Auf dem Tisch in der Suite „Gertrud“ im Tölzer Gasthaus Zantl steht ein altes Telefon. Eigentlich ist das nicht besonders erwähnenswert, schließlich gehören Telefone noch immer zur Standardausstattung eines Hotels. Doch zwei Dinge fallen auf: Zum einen besitzt das Telefon eine Drehscheibe und keine Tasten oder gar ein Touchpad. Zum anderen hängt direkt über dem Telefon, das aus den Urzeiten der Telekommunikation zu kommen scheint, ein moderner Flachbildschirm. Der weist eher in die Zukunft des Fernsehens als dass er in die Geschichte schaut. Dieses Zusammenspiel von alt und neu, von Tradition und Moderne, durchzieht das ganze Haus und bildet den Kern des Konzepts, das Elisabeth Wittmann mit dem Gasthof Zantl verfolgt. Mit Erfolg, wie die Unternehmerin betont.
Es ist ein sonniger Vormittag, die Temperaturen lassen die Vorfreude auf den nahenden Frühling steigen. Wittmann hat gerade das Frühstücksbüfett für ihre Gäste abgeräumt. Der helle Essensraum im Erdgeschoss ist leer, viele der Gäste haben das Haus für ihr Tagesgeschäft verlassen. „Die meisten hier sind Geschäftsreisende“, erzählt Wittmann. Und sie bleiben für mehrere Tage, fügt sie an. Das ist so gewollt, buchen kann man die Zimmer erst ab mindestens zwei Übernachtungen. Wobei Zimmer eigentlich der falsche Ausdruck ist: Wittmann bietet insgesamt sechs Suiten an, also große Schlafzimmer mit einem angrenzenden Wohnbereich. Die sind schlicht eingerichtet, vermitteln aber eine gemütliche Stimmung. „Die Leute sollen hier zur Ruhe kommen können“, erklärt Wittmann. Und das werde sehr geschätzt.

Ruhig war es sicher nicht immer in der langen Geschichte des denkmalgeschützten Hauses. 1692 wurde es erstmals erwähnt, knapp hundert Jahre später, im Jahr 1773 heiratete Sebastian Zantl in die damalige Schäfflerei ein. Er ist somit der Stammvater der Zantls, die das Haus seitdem bewirtschaften. Die Schäfflerei, also das Herstellen von Holzfässern, wurde bis ins 20. Jahrhundert betrieben, berichtet Wittmann, 1828 kam die Lizenz zum Bierausschank dazu. Zudem wurde auf dem Anwesen lange Zeit auch Salz verkauft, wie in vielen Betrieben in der Nachbarschaft der Zantls. Darauf deutet heute noch die Adresse des Hauses hin: Der Gasthof befindet sich in der Salzstraße.
Wittmann ist in der Gaststube aufgewachsen, zuletzt führte ihre Mutter die Geschäfte. Doch Wittmanns Geschichte mit dem Haus beginnt eigentlich weit weg vom beschaulichen Oberland. Im Rahmen eines Praktikums, das sie für die Hotelfachschule in Zürich absolvieren musste, arbeitete sie Anfang der 2000er-Jahre im Grand Hotel Victoria Jungfrau in Interlaken. „Man trifft dort Gäste aus aller Welt“, beschreibt die Tölzerin ihre Begeisterung für das berühmte Hotel. Dass sie dieses Gefühl nicht mehr losgelassen hat, merkt man im Gespräch mit ihr.

Zurück in Bad Tölz arbeitete sie bei ihrer Mutter im Zantl mit, das damals noch ein Gasthaus mit bayerischer Küche war. Als dann Corona kam und der Gasthof geschlossen wurde, beschloss Wittmann, das Konzept des Hauses zu verändern und den Gasthof komplett umzubauen. Wände wurden entfernt, um die Zimmer in Suiten umzuwandeln, die Etagenduschen verschwanden, neue Möbel wurden angeschafft, ein Lichtkonzept entwickelt. Hört sich nach viel Stress an? Wittmann lacht: „Ende 2022 war ich sechs Wochen am Stück jeden Tag hier und habe gearbeitet“.

Im September 2023 öffnete Wittman den Gasthof Zantl dann im neuen Design. Bewirtschaftet werden seitdem nur die Übernachtungsgäste, auch wenn ein Schild an der Salzstraße immer noch den Biergarten bewirbt. Eine Erinnerung an die alte Zeit, erklärt die Tölzerin. Aber das muss nicht immer so bleiben: „Wir werden sehen, was die Zeit bringt“, fügt sie hinzu. Aktuell habe sie Anfragen für kleinere Tagungen im Haus, das könnte der nächste Schritt in der Neuerfindung des Gasthof Zantl sein. Erst einmal freut sich Wittmann über die Gäste, die aus vielen europäischen Staaten, aber auch aus den USA, Neuseeland oder Südkorea kommen. Mit dem alten Telefon in der Suite Gertrud können sie zwar nicht in ihre Heimat telefonieren, sie erreichen damit lediglich die Rezeption. Dort aber hilft man ihnen in allen Belangen weiter.

