Wie es kommt, dass der Isländer Daniel Garđars zu Daniel Mölk geworden ist, der zudem fließend Hochdeutsch spricht, ist eine eigene spannende Geschichte. Aktuell dürfte dem 41-jährigen Maschinenbauingenieur beruflich sicherlich entscheidend zugutekommen, in verschiedenen kulturellen Mentalitäten zu Hause zu sein. Denn auf der Baustelle der Eavor Erdwärme Geretsried GmbH in Gut Breitenbach bei Gelting leitet er ein internationales Team von bis zu 120 Mitarbeiter vieler Nationalitäten aus Europa sowie Kanada. Bis hierher hat der mit einer bayerischen Frau verheiratete Familienvater in Darmstadt und in Island Maschinenbau studiert. Anschließend folgte er den natürlichen Vorkommen heißen Tiefenwassers, um damit regenerative Energiepotenziale nutzbar zu machen. Von um die 40 Geothermie-Bohrungen von Island, Indonesien, den Niederlanden bis in die oberbayerische Molasseregion, die er entweder projektiert oder direkt geleitet hat, berichtet Mölk selbst – und fasst seinen Werdegang so zusammen: „Zurück in die Heimat wollte ich immer. Seitdem habe ich Weltenbummelei betrieben.“

In dieser von einigen Ortswechseln geprägten Berufskarriere ist die Geretsrieder Bohrung End- wie Ausgangspunkt gleichermaßen. Am Standort suchte die Enex Power Germany GmbH bereits zweimal vergeblich nach heißem Tiefenwasser – beim ersten Mal vor einem Jahrzehnt leitete dies schon einmal Mölk – und stieß nur auf heißes Gestein. Das soll beim aktuellen Projekt des kanadischen Unternehmens Eavor, dessen Deutschland-Chef der gebürtige Isländer ist, als Basis reichen, um doch noch Tiefenenergie für Fernwärme und Stromerzeugung in Massenproduktion nutzbar zu machen.
Demonstrationskraftwerk in Alberta
Das soll die neue „Eavor-Loop“-Technologie ermöglichen, für die bereits ein Demonstrationskraftwerk in der kanadischen Provinz Alberta existiert. Auf dem künftigen, etwa zwei Hektar großen Betriebsgelände von Gut Breitenbach bei Gelting haben die Arbeiter dafür seit Mitte 2023 an zwei Bohrtürmen je 4500 Meter vertikal ins Gestein gebohrt und bereits die erste von später einmal zwölf horizontal parallel geführten Schleifen des ersten Loops zusammengeführt, durch die künftig einmalig von oben eingespeistes kaltes Wasser zirkulieren wird. Das wird durch die um die 160 Grad heiße Schicht des Umgebungsgesteins erhitzt und steigt anschließend nach oben. So lässt es sich nutzen, um den Geretsrieder Raum und die Umgebung mit Fernwärme zu versorgen. Zudem wird das ebenfalls am Betriebsgelände entstehende Kraftwerk Strom erzeugen können.

Auf die Streben dessen stählernen Außenskeletts kann Daniel Mölk durch das große Panoramafenster des Besucherzentrums im etwas erhöht am Hang stehenden, einstigen Gutshaus blicken. Im Kraftwerk wird das erhitzte Wasser mittels Wärmetauscher ein Isobutan-Gasgemisch zum Verdampfen bringen. Das treibt Turbinen an, um Strom zu erzeugen. Anschließend wird das Isobutan in diesem zweiten Kreislauf wieder abgekühlt und so in den flüssigen Ausgangszustand versetzt. Der Prozess der Stromgewinnung kann von Neuem beginnen. Zudem wird die Energie aus dem Wasserkreislauf des Eavor-Loops für Fernwärme genutzt. Ein echtes Leuchtturmprojekt für den künftigen Massenbetrieb, das an jedem Ort mit heißen Gesteinsschichten im Untergrund ohne heißes Thermalwasser betriebsbereit sei, wie Daniel Mölk sagt. Mit der Bohrung bei Gelting zeige Eavor, dass dies funktioniere.
Die maximale Bohrstrecke ist 8000 Meter lang
Wenn der Deutschland-Geschäftsführer die Aktivitäten während der Bauphase und der Funktionsweise der Technologie schildert, wirkt er immer ruhig und gelassen und lässt damit ganz leicht klingen, was ingenieurtechnisch komplex ist. Immerhin ist die gesamte Bohrstrecke in den Untergrund bis zu 8000 Meter lang. Dafür muss der verantwortliche Bohrleiter – gearbeitet wird im Zwei-Schicht-Betrieb am Tag – die einzelnen 21,6 Zentimeter dicken und um die zwei Dutzend Meter langen Stahlrohrelemente des Gestänges mittels Greifarm verschrauben und in den Untergrund vorantreiben. Was dort passiert, kann er allein über die auf Monitoren angezeigten Parameterdaten erfassen.



Vom „Gehirn der Bohranlage“ spricht Daniel Mölk. Dorthin führt der Maschinenbauingenieur Besucher gerne auf der Kanzlertour, wie er selbst sagt. Die nennt er deshalb so, weil er auf dieser schon Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) und Fachminister im vorigen Sommer auf der Baustelle herumgeführt hat. Laut wird es, als Mölk an den drei Spülungspumpen für die Bohrflüssigkeit vorbeiführt. Die braucht es, damit das Bohrloch stabil bleibt und das erbohrte Gestein an die Oberfläche kommt. „Jede hat 1600 PS. Die pumpen bis zu 7000 Liter pro Minute mit bis zu 350 bar“, sagt Mölk. „Die verbrauchen 70 Prozent der gesamten Energie auf der Baustelle.“
Trotz aller technischen Sicherheitsvorkehrungen ist es während der bisherigen Bauphase ein einziges Mal kritisch geworden. Mölk schildert, dass der Bohrstrang verloren gegangen sei, das Team das Gestänge glücklicherweise innerhalb von 24 Stunden aus dem Bohrloch bekommen habe. „Das ist immer Stress.“
Was der praktische Arbeitsalltag bei Geothermie-Bohrungen bedeutet, kann Mölk sehr gut nachvollziehen. Während seines Studiums hat er bei Bohrungen mitgearbeitet, um Geld dafür zu verdienen. Eine anstrengende, aber lehrreiche Zeit, wie er selbst sagt. „Nachtschicht, zwölf Stunden arbeiten und dann direkt zur Uni.“ Dafür könne er sich in den praktischen Arbeitsalltag eines Bohrteams sehr gut einfühlen.
Island und Indonesien: ein starker Kontrast
Nach seinem Abschluss begann Mölk seine Berufskarriere beim Bohrdienstleister Iceland Drilling, dessen große Expansionspläne über Island hinaus sich allerdings im Zuge der Finanzkrise von 2008/2009 erst einmal zerschlugen. Nach einer Tätigkeit bei einem isländischen Ingenieurbüro war er als Generalunternehmer für Geothermiebohrungen bei der Daldrup & Söhne AG tätig. Für Projekte im süddeutschen Molassebecken baute er ein Büro in Grünwald bei München auf. In den fünf Jahren zwischen 2010 und 2015 lernte Mölk seine Frau kennen und wurde Familienvater. Es folgte der Umzug in die indonesische Hauptstadt Jakarta. Ein starker Kontrast vor allem im Vergleich zwischen dem kargen und dünn besiedelten Island sowie dem Dschungel und den Menschenmassen auf der Insel Java, wie Mölk es selbst beschreibt. Für die Geothermie mit heißen, natürlichen Tiefenwasser dafür gleichermaßen prädestiniert dank vulkanischen Untergrunds. „Wenn man in der klassischen Geothermie arbeitet, folgt man den geothermischen Ressourcen auf der Welt“, sagt Mölk. Mit der Eavor-Loop-Technologie, die der Maschinenbauingenieur auf Gut Breitenbach bei Gelting verwirklichen will, soll sich das Prinzip umkehren. „Wenn wir erfolgreich sind, folgen wir der Nachfrage.“

Gleich ist bei allen Projekten für Geothermie, dass es viele Millionen Euro kostet, kilometerweit in den Untergrund zu bohren. Der kalkulierte Kostenkorridor liegt bei 200 bis 350 Millionen Euro. Jeder Bohrtag mehr oder weniger wirkt sich unmittelbar aus. Dafür fördert der Europäische Innovationsfonds das Vorhaben mit 91,6 Millionen Euro. Die Europäische Investitionsbank (EIB) unterstützt das Projekt mit einem Darlehen von bis zu 45 Millionen Euro im Rahmen einer Finanzierung mit mehreren Banken in der Gesamthöhe von 130 Millionen Euro. Bis Ende dieses Jahres sollen der erste von später vier Loops und das Kraftwerk in Betrieb gehen. Das lässt für den Anfang zu, für 5000 Haushalte Energie zu produzieren. Gigantisch ist die erbohrte Rohrstrecke mit jeweils um die 90 Kilometern pro Loop-System.
Das isländische Patronym erschwerte das Reisen
Angesichts dessen dürfte es sich für Mölk auszahlen, pragmatisch zu bleiben. Das hat sich wohl auch sein Stiefvater gedacht, nachdem er mit seiner Familie von Island nach Weinheim bei Heidelberg gezogen war. Denn auf der nordeuropäischen Insel werden die Nachnamen aus dem Vornamen des Vaters oder der Mutter gebildet und die Endung für Sohn oder Tochter angehängt. Das erschwerte der Familie, in europäische Nachbarländer mit den damals noch existierenden Grenzkontrollen zu reisen. Daher reaktivierte die Familie den deutschen Nachnamen Mölk, so wie Daniel Mölks Stief-Großvater hieß. Der stammte aus Hamburg, wollte nach Abschluss seiner Friseurlehre eigentlich nur für drei Monate durch Island reisen, lernte dort jedoch seine spätere Frau kennen und blieb. Namensänderung inklusive, weil er nur so die isländische Staatsbürgerschaft bekommen konnte. Gelebter Kulturwechsel also in der Familie, nur bei Daniel Mölk eben andersherum.

