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Freizeit:Bedrohtes Kulturgut

Flößerei wird immaterielles Kulturerbe

So war's einmal, als die Flößer in Wolfratshausen noch von der Floßlände aus gen München aufbrachen. Heute liegt der Startpunkt für die Fahrten hinter der Altstadt - aber auch dort sind derzeit solche Bilder Vergangenheit. Denn die Betriebe sind durch die Folgen der Pandemie in ihrer Existenz bedroht.

(Foto: Privat/oh)

Die Wolfratshauser Flößereibetriebe kämpfen um ihre Existenz. Fahrten sind coronabedingt unmöglich und die staatlichen Hilfen greifen nicht. Die Stadt unterstützt sie zwar - aber nur verbal.

Von Wolfgang Schäl

An der Weidacher Schlederleiten herrscht tiefe Ruhe. Wohlgeordnet liegen die entrindeten Baumstämme am Loisachufer, der Floß-Imbiss hat geschlossen. Aktivitäten, die auf den Anfang Mai üblichen Saisonbeginn hindeuten könnten, sind nirgends erkennbar. Ob der Kiosk in diesem Jahr noch einmal öffnet, ob die Baumstämme heuer wie gewohnt morgens mit dumpfem Poltern über die Uferrampe rollen und mit einem vernehmlichen Platschen in der aufgischtenden Loisach landen, wer weiß. "Reinkugeln" heißt dieser Teil der Flößerarbeit, die Franz Seitner bis vor sieben Jahren verrichtet hat.

Seitner, 77, eine nach wie vor drahtige Erscheinung, wohnt einen Steinwurf entfernt. Er ist mehr als 50 Jahre auf dem Floß gefahren. Die Geschäfte waren witterungsbedingt mal so, mal so. Aber nie so wie jetzt, wie seit Corona. Bisher war die Flößerei immer eine ganz eigene Szenerie. Wer selbst jahrelang direkt gegenüber der Ablegestelle gewohnt hat, der hat die hellen metallischen Schläge noch im Ohr, wenn die Eisenklammern morgens um sieben mit der Hack in die Stämme getrieben wurden; er kennt das unbeschwerte Stimmengewirr nach der Ankunft der Touristenbusse, die Blasmusik, die meist schon lang vor dem Ablegen einsetzte, fast immer in der selben Reihenfolge der Stücke. Es herrschte Betriebsamkeit vom Frühjahr bis hin zur Eisfahrt, der letzten Flussreise im Jahr. Die findet traditionell am 8. September statt. Aber heuer?

Die Flößerei ist seit jeher ein ebenso kulturelles wie touristisches Spektakel, von dem viele wirtschaftlich profitieren: Lkw-Fahrer, Musiker, Gastronomen, Caterer, Brauereien, Saison- und Servicekräfte, Bus-Unternehmen, alle möglichen Handwerker, auch Vereine. Sie ist der Stolz der Stadt, die dem Flößer sogar ein Denkmal gesetzt hat und die auf Landesebene kürzlich zum immateriellen Kulturgut erhoben wurde. Doch jetzt herrscht Grabesruhe. Niemand weiß, wie es inmitten der Pandemie weitergeht mit der vergnüglichen Flussfahrt. "Um das vorauszusehen, müsste man schon in eine Kristallkugel schauen", sagt Seitners Tochter Monika Heidl-Seitner, die sich um die Verwaltung und die Buchhaltung des Familienunternehmens und eigentlich um alles kümmert. Und bis jetzt vor allem um die vielen Stornierungen. "Absagen, nur Absagen." Denn Firmen, die in der Krise staatlich unterstützt werden müssen, tendieren nicht zum Feiern. Und Hygienevorschriften lassen sich nicht ansatzweise einhalten, wenn sich 60 Personen gut gelaunt auf einer Floß-Fläche von 45 Quadratmetern drängen. "Vergessen Sie's." Fast komisch mutet die Vorstellung an, welche Mengen an Aerosolen die Blasmusiker auf die Fahrgäste posaunen würden. Und, sagt Monika Heidl-Seitner: "Wenn auch nur einer unserer Angestellten positiv ist, dann müsste ich sowieso zusperren." Die Variante, einfach die Zahl der Passagiere zu reduzieren, ein Floß nur mit 15 statt mit 60 Personen zu besetzen, ist keine Lösung. "Das würde kein Mensch bezahlen, die ganztägigen Floßfahrten sind ja nicht billig. Und dann noch mit Maske. Was soll das?"

Was tun? Die Stadt wird nicht müde, sich als "Internationale Flößerstadt" zu präsentieren. Da sie nun aber keine materielle Hilfe geben kann, beteuert sie ihre Solidarität wenigstens verbal, mittels einer in der jüngsten Stadtratssitzung verabschiedeten Erklärung. Neuigkeiten finden sich erwartungsgemäß darin nicht, es ist eher eine Art Zustandsbeschreibung und eine Solidaritätsadresse. Die Flößerei sei "ein großes Aushängeschild und ein Alleinstellungsmerkmal", die in der Saison 2020 "einen kompletten Umsatzausfall hinnehmen musste", heißt es da. Und für die Saison 2021 gebe es keinerlei Planungssicherheit. Auch aufgrund ihrer "außerhalb der Norm liegenden Unternehmensform greifen die bisherigen staatlichen Hilfen nicht" - eine der drei Wolfratshauser Firmen ist eine Offene Handelsgesellschaft (OHG), eine weitere eine GmbH & Co. KG. Sollte die Saison 2021 wieder komplett ausfallen, heißt es in dem Rathaus-Text, stünden die Flößereibetriebe wie viele andere Saisonunternehmen "vor großen existenziellen Problemen".

Das alles wissen Franz Seitner und seine Tochter alles selbst, zumal sich die jetzige Erklärung des Stadtrats inhaltlich auf einen Brandbrief der Familie Seitner an Bayerns Finanzminister Albert Füracker stützt. Gerichtet war die Erklärung unter anderem auch an Ministerpräsident Markus Söder, Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger, Gesundheitsminister Klaus Holetschek sowie an die hiesigen Landtagsabgeordneten Martin Bachhuber, Florian Streibl und Hans Urban. Alle drei Wolfratshauser Flößereibetriebe, so Heidl-Seitner, seien kleine Familienunternehmen, "die aufgrund ihrer saisonalen Tätigkeit durch alle Raster der Wirtschaftshilfen fallen". Dazu kommt: Es gibt keinen Dachverband, keine Interessensvertretung, die Druck ausüben könnte. Bei einem Telefonat mit der Regierung von Oberbayern seien die Flößerbetriebe sogar schnoddrig als "Exoten" bezeichnet worden, wie Heidl-Seitner etwas verschnupft anmerkt. Bisherige Reaktionen auf die Schilderung der aktuellen Lage sowie ein gemeinsamer Brief des Landrats und des Bürgermeisters "an die Politspitze": "Da gibt es großes Bedauern über unsere Situation, diverse Hinweise auf Finanzhilfen, aber wirklich helfen konnte uns keiner."

Dabei gehe es doch um ein geschichtsträchtiges Kulturgut, ja, um den Stellenwert des Tourismus im gesamten bayerischen Oberland. Aufgrund der jeweiligen Betriebsstrukturen aber könne man die meisten Kriterien für staatliche Hilfen nicht erfüllen. Erleichterungen beim Kurzarbeitergeld? "Was nutzt das, wenn man keine festangestellten Mitarbeiter hat?" Die November- und Dezemberhilfen? "Greifen nicht, wenn Einkommen ausschließlich in den Sommermonaten erzielt werden." Auch Sonderregelungen kommen bei Saisonarbeitern nicht zur Anwendung, beklagt Heidl-Seitner, und was nutzten Stundungsangebote, wenn man das ganze Jahr lang ja keinen einzigen Cent eingenommen habe? Die finanziellen Reserven seien durch laufende Fixkosten nahezu aufgebraucht. Nüchternes Fazit: "Corona hat uns bisher einen hohen fünfstelligen Betrag gekostet, wir stehen mit dem Rücken zur Wand." Sollte das Jahr 2021 umsatztechnisch wieder eine Nullrunde werden, so Heidl-Seitners Prognose, "wird es unseren Flößereibetrieb nicht mehr geben".

© SZ vom 13.03.2021
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