War es Mord oder eine Heldentat? Am 8. November 1939 scheitert im Münchner Bürgerbräukeller ein Bombenanschlag auf Adolf Hitler, Hermann Göring und Joseph Goebbels. Die drei führenden NS-Funktionäre haben den Saal ein paar Minuten früher als geplant verlassen. Der Sprengstoffleger, Georg Elser, ein Tischler und Zitherspieler, wird auf der Flucht verhaftet und am 9. April 1945 im KZ Dachau erschossen. Ihm haben der Kochler Zither-Virtuose Georg Glasl und die Journalistin Sabine Reithmaier das Stück „Der Zitherspieler“ gewidmet. Nachdem es zunächst erfolgreich als Hörspiel beim Bayerischen Rundfunk gelaufen ist, bringen sie es nun zusammen mit Ruth Geiersberger (Sprecherin und Performerin) und Benni Beblo (Klangregie) im Waldramer Erinnerungsort Badehaus auf die Bühne.

SZ: Herr Glasl, kann ein Zitherspieler einen Zitherspieler besser verstehen als andere Menschen? Georg Glasl: Ich denke, ja, denn die Zither mit ihren zwei Spielbereichen ist ein kompliziertes Instrument. Die rechte Hand zupft nicht nur die Begleitung, sondern schlägt zugleich die Melodie an. Es braucht Geduld und Ausdauer, bis man diese Koordination beherrscht. Man muss eine Hürde überwinden, bis man an die Musik kommt.
Ein Zitherspieler ist also ein ausdauernder Mensch?
Genau. Er oder sie muss wissen, was er oder sie will, und die Geduld haben, das zu trainieren. Dann bieten sich tolle Möglichkeiten, unerhörte Klänge und Stimmungen zu erzeugen.
Einen langen Atem hat Georg Elser auch bei der Vorbereitung seines Attentats bewiesen.
Ja, er hat alles allein geplant und umgesetzt. Über Monate hinweg hat er sich immer wieder heimlich nachts im Bürgerbräukeller einschließen lassen. Alles sollte präzise wie bei einem Uhrwerk ineinandergreifen.
In Ihrem Stück kommt er nicht zu Wort. Stattdessen lassen Sie ihn durch die Zither sprechen, warum?
Diese Überlegung stand für uns ganz am Anfang. Es gibt keine Originaltexte von ihm, keine Briefe oder Tagebücher, wir wissen nicht, wie er gesprochen hat. Was es gibt, sind Verhörprotokolle der Gestapo und Berichte von Zeitzeugen, die aber erst viele Jahre nach seinem Tod befragt wurden. Aus diesen und anderen Dokumenten hat Sabine Reithmaier eine Text-Collage erstellt. Elser hingegen bekommt eine musikalische Stimme. Sie ist Fiktion, aber sie ist befreit von dem ganzen Ballast, den die Erinnerungen Dritter mit sich bringen.


Weiß man, was Elser auf seiner Zither gespielt hat?
KZ-Wächter haben nach dem Krieg ausgesagt, es sei schauerlich gewesen, wenn er nachts mit brüchiger Stimme Wiener Lieder sang. Er hatte im KZ einige Privilegien und durfte in seiner Zelle musizieren. Die Nazis wollten ihn eigentlich am Leben lassen, weil er nach dem Krieg als Zeuge in einem Schauprozess gegen England hätte aussagen sollen. Als absehbar war, dass es dazu nicht mehr kommen würde, wurde er ermordet.
Sie haben für ihn das Stück „Jeshimon“ von Peter Kiesewetter aus dem Jahr 1996 ausgewählt. Was macht es für Sie zu Elsers Stimme?
Zunächst einmal ist es großartige Musik. Einfach, klar und bestimmt, was Elsers Vorbereitungen des Attentats widerspiegelt. Mit behutsam eingesetztem Tonmaterial entsteht eine archaische Klanglandschaft. Zudem war Kiesewetter dem Hebräischen sehr zugewandt. Jeshimon heißt übersetzt Wüste. Es entstand unter dem Schock der Ermordung des israelischen Ministerpräsidenten Jitzckak Rabin am 4. November 1995 auf einer Friedenskundgebung in Tel Aviv. Er war zusammen mit Jassir Arafat einer der Architekten des erhofften israelisch-palästinensischen Friedensprozesses. Heute wissen wir, dass der Friedensprozess gescheitert ist.
Die Figur Georg Elser ist in den vergangenen Jahren populär geworden. Es gibt einen Kinofilm über ihn. Was macht Ihr Stück aktuell?
Wir erzählen die Geschichte nicht narrativ, sondern beleuchten sie aus verschiedenen Blickwinkeln. Elsers mutige Tat wurde erst verurteilt, dann geleugnet, dann uminterpretiert. Selbst der Theologe Martin Niemöller, ein großer Nazi-Gegner, der mit ihm im KZ Dachau einsaß, wertete das Attentat als Verbrechen und sprach ihm ab, von einem edlen Geist getragen gewesen zu sein. Erst viele Jahre nach dem Krieg änderte sich diese Wahrnehmung. Es geht daher um den Umgang mit Wahrheit. Um die Fragen: Was ist Wahrheit? Wie schnell können Fakten ins Gegenteil verkehrt werden? Wie bilden sich Meinungen?
Eine brisante Frage …
... auf die wir keine einfache Antwort haben. Jeder muss sich die Geschichte am Ende selbst erklären. Die Leute, die in unsere Veranstaltung kommen, werden vermutlich darin übereinstimmen, dass Elser ein Widerstandskämpfer und kein Verbrecher war. Aber unser Stück spiegelt wider, wie herausfordernd es ist, sich mit der Realität auseinanderzusetzen.
„Der Zitherspieler“, Sonntag, 16. November, 18 bis 20 Uhr, Erinnerungsort Badehaus, Kolpingplatz 1, Waldram, Anmeldung unter erinnerungsort-badehaus.de

