht mehr, es habe keinen Sinn: "Für die eigenen Leute wird doch eh nichts mehr getan." Selbst bei der Wohnungssuche würden Flüchtlinge bevorzugt, behauptet er. Für Asyl-Unterkünfte sei "alles da", aber jemand wie er bekomme gerade einmal zwei Euro mehr Kindergeld: "Ja, dankeschön!" Eine Sozialwohnungen bekomme "jeder, bloß nicht der, der in Deutschland geboren ist". Man trifft auch besonnenere Menschen in Stein, den 51-jährigen Angestellten etwa, der das AfD-Ergebnis "traurig" findet und glaubt, die Wähler dieser Partei seien "finanziell nicht so versorgt". Er hält das für Protest. Und in Stein, sagt er, kenne ja jeder jeden: "Die reden miteinander, und dann ist das so eine Schneeballgeschichte."

Drei ältere Herren sind sich über die Motive der AfD-Wähler einig: "Die Asylsuchenden." Er habe ja "Merkel gewählt", sagt einer und lächelt, während ein anderer erklärt, aus Deutschland werde langsam "ein islamischer Staat gemacht". Der Merkel-Wähler wird deutlicher: Die Flüchtlinge seien nicht zufrieden, wenn sie hier ins Land kommen dürften: "Sie bringen Leute um und tun sexuell belästigen." Ob er glaubt, Deutsche täten dergleichen nicht? "Die Deutschen machen das weniger." Er lächelt wieder und schlägt vor, in jedem Ort, an dem Asylsuchende leben, müsste "der Staat ein Puff aufmachen", damit nichts geschehe.

In Stein läuft gerade ein Projekt der Städtebauförderung "Soziale Stadt". Mühlhans, dessen Verein das Quartiersmanagement dafür leistet, hofft auf solch langfristige Prozesse. Stein habe sich in den vergangenen 15 Jahren "sehr positiv entwickelt". Ihm sei nicht bang, dass es dort viele gebe, die tatsächlich "rechtsaußen denken".

© SZ vom 28.09.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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