So viel Unsinn auf einmal hat man im „Hinterhalt“ selten gehört. „Andere Völker dürfen stolz sein auf ihr Land!“, ruft ein Mann kämpferisch. „Nur wir nicht! Nur wegen zwölf Jahren in einer tausendjährigen Geschichte!“ Der gut gekleidete Herr neben ihm behauptet eisern, es sei kein Wunder, dass die Leute AfD wählten. „Die haben einfach Angst: Wir werden überrannt!“ Und eine Frau mit schicker Brille möchte „einfach mal sagen dürfen, dass Homosexualität doch nicht normal ist“. Fünf weitere „Pöbler“ schleudern ebenfalls ihre Thesen in den Raum, während ihnen – eins zu eins – Leute gegenübertreten, die an diesem Abend vor allem eines lernen wollen: die Schrecksekunde zu überwinden, den Mund aufzubekommen und solchen Parolen etwas entgegenzusetzen.
„Stammtischkämpfer*innen“ heißt der Workshop, den das Bündnis „Aufstehen gegen Rassismus“ erstmals in Gelting anbietet. Das Interesse daran ist groß. „Wir haben so viele Anmeldungen bekommen, dass wir Ersatztermine anbieten“, sagt Gastgeberin Lucia Schmidt vom lokalen Bündnis „Gemeinsam für Demokratie und Vielfalt“. Sie hat unlängst einen ähnlichen Kurs in München besucht. „Es ist gut, wenn man sich hinstellen kann und nicht gleich umfällt“, sagt sie. Diese Erfahrung wollten sie nun auch Gleichgesinnten in der Region ermöglichen. „Denn es steht viel auf dem Spiel.“

Referent Bruno Rauch hat schon zahlreiche Diskussionen mit Rechtsextremisten und AfD-Sympathisanten geführt. Er soll die rund 20 Gäste an diesem Abend für Wortgefechte wappnen. „Ein Patentrezept gibt es nicht“, sagt er. „Jede Gesprächssituation ist anders.“ Was er jedoch anbieten könne, sei „ein kleiner Werkzeugkasten“, um Stammtischparolen zu entkräften. Die wichtigsten Erkenntnisse des Abends:
Wann sollte ich etwas sagen?
Idealerweise immer dann, wenn ein rassistischer oder menschenfeindlicher Spruch fällt – sei es in der Familie, in der Arbeit, im Verein oder in der S-Bahn. Je schneller man reagiert, desto besser. Darauf zu warten, dass andere einschreiten, ist meist vergeblich. „Keine diskriminierende Aussage sollte unwidersprochen stehen bleiben“, sagt Rauch, macht aber zwei Einschränkungen. Zum einen soll man sich nicht in Gefahr bringen. Zum andern könne man sich Diskussionen mit AfD-Funktionären sparen. „Das ist vergebliche Mühe.“ Aussichtsreicher sei der Versuch, Sympathisanten und Unentschlossene zu erreichen, vor allem aber die „stille Mehrheit“. Die sei der größte Faktor und letztlich der entscheidende.
Was soll ich sagen?
Die einfachste Option lautet: Positionieren. Das geht immer und erfordert keinerlei Fachwissen. Es reicht zu sagen: „Was ist das denn für eine abstruse Meinung.“ Oder: „Das geht so nicht.“ Wenn einem gar nichts anderes einfalle, könne man laut und deutlich „Stopp!“ sagen, rät Rauch und streckt dazu abwehrend die Hand nach vorn. „Das hilft in vielen Fällen.“ Diskutieren lohnt sich seiner Erfahrung nach dann, wenn das Gegenüber offen für Argumente ist, vor allem mit Bekannten und Verwandten. Bricht man ein Gespräch ab, sollte man es begründen. „Ich bin nicht deiner Meinung, habe aber keine Lust, weiter darüber zu diskutieren.“ Die wichtigste Regel für Rauch lautet: „Fühl dich gut mit dem, was du machst.“
Welche Gesprächsstrategien gibt es?
Viele AfD-Parolen folgen Mustern, die sprachlos machen und Kritik erschweren. Da wird verallgemeinert oder mit falschen Zahlen argumentiert („20 Prozent der Flüchtlinge waren doch selbst beim Islamischen Staat“), Themen werden vermischt, Emotionen befeuert, Lügen und Gerüchte gestreut. Zudem geben sich Rassisten gerne als mutige Tabu-Brecher aus. Wer diese Muster erkennt und aufbricht, kann in eine Diskussion einsteigen, ohne selbst Studien und Statistiken parat haben zu müssen.
Die wirksamsten Strategien bestehen darin, nachzufragen, Daten, Fakten und Beispiele einzufordern, Gegenbeispiele anzuführen und auf das Trennen verschiedener Themen zu bestehen. Damit lässt sich nicht nur die Schrecksekunde überwinden. „Du spielst den Ball zurück, der andere muss ins Denken kommen“, sagt Rauch. Eine Hosentaschen-Fibel des Bündnisses „Aufstehen gegen Rassismus“ listet noch eine Reihe weiterer Strategien auf: Zuspitzen und Konsequenzen aufzeigen, Relativierungen hinterfragen, Werte und Visionen einbringen, Humor.
Im „Hinterhalt“ gibt es an diesem Abend nicht nur viel Info-Material zum Mitnehmen. Im „Kugellager“, so heißt die Schrecksekunden-Übung, werden die verschiedenen Strategien auch gleich in wechselnden Rollen getestet. Der „Pöbler“ mit dem gekränkten Nationalstolz gibt sich zwar unversöhnlich, bekommt aber deutlich Gegenwind. Auch der Herr im Anzug wehrt kühl drei Paraden ab – von „So ein Quatsch!“ bis „Es kommen doch fast keine Flüchtlinge mehr an“.
Dann tritt ihm eine Frau gegenüber, die offenbar geschult in gewaltfreier Kommunikation ist. „Warum hast du denn Angst vor Flüchtlingen?“, fragt sie fast mitfühlend. „Die nehmen uns die Wohnungen und die Arbeitsplätze weg“, hält er dagegen. Sie neigt den Kopf, sieht ihn teilnahmsvoll an: „Hast du schon solche Erfahrungen gemacht?“ Da muss er lachen – und gibt sich geschlagen.
Weitere Informationen unter www.aufstehen-gegen-rassismus.de

