Es ist eine Zeitreise der besonderen Art, zu der das Freilichtmuseum Glentleiten in diesem Jahr einlädt. Seit 50 Jahren widmet sich die Einrichtung des Bezirks Oberbayern den Menschen und ihrem Leben zwischen mittlerer Isar und Inn bis zum Berchtesgadener Land und dem Rupertiwinkel. Fünf Jahrzehnte voller Geschichte und Geschichten – anschaulich aufbereitet und manchmal sogar zum Anfassen. Mit zwei Sonderausstellungen und einem abwechslungsreichen Programm, das über das gesamte Jahr verteilt ist, feiert die Glentleiten das Jubiläum unter dem Motto „Damals – heute – mittendrin“. Und weiter gebaut wird ebenfalls.
Von der Idee für ein Freilichtmuseum bis zur Umsetzung vergingen einige Jahre. Ziel war es, einen Ort zu schaffen, wo der Alltag der Menschen in Oberbayern in allen Facetten vor dem Vergessen bewahrt werden soll. Als sich am 3. März 1972 der Freundeskreis Freilichtmuseum Südbayern gründete, war die Frage nach dem Standort ungeklärt. Die Wahl fiel schließlich auf die Glentleiten. Mit 15 Hektar fing es an. 1976 folgte der Spatenstich. Drei Jahre später standen die ersten 13 Gebäude.
Heute umfasst das Gelände des Freilichtmuseums 40 Hektar. Mittlerweile gehören zur Sammlung rund 70 historische Gebäude, die teils auf Schlehdorfer, teils auf Großweiler Flur stehen – und somit auf die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen und Garmisch-Partenkirchen verteilt sind. Weitere Bauwerke sind eingelagert. Wer dieser Tage seinen Weg hinauf zum Freilichtmuseum findet, fährt an einem sogenannten Leergerüst auf einer Anhöhe vorbei. Die hölzernen Latten sind die Vorboten einer neuen Attraktion auf dem Museumsgelände.
Freizeit- und Tourismus-Architektur ist ein Thema
1927 ließ sich ein damaliger Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München ein Wochenendhäuschen in Traubing, einem Gemeindeteil von Tutzing am Starnberger See, errichten. Das Gebäude steht für die Freizeitarchitektur in Oberbayern und war ursprünglich nicht als dauerhafte Wohnstätte ausgelegt. Gleichwohl hatte es einen Garten. Die Städter wollten sich auf dem Land selbst versorgen. Diese Situation lasse sich auf der Hanglage mit terrassenartigen Beeten wieder herstellen, erklärt das Museumsteam. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Haus als Flüchtlingsunterkunft. Zwei Familien wohnten dort. Später hat ein einarmiger Friseur darin gearbeitet. Um all diese Anekdoten und Biografien ans Tageslicht zu bringen, ist viel Archivarbeit und Recherche vonnöten.
Längst ist die Glentleiten kein reines Architekturmuseum mehr, sondern ein Menschenmuseum, wie Direktorin Julia Schulte to Bühne betont. Die Schicksale der Bewohner und ihre Lebensumstände rücken immer stärker in den Fokus. Das Team hat sich in der Vorbereitung zum Jubiläumsjahr aufgemacht, Neues über die Menschen, die einst die Gebäude nutzten, herauszufinden. Das Ergebnis dieser Suche verdient eine besondere Form der Präsentation. Dafür hat sich das Museumsteam etwas einfallen lassen.

Die über das Gelände verteilten „Zeit-Räume“ laden dazu ein, in die Vergangenheit einzutauchen. Sie verknüpfen Historie mit aktuellen Zugängen und biografischer Forschung. Vor sechs Gebäuden, die von den 1970er- bis in die 2020er-Jahre im Freilichtmuseum aufgebaut wurden, stehen Boxen, die neues Wissen über Mensch und Haus vermitteln. Es lohnt sich auch, diese begehbaren Schaukästen zu umrunden. Denn an den Außenwänden ist exemplarisch abgebildet, was die fünf Jahrzehnte jeweils geprägt hat: von Straßenfegern im Fernsehen über Popgeschichte bis zum angesagten Steckerleis – eine Reise zurück in die eigene Kindheit oder die der Eltern und Großeltern.
Im Eingangsgebäude erwartet die Besucherinnen und Besucher die Sonderausstellung „Alltags-Schätze“. Denn nicht allein historische Gebäude werden im Freilichtmuseum Glentleiten vor dem Abriss gerettet. Mehr als 100 000 Objekte der Alltagskultur aus Oberbayern sowie Foto- und Archivbestände zählen zur Sammlung. Hinzu kommen noch etwa 30 000 Objekte aus der Bekleidungskultur, die sich unter anderem im Zentrum für Trachtengewand im Kloster Benediktbeuern befinden.


Für die Ausstellung hat Kurator Jan Borgmann, Leiter der Sammlung Alltagskultur, einige besondere „Schätzchen“ aus den Depots geholt. So etwa ein Tretboot made in Mittenwald. Nur wenig sei über das Unternehmen des Josef Wurmer zu finden, erzählt Borgmann. Zum originalen Tretboot gibt es eine Aufnahme, die Wurmer mit seinem Wassergefährt auf dem Lautersee bei Mittenwald zeigt, Mitte der 1950er-Jahre war das.

Oder der Rennrodel, mit dem Josef Öttl aus Urfeld am Walchensee 1934 die Bayerische Rodelmeisterschaft gewann. Ausgetragen wurde der Wettbewerb auf der alten Kesselbergstraße. Mit 2,32 Minuten trug Öttl den Sieg davon. Übrigens gab es damals auch eine bayerische Meisterin: Therese Hauser aus Bad Tölz. Sie brauchte für die Strecke 2,45 Minuten.
Während der Rennrodel in Braunschweig hergestellt wurde, stammt das Paar Ski aus einer Fertigung in Murnau. Von 1924 an baute der Wagnermeister Max Hofbauer eine Kunstschreinerei zu einer Produktionsstätte für Alpinski aus. Seine Brettl, die sogenannten Hofbauerski, waren damals begehrt. Viele Sportlerinnen und Sportler der Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen fuhren mit Hofbauerski. Hofbauer arbeitete zudem mit der Firma Marker bei der Entwicklung der Skisicherheitsbindung mit, die 1952 präsentiert wurde.

Aus dem Ende des 18. Jahrhunderts stammt ein Einbaum aus Tutzing am Starnberger See. Er war als Kohlenkiste zweckentfremdet worden, ehe er entdeckt und dem Museum überlassen wurde.

Für das Museumsteam sind nicht allein Gebäude und Objekte aus Urgroßelterns Zeiten es wert, bewahrt zu werden. Auch den 1970er-Jahren soll mehr Platz auf der Glentleiten eingeräumt werden. Was allerdings ganz oben auf der Wunschliste von Julia Schulte to Bühne steht: Sie hätte gerne eine Disco aus dem oberbayerischen Raum für das Freilichtmuseum. Eine Telefonzelle und eine Seilbahn-Kabine wären ebenfalls klasse.
Im Jubiläumsjahr erwarten die Besucherinnen und Besucher nicht nur Ausstellungen, es gibt auch thematische Führungen, Mitmach-Aktionen und diverse Veranstaltungen. Wiederbelebt werden soll etwa das Feriendorf „Guglfing“ für Kinder. Höhepunkt ist das Festwochenende am 20. und 21. Juni. Ebenfalls finden wieder die traditionellen Märkte statt. Speziell für Kinder ist in den Osterferien allerhand geboten.

