Gelungener Theaterabend:Applaus für die Boandlkramerin

3. Flussfestival Wolfratshausen 2017

Bei ihrer Interpretation des Klassikers Brandner Kaspar begeistern Max Prestel als Michael, Lisa Richter als Boandlkramerin, Wolfgang Roth als Brandner und Ludwig Gollwitzer als heiliger Portner (von links) das Publikum des Flussfestivals. Das Bühnenbild hat Prestel mit Liebe zum Detail gestaltet.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Beim Brandner Kaspar auf dem Flussfestival wagt die Loisachtaler Bauernbühne Neues und macht den Tod zur Frau. Das Publikum bejubelt eine äußerst humorvolle, unterhaltsame Version des Klassikers.

Von Benjamin Engel, Wolfratshausen

Franz von Kobells "Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben" zählt zum klassischen Kanon der bayerischen Volksstücke. Die Geschichte über den 72-jährigen Kleinbauern und Büchsenmacher vom Tegernsee, der den Boandlkramer beim Kartenspiel überlistet und ihm so noch 18 weitere Lebensjahre abtrotzt, wurde schon vielfach für die Bühne adaptiert und verfilmt. Doch zur Premiere ihrer neuen Version am Wolfratshauser Flussfestival wagt die Loisachtaler Bauernbühne etwas: Der Tod, auf bayerisch eben Boandlkramer, ist eine Frau (Lisa Richter). Glückt das Experiment mit den Erwartungen des Publikums? Die Zuschauer auf der Tribüne unter dem Zeltdach jubeln den Schauspielern am Ende des humorvollen Stücks zu - und die Boandlkramerin bekommt Extra-Applaus.

Nicht gottesfürchtig genug? "Für Wolfratshausen hat's g'reicht", sagt der Pilger

Der Loisachtaler Bauernbühne ist unter der Regie von Herbert Penzel eine äußerst humorvolle, unterhaltsame Version des altbekannten Stücks gelungen, angereichert mit Situationskomik und lokalen Adaptierungen. So bringt der Tod die Menschen nicht mit der Kutsche ins Paradies, sondern setzt sie mit einem Kahn über den Fluss. Praktischerweise strömt die Loisach träge direkt hinter der Bühne vorbei. Und der Pilger Nantwein (Franz Foitzik), der Wolfratshauser Ortsheilige, der nach der Legende 1268 aus Habgier zu Unrecht verurteilt und verbrannt wurde, kommt tatsächlich im Stück vor. Als ihm vorgehalten wird, dass er gar nicht so wohlhabend und gottesfürchtig gewesen sei, wie er behaupte, entgegnet Nantwein trocken: "Für Wolfratshausen hat's g'reicht."

Die Loisachtaler Jagdhornbläser spielen zum Halali. Der Brandner Kaspar (Wolfgang Roth) hat sich als Gehilfe auf einer höfischen Jagdgesellschaft verdingt. Da streift ihn ein Schuss aus der Büchse des herzoglichen Jägers Simmerl (Florian Roth), worauf er zum ersten Mal die schwarze Gestalt der Boandlkramerin im Fichtenunterholz bemerkt. Mit auf der Jagd ist auch die als Treiber verkleidete Enkelin vom Brandner Kaspar Marei (Christine Just). Die fesche junge Blondine wird vom Jäger Simmerl umworben, liebt jedoch den Wilderer Flori (Christian Foitzik). Als Bürgermeister Senftl, der nervös-beflissentlich den reibungslosen Ablauf des höfischen Treibens sicherstellt, besticht schon hier Andi Wastian.

Szenenwechsel von der Hauptbühne zur separat abgetrennten Hütte des Brandner Kaspars links davon: Als die Boandlkramerin eintritt, ist der hinterfotzig-gerissene, dem prallen bayerischen Leben zugewandte Alte erst einmal bass erstaunt "A Weiberts", entfährt es ihm. Und das Geschlechterspiel beginnt. "Ja hast Du denn ein Problem damit", gibt die Boandlkramerin - Richter spielt sie als Frivol-Naive im engen, schwarzen Dirndl - anfangs noch schnippisch zurück. Doch nur allzu leicht lässt sie sich einlullen von den Komplimenten des Brandner Kaspar: "A fesch Weiberts: So ein Kompliment hat mir noch nie jemand gemacht". Mit Kerschgeist macht er sie betrunken, um ihr dann beim Kartenspiel noch viele Lebensjahre abzutrotzen.

In der himmlischen Sphäre übernimmt Ludwig Gollwitzer das Regiment

Die Feier zum 75. Geburtstag des Brandner Kaspar ist mit viel regionaler Brauchtumspflege gespickt: Die Irschenhauser Musikanten spielen auf zum Gstanzl-Wettstreit, junge Burschen und Madeln vom Wolfratshauser Gebirgstrachtenerhaltungsverein D'Loisachtaler tanzen und schuhplatteln und junge Achmühlerinnen singen als Dreigesang ein Geburtstagsständchen. Nur Schwester Theres (Christine Dillinger) wundert sich, warum der stets finanziell darbende Brandner Kaspar auf einmal so erfolgreich ist. Doch die lustige Festgesellschaft ist nur von kurzer Dauer. Jäger Simmerl und Bürgermeister Senftl locken den Wilderer Flori, der gerade auf der Pirsch in den Bergen ist, in die Falle. Als Marei ihren Geliebten warnen will, stürzt sie ab und stirbt mit nur 24 Jahren. Weil für den Brandner Kaspar das Leben danach nicht mehr dasselbe ist, lässt er sich von der Boandlkramerin schließlich in dem Himmel führen und bleibt.

In der himmlischen Sphäre übernimmt Ludwig Gollwitzer als herzensguter Portner, der aber durchaus poltern kann, das Regiment. "Jetzt schau halt nicht immer so ernst", schimpft er den von seiner eigenen Bedeutung durchdrungenen, mit dem hoch aufrecht gehaltenen Flammenschwert über die Bühne schreitenden Erzengel Michael (Max Prestel). Foitzik als selig lächelnder Nantwein mit gefalteten Händen und Jörg Schwenger als Turmair vervollständigen das himmlische Trio. Und dann ist da noch der freche "Lieblingsengel" (Melissa Demmel).

Das Bühnenbild hat Max Prestel liebevoll gestaltet. Da stimmt jedes Detail, vom grünen Kachelofen bis zur Wanduhr und der Kerze in der Hütte. Die Idee, das Heim des Brandner Kaspar von der Hauptbühne zu trennen, ist charmant. Manche Zuschauer sind so ganz nah an den Schauspielern. Doch von einigen Plätzen auf der Tribüne ist das Geschehen nur spärlich zu sehen.

© SZ vom 24.07.2017
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