bedeckt München

Bad Tölz-Wolfratshausen:"Die Geduld ist am Ende"

Mit gedeckten Tischen vor dem Landratsamt in Bad Tölz und vor zahlreichen Lokalen machen Gastronomen im Landkreis auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam. Sie wollen nach monatelangem Lockdown endlich eine Perspektive von der Politik

Von Susanne Hauck

Vorm Eingang zum Gasthaus Oberhauser in Egling steht ein säuberlich für vier Personen eingedeckter Tisch. Die Kristallgläser funkeln in der Sonne, das weiße Porzellan schimmert auf edlem Leinen. Doch die Teller sind leer. Und Barbara van de Be bleibt der einzige Gast. Die Teilzeitangestellte hält hier die Stellung, während der Chef nach Bad Tölz gefahren ist, wo der Schwerpunkt der Aktion "Gedeckter Tisch" stattfindet.

Das Gastgewerbe und die Hotellerie leiden seit Monaten unter dem zweiten Lockdown. Ein baldiges Ende ist für die Branche immer noch nicht in Sicht. Darauf hat am Montag eine bundesweite Aktion aufmerksam gemacht - pandemiebedingt in Form eines stillen Protests statt einer Demonstration. Im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen hat der Kreisverband des Gaststättenverbands Dehoga Gasthöfe und Beherbergungsbetriebe dazu aufgerufen, einen gedeckten Tisch oder ein gemachtes Bett vor die Tür zu stellen. Vor den Bund-Länder-Beratungen am Mittwoch soll Druck aufgebaut werden. Die Teilnehmer hoffen, dass möglichst viele Fotos von der Aktion in den sozialen Medien hochgeladen werden.

"Wir Gastronomen wollen damit auf die verzweifelte Situation der Betriebe aufmerksam machen", erklärt Monika Poschenrieder, Kreissprecherin des Gaststättenverbands und Wirtin vom Walgerfranz, die zusammen mit ihren Kollegen vor dem Tölzer Landratsamt acht gedeckte Tische und ein Bett aufgebaut hat. Es gehe nicht um Öffnungen um jeden Preis oder auf Kosten der Gesundheit, betont sie - sondern um verlässliche Perspektiven und verantwortbare Szenarien, auf die sich die Unternehmer vorbereiten könnten. Neben Poschenrieder haben sich die Wirte vom Hotel Altwirt in Lenggries, dem Bruckenfischer in Schäftlarn, Klosterbräustüberl Reutberg, Klosterschänke in Dietramszell, dem Gasthaus Oberhauser in Egling, dem Landhotel Huber in Ambach und dem Posthotel Hofherr in Königsdorf versammelt. Die Hotels Kolberbräu in Tölz und Postillon in Kochel und die Gasthäuser Post in Vorderriß, Jadran-Grill in Tölz und Jägerwirt in Aufhofen haben jeweils vor den eigenen Häusern Tische aufgestellt.

"Wir fühlen uns von der Politik verarscht." Diesen Satz hört man häufig an diesem Tag. Wut und Verzweiflung beherrschen die Gefühle der Gastronomen. "Wir waren die ersten, die zugesperrt haben, und werden die letzten sein, die wieder aufsperren dürfen", schimpft Georg Lichtenegger vom Klosterbräustüberl Reutberg. Es ärgert ihn, dass die Friseure auch noch für ihr lautes "Trara" belohnt worden seien, "während wir ruhig waren". Überhaupt missfällt es ihm sehr, wie die Regierung mit der Gastronomie umspringt. Im Herbst habe es noch geheißen, dass sich die Lokale um Zelte und Heizpilze kümmern sollten. "Und dann wurde von heute auf morgen alles zugemacht." Dass sie viel Geld in Hygienekonzepte investiert haben - geschenkt. "Dreißigtausend Euro für Luftreinigungsgeräte und ein hübsches Sümmchen für eine Outdoor-Almhütte mit weiteren Sitzplätzen haben wir ausgegeben", zählt Lichtenegger auf. Die November-Hilfe habe ihnen kaum etwas gebracht, weil auf dem Reutberg der November wegen der fehlenden Außengastronomie zu den schlechten Monaten zähle. Dass er an Ostern wieder aufmachen darf, daran glaubt der Wirt nicht mehr.

Auch Uschi Guggenbichler von der Klosterschänke Dietramszell ist schwer enttäuscht. "Niemand kann das mehr nachvollziehen, warum Friseure Haare färben, aber wir kein Essen servieren dürfen, obwohl wir einen Kopfstand mit den Hygienekonzepten gemacht haben." Dabei sei die Ansteckungsgefahr in den Lokalen verschwindend gering. Am meisten nerve sie der geringe Stellenwert der Gastronomie bei den Politikern. "Von uns redet doch keiner mehr." Die Dehoga-Aktion sei "endlich ein öffentlichkeitswirksamer Protest."

"Gott sei Dank rührt sich mal was", sagt auch Ante-Toni Kokeza. Der Wirt vom Jadran-Grill im Tölzer Badeteil findet die "totale Perspektivlosigkeit" am Schlimmsten. Die Gastronomen hätten sich doch an alle Vorgaben der Regierung gehalten. "Und trotzdem weiß man nicht, wie es weitergeht, überall steht nur ein riesiges Fragezeichen", sagt Kokeza. "Die Geduld ist am Ende." Dass Gäste ihr To-Go-Essen im Auto verspeisen müssen, weil er sie bei schönem Wetter sogar aus dem Wirtsgarten vertreiben muss, tue ihm im Herzen weh.

Vorm Eingang des Hotels Kolberbräu stehen ein Tisch und ein Stuhl. "Damit auch in der Marktstraße etwas los ist", sagt die Sprecherin des Betriebs Sabine Montag. Es ist ein ungewohnter Anblick, der auch die Passanten freut. "Viele sind stehen geblieben", sagt Montag, "und haben Fotos für Facebook gemacht."

© SZ vom 02.03.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema