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Gastbeitrag:Gedanken eines Systemrelevanten

Die Corona-Krise bietet die Chance, endlich ein Gesundheitssystem nach menschlichen und medizinischen Maßgaben aufzubauen

Von Günter Wagner

Plötzlich sind wir KrankenpflegerInnen "systemrelevant". Wow! Ein gutes Gefühl, so mir nichts dir nichts vor die Bänker und Autobauer zu rutschen. Wobei in der Gesundheitsbranche schon seit langem mehr Menschen beschäftigt sind als in der Autobranche, was an sich schon "systemrelevant" wäre. Aber das interessierte vor ein paar Wochen noch keinen, denn der Konsum, nicht die Gesundheit ist seit Jahrzehnten der wichtigste Gott der westlichen Welt.

Vor Kurzem fragte mich ein alter kanadischer Holzfäller, was man denn in München so Miete zahlt. Dann fragte er, was eine Krankenschwester verdient. Er rechnete kurz die Differenz aus und antwortete ohne einen Hauch von Ironie: "Ach so, dann braucht München also keine Krankenschwestern". Wahre Worte von einem Außenstehenden.

Seit Mitte der Achtziger und verschärft seit Mitte der Neunziger wird das Gesundheitswesen in der westlichen Welt kaputtgespart. Bis 1985 gab es beispielsweise in Deutschland ein Gesetz, welches die Gewinnerzielung bei Krankenhäusern verbot. Dann wurde es abgeschafft. Und während Maggie Thatcher gefeiert wurde, weil sie das britische Gesundheitswesen (und auch die Stahlindustrie) in England platt machte, überschlugen sich die Beraterfirmen wie Bertelsmann und... - man möchte die Namen gar nicht mehr in den Mund nehmen - mit sogenannten Effizienzvorschlägen.

Da wurde und wird jedes scheinbar überflüssige Intensivbett weggespart, jede zusätzliche Notfallausrüstung eingestampft, und natürlich sind die Personalkosten immer viel zu hoch. "Rechnet sich nicht", ist das Zauberwort der McKinseys dieser Welt, und seit Jahren wird zum Beispiel über die Schließung des Krankenhauses Wolfratshausen diskutiert, weil es keinen Gewinn abwirft.

Das einzige, was im Gesundheitswesen ungebremst wachsen darf und auch mit horrenden Kosten wächst, ist die Bürokratie. Denn die Sprache der Bürokratie wird von den Beratern verstanden, die der Medizin, der Menschlichkeit und der Prophylaxe nicht. Daher stehen die Begriffe Effizienz und Gewinnmaximierung im Gesundheitswesen schon seit langem weit über den Werten Gesundheit und Menschlichkeit. Wer das kritisiert, ist ein Träumer und - das Unwort des Jahres - "Gutmensch".

Günter Wagner ist mit seinem Pflegedienst seit 2006 in Geretsried ansässig. Insgesamt ist der gelernte Krankenpfleger seit fast 30 Jahren selbständig und kennt die Pflegebranche aus langer eigener Anschauung.

(Foto: OH)

Notfallkapazitäten, vorbeugende Maßnahmen, Vorräte anlegen, diese Positionen wirken sich auf die Bilanz des "Unternehmens Klinik" sehr negativ aus. Also werden sie gestrichen. Begünstigt durch opportunistische Politiker, die nur allzu gerne nachsäuseln, was ihnen die Effizienzmaschinen ihrer Beraterfirmen und selbsternannten Spezialisten vorgaukeln. Einfach, klar und deutlich die Wahrheit auszusprechen, dass die Gesundheit eben nicht den Gesetzen des freien Marktes unterliegt, alleine schon aus dem Grund, weil niemand frei wählen kann, ob er krank, pflegebedürftig oder gesund ist, ist offensichtlich auch von Politikern zu viel verlangt.

Bevor man sich selbst Gedanken macht, ist es einfacher, die Psalmen des Neoliberalismus nachzubeten und dabei die wichtigsten gemeinschaftlichen Güter Energie, Wasser, Verkehr und Gesundheit auf dem Altar der "Schwarzen Null" zu opfern. Corona hat durch diese Schwarze Null jetzt einen dicken roten Strich gezogen. Es ist wie beim Klimawandel: Würde man rechtzeitig in die richtigen Vorbeugemaßnahmen investieren, wären die Kosten später kalkulierbar.

Seit 2005 liegt ein Notfallplan für Pandemien in der Schublade des Gesundheitsministeriums. Kapazitäten schaffen, Vorräte anlegen, das alles wurde schon 2005 empfohlen, aber da sich solche Maßnahmen auf keinen Fall "rechnen", blieben die Pläne in den Schubladen. Wären sie befolgt worden, müsste man heute nicht "Zeit gewinnen", um die Kapazitäten der Krankenhäuser nicht zu überfordern und die Folgen vor allem für die kleinen und mittelständischen Unternehmen und den Steuerzahler wären um Längen geringer.

Pflegezentrale und Kulturherbst

Günter Wagner ist vielen Geretsriedern als Leiter des von der Stadt veranstalteten "Kulturherbsts" bekannt. Er hat diese Kulturbiennale mit Musik, Kabarett, Theater und mehr bisher dreimal organisiert. Ob es auch beim vierten Mal klappt, kann er derzeit nicht sagen. Der Termin liegt im Oktober - derzeit scheint es kaum absehbar, wie die Corona-Lage bis dahin ist.

Wagner ist vielfältig tätig. Seit einem Kanada-Aufenthalt 1998 vermittelt er in der Atlantikprovinz Nova Scotia Grundstücke und Feriendomizile. Im Kern ist der 59-Jährige aber gelernter Krankenpfleger, arbeitet seit vierzig Jahren in diesem Bereich, seit 29 Jahren selbständig. Seine "Pflegezentrale Wagner" hat in München begonnen, dort war der Chef auch vielfältig engagiert, im Berufsverband der freien Pflegekräfte ebenso wie im Zukunftsforum 2030. Seit 2006 ist der Pflegedienst in Geretsried ansässig, hat aber nach Wagners Auskunft weiterhin auch in München Einsatzbereiche. Denn unter den 80 fest angestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seien rund 50, die in der sogenannten 24-Stunden-Pflege in Haushalten tätig sind.

Die Geschäftsführung teilt sich Günter Wagner mit Stefan Schleicher und seiner Ehefrau Daniela Wagner, ausgebildete Krankenschwester und Pflegeberaterin. Unter dem Stichwort "Selbstverständnis" heißt es auf der Homepage: "Wir glauben daran, die Gesundheitsbranche in Deutschland verändern und die Pflege wieder attraktiver gestalten zu können."fam

Aber die Krise bietet auch eine große Chance: Erinnern wir uns an den Physikunterricht in der Schule. Nach dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nimmt in jedem geschlossenen System die Unordnung mit der Zeit zu. Dieses Gesetz betrifft im Besonderen das geschlossene Gesundheitssystem der letzten 30 Jahre. Lassen Sie uns dieses System öffnen und nach medizinischen und menschlichen Vorgaben neu aufbauen.

Nicht die Verwaltungschefs in den Krankenkassen und den Krankenhäusern bestimmen das Vorgehen, sondern Mediziner und Pflegekräfte. Nicht die Fälle und Fallzahlen sind entscheidend, sondern der Mensch in seiner Gesamtheit. Nicht der Bürokrat am Schreibtisch der Krankenkasse entscheidet, dass der "Pflegebedürftige, gekämmt, gewaschen und aufs Klo gesetzt wird", sondern die pflegerische Fachkraft bestimmt den Umfang der Pflege zusammen mit dem Betroffenen.

Nicht die Bertelsmann-Stiftung rechnet vor, wie ein Krankenhaus beschaffen sein muss, sondern Mediziner errechnen, welche Maschine und welche Ausrüstung auch für eine Katastrophe vorgehalten werden müssen, um so viele Menschenleben wie möglich zu retten. Nicht der Arbeitsminister bestimmt, dass die Pflegekasse nur einen kleinen Teil der Kosten für Pflege übernimmt und der Pflegebedürftige den weitaus größeren. Sondern wir als Souverän bestimmen, dass die Kosten für Pflege voll von der Kasse übernommen werden. Schließlich wird es fast jeden von uns einmal betreffen.

Und natürlich muss die Pflege so bezahlt werden, dass die "systemrelevanten Helden des Tages" auch von ihrer Arbeit gut leben können. Und ich meine wirklich gut. Schließlich kann auch jeder Bänker gut von seiner Arbeit leben.

Ja, das wird Geld kosten, sehr viel Geld. Aber viel weniger Geld, als das, was wir in diesen Wochen ausgeben und ausgeben werden, nur weil wir nicht vorbereitet waren, keine Vorräte haben und die "Helden des Tages" seit Jahrzehnten vom Aussterben bedroht sind.

© SZ vom 21.04.2020
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