Fünf Jahre nach der Brand-Katastrophe:Mühsame Renaturierung des Bergwalds

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Fünf Jahre nach der Brand-Katastrophe: Der Jochberg wirkt aus dieser Perspektive - vom Parkplatz vor der Kesselbergauffahrt - erholt. Tatsächlich aber dauert dies noch Jahre.

Der Jochberg wirkt aus dieser Perspektive - vom Parkplatz vor der Kesselbergauffahrt - erholt. Tatsächlich aber dauert dies noch Jahre.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Zwei Wanderer haben zu Silvester 2016 durch ein Lagerfeuer beim Jochberg einen Großbrand ausgelöst. Die Nachpflanzaktion der Staatsforsten entwickelt sich positiv, wird aber Jahrzehnte brauchen.

Von Benjamin Engel

Es wird Jahrzehnte dauern, bis die Natur das zurückgewonnen hat, was ein Feuer in wenigen Stunden vernichtet hat. Mehr als 6000 Baumsetzlinge, darunter vor allem Kiefern, aber auch Hochlagenfichten oder Mehlbeeren, haben allein die Bayerischen Staatsforsten am Graseck hoch über dem Kochelsee nachgepflanzt. Unter erschwerten Bedingungen im äußerst steilen, lichten Wald-Gelände mit teils jahrhundertealten Bergkiefern. Das Team der Staatsforsten im Betrieb Bad Tölz konnte am Berg nur zu Fuß agieren, erklärt dessen Leiter Rudolf Plochmann. Immerhin entwickle sich der durch das Großfeuer vor fünf Jahren stark in Mitleidenschaft gezogene Wald sehr positiv, sagt er. "Der Wald wird aber Jahrzehnte brauchen, um sich ganz zu erholen."

In der Silvesternacht 2016/17 waren zwei Wanderer zum Jochberg aufgestiegen. Klar und sternenklar war es, als die beiden Münchner - damals 37 und 33 Jahre alt - gegen 23 Uhr den Felsvorsprung des Gamsköpfls erreichten. Dort, wo die Sicht weit hinab ins Loisachtal reicht, wollten sie feiern und die Raketen beobachten. Sie zündeten ein Lagerfeuer an und lösten damit einen der größten Waldbrände der Region aus. Viele Hektar vor Erosion schützender Bergwald wurden zerstört, bis zu sieben Hubschrauber waren gegen die Flammen im Einsatz. Drei Tage dauerte der Katastrophenfall im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen an. Mittlerweile sind die beiden Männer am Amtsgericht Wolfratshausen wegen fahrlässiger Brandstiftung zu Geldstrafen verurteilt worden - der Ältere musste 9000 Euro, der jüngere Begleiter 6750 Euro zahlen. Beide gelten damit nicht als vorbestraft.

Durch das von beiden ausgelöste Großfeuer sind um die 100 Hektar Wald verbrannt. Laut Oberstaatsanwaltschaft lag der Waldschaden bei etwa 350 000 Euro, der für eine ebenso abgebrannte Berghütte bei 43 000 Euro. Für den Landkreis entstanden Kosten in Höhe von 490 435 Euro. Diese Summe hat die Haftpflichtversicherung erstattet.

Das Areal befindet sich überwiegend im Besitz der Staatsforsten, teils in der Hand von Privatleuten. Im steilen, südexponierten Gebirgsgelände wachsen die neu gepflanzten Setzlinge nur langsam nach, um wenige Zentimeter pro Jahr, wie der Tölzer Staatsforsten-Leiter Plochmann sagt. "Die Pflanzen sind jetzt etwas über kniehoch." Die Arbeiten waren beschwerlich. Das Team der Staatsforsten musste erst das Steigwegesystem ertüchtigen, um sich im extrem steilen, ausgesetzten und gefährlichen Gelände halbwegs sicher bewegen zu können. Erst eineinhalb Jahre nach dem Brand sei der Großteil der Nachpflanzungen abgeschlossen worden. Teils habe das Team danach noch einzelne, erst später abgestorbene Kiefern ersetzt. Drei bis vier Leute seien dafür zu Fuß am Hang im Einsatz gewesen.

Die Rinde der Kiefer ist dicker als die anderer Baumarten, damit ist sie gegen Feuer widerstandsfähiger. Wird die darunter führende Schicht mit den nährstoffversorgenden Leitungsbahnen aber zu stark geschädigt, halten manche Kiefern zwar noch ein, zwei Jahre durch, gehen danach aber ein. Für Friedl Krönauer ist es trotzdem erstaunlich, wie gut der lichte, von Pfeifengras durchsetzte Wald zumindest optisch inzwischen wirke. "Relativ viele Bäume haben sich wieder erholt", so der Eindruck des Kreisvorsitzenden des Bunds Naturschutz (BN). Allerdings war der in Kochel am See wohnende Krönauer schon länger nicht mehr im Gebiet des früheren Brandherds unterwegs.

Der vor fünf Jahren besonders trockene Waldboden hatte die Ausbreitung des Feuers wohl begünstigt. Derzeit sei der Untergrund durch die relativ vielen Niederschläge der jüngsten Vergangenheit wesentlich besser mit Feuchtigkeit versorgt, sagt Krönauer. "Die Waldbrandgefahr ist sicher geringer als vor fünf Jahren." Doch der BN-Kreisvorsitzende warnt ebenso wie der Leiter des Holzkirchner Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF), Christian Webert davor, dass sich die Bedingungen gerade in solch steilen südexponierten Gebirgslagen schnell ändern könnten. Besonders problematisch kann es anders als zunächst vermutet sogar im Winter werden. Denn an Südhängen kann der Schnee vor allem unter Föhneinfluss auch abrutschen. Das Lahnergras liege dann offen und trockne unter der Sonneneinstrahlung, so Webert. "Das ist sprichwörtlich brandgefährlich."

Webert mahnt daher zu einem umsichtigen Umgang mit der Natur. Erholungssuchende sollten nie in der freien Landschaft mit offenem Feuer hantieren. In dieser Einschätzung ist er sich mit dem Kochler Bürgermeister Thomas Holz (CSU) einig. Die Region rund um den Walchen- und Kochelsee ist besonders seit Pandemiebeginn von einem vermehrten Ausflüglerstrom betroffen. Er könne nur an die Leute appellieren, so Holz, nicht spätnachts auf Waldwege zu gehen und womöglich noch Raketen abzufeuern. "Ich gehe aber davon aus, dass die meisten, die in die Berge gehen, vernünftig sind", sagt er.

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