Für das Lebenswerk Denkmale der Natur

Erwin Wiegerling - Künstlername E.lin - arbeitet gern mit Naturmaterial. Diesen etwa 300 Jahre alten Ahorn hat er für die Kunst gerettet; er bewahrt ihn nun erst einmal in seinem Atelier in Gaißach auf.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Erwin Wiegerling alias E.lin schafft aus Streubüscheln und Baumriesen, Moos und Schilf imposante Werke. Er selbst nennt sein künstlerisches Selbstverständnis "gespalten"

Von Petra schneider, Gaißach

Im Eingangsbereich des Ateliers von Erwin Wiegerling lehnt ein mächtiger Ahorn, gut dreieinhalb Meter Umfang, Wölbungen wie Muskeln, vernarbt mit Astlöchern und Rissen. Aus dem Inneren des gefallenen Riesen bröselt faules Holz. Nicht aufrecht, sondern gekippt steht er da, als Sinnbild einer Zeit, "in der Vieles aus dem Lot ist", sagt Wiegerling, der den alten Ahorn wie einen Freund tätschelt. Der Baum kommt aus der Jachenau, ein rund 350 Jahre altes Naturdenkmal, das zu einem Cello verarbeitet werden sollte. Wiegerling bekniete den Schreiner, wollte den Baum unbedingt retten - als Kunstobjekt lebt er nun weiter in seinem Atelier, das voll ist von Wunderbarkeiten: Verästelte Palmbaumhäute, Bienenwaben, zwei lebensgroße, dreibeinige Pferde aus Streubüscheln, raumhohe Fahnen mit Haikus, ein "Denkhaus" mit Tisch, Stuhl und Hausschuhen, das über eine Treppe erreichbar ist; Besucher können dort ihre Gedanken aufschreiben und in eine Stele werfen, die nicht geöffnet werden kann.

Man möchte ewig mit Wiegerling durch dieses anregende Universum streifen und den Geschichten über seine Fundstücke und Objekte lauschen. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet der gelernter Restaurateur als freischaffender Künstler unter dem Namen E.lin. Dass er nun mit dem Kulturpreis ausgezeichnet wird, freut ihn. Auch wenn er lieber im Hintergrund arbeite. "Ich bin ganz schlecht darin, mich als Künstler zu vermarkten", sagt er.

Streubüschel finden sich fast in allen Arbeiten des 75-Jährigen. Sie stammen aus dem Moor seiner Heimat Benediktbeuern und sind sein bevorzugtes Material, weil die hohlen Halme filigran und widerstandsfähig zugleich seien. In zwei großformatigen Objektkästen, die bei den Essener Kulturtagen ausgestellt waren, hat Wiegerling dem Moor ein Denkmal gesetzt: Die Leinwand wurde auf der Rückseite mit natürlichem Leim getränkt, auf der Vorderseite mit Pigmenten bestreut - Holzkohleteilchen, blaues Glaspulver, Schilf, weißer Kalk, der sich wie Schnee über diese Landschaft legt. Zu ihr gehören auch Teilchen vom Verputz des historischen Asamhauses in München. Die Objektkästen bilden Wiegerlings Selbstverständnis, das er "gespalten" nennt, beinah prototypisch ab: Einerseits Kulturgut erhalten, andererseits aus natürlichen Materialien Neues schaffen.

Wiegerling ist in Augsburg geboren und nach dem frühen Tod seiner Mutter bei einer Tante in Bad Tölz aufgewachsen. Nach seiner Ausbildung zum Kirchenmaler und Restaurator in München gründete er 1972 eine Firma für Restaurierungen mit heute 60 Mitarbeitern. Vor knapp 25 Jahren hat er neben seinen Werkstätten im Gaißacher Gewerbegebiet das "Forum Lin" eröffnet.

In der ehemaligen Fabrikhalle schafft er Großprojekte für den öffentlichen Raum, wie die Arche Noah, die einige Jahre auf dem Seeoner See trieb. Oder die 28 Meter hohe, illuminierte "Himmelsleiter" im Millenniumsjahr 2000, die als temporäres Objekt alle neun Monate weiterwandert und auch Station an der Gaißacher Kirche und an der evangelischen Petruskirche in Geretsried machte. Einen Großteil seiner Arbeiten macht die Gestaltung sakraler Räume aus; etwa der interreligiöse "Raum für Gebet und Stille" im Münchner Flughafen. Oder sein größtes Projekt, der Neubau des Klosters der Barmherzigen Schwestern in Augsburg vor vier Jahren. Als "mutig und modern" wurde auch seine Umgestaltung der Ickinger Kirche Heilig Kreuz gelobt, die im September wieder eröffnet wurde.