Süddeutsche Zeitung

Frauen helfen Frauen:Wenn häusliche Isolation die Gewalt eskalieren lässt

Frauenhäuser wie das in Wolfratshausen haben schon in normalen Zeiten kaum freie Plätze für Schutzsuchende. Die Ausgangsbeschränkungen verschärfen nun die Lage weiter. Das Coronavirus verändert auch die Arbeit des Vereins "Frauen helfen Frauen", denn gerade die persönliche Beratung ist nun kaum mehr möglich

Von Benjamin Engel, Wolfratshausen

An der Belastungsgrenze arbeiten Nicoline Pfeiffer und ihr Team auch ganz ohne Ausgangsbeschränkungen: Das Personal und Geld sind im Verein "Frauen helfen Frauen", den Pfeiffer gegründet hat, knapp. Die Ressourcen für das Wolfratshauser Frauenhaus und die Beratungsstelle sind begrenzt. Das könnte umso herausfordernder werden, je länger die strikten Bestimmungen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie andauern. Weil Familien nun viel mehr Zeit gemeinsam zuhause verbringen müssen, rechnet Nicoline Pfeiffer damit, dass Streitigkeiten zunehmen: "Es ist zu befürchten, dass es vermehrt zu Ausbrüchen von Gewalt gegen Frauen kommt."

Schon in den vergangenen Tagen zeichnete sich der größere Bedarf nach freien Plätzen im Wolfratshauser Frauenhaus bereits ab. Es habe viele Anfragen gegeben, sagt Pfeiffer auf Nachfrage der SZ. Kürzlich sei einer der sechs Plätze im Frauenhaus frei geworden und direkt wieder belegt worden.

Genaue Entwicklungen abzuschätzen, ist allerdings für Pfeiffer schwierig. Denn die Angst vor dem Coronavirus könnte für manche die Hemmschwelle erhöhen, Hilfe im Frauenhaus zu suchen. "In so einer Situation versucht die Familie zusammenzustehen", schildert Pfeiffer. Je beängstigender das äußere Umfeld erscheine, desto schwerer falle es, sich selbst von gewalttätigen Partnern zu trennen. Daher sei bei Frauen und ihren Kindern mit großen Folgeschäden zu rechnen. Gerade in bislang nicht von Gewalt geprägten Familien könne die belastende Situation eskalieren und problematisch werden. Die Entwicklung sei aber noch gar nicht abzuschätzen, sagt Pfeiffer.

Derzeit sind nach Angaben der Vereinsgründerin alle sechs Plätze für Schutzsuchende im Wolfratshauser Frauenhaus belegt. Für Frauen, die weniger intensiv betreut werden müssen, hält der Verein "Frauen helfen Frauen" noch drei zusätzliche Wohnungen bereit. Hinzu kommt noch eine weitere Wohnung für eine Familie im bayernweiten Second-Stage-Projekt für die Zeit nach der Betreuung direkt im Frauenhaus.

Der Einrichtungsalltag hat sich durch das Coronavirus verändert. Nur wenn es nicht anders möglich ist, kommen derzeit noch Frauen persönlich zur Beratungsstelle in der Wolfratshauser Bahnhofstraße. Die Verantwortlichen achtet dann auf den nötigen Sicherheitsabstand. Pfeiffer und ihr Team versuchen, möglichst nur noch telefonisch zu unterstützen. Die Idee, sich im Team zu Dritt aufzuteilen, damit nicht mehr alle gleichzeitig im Büro sind, klappt aber nur rudimentär. Im Frauenhaus würden die Kinder nur noch einzeln und nicht mehr in Gruppen betreut, berichtet Pfeiffer.

Auf die Forderung des Sozialverbands VdK nach Schutzkleidung für die Beschäftigten in Frauenhäusern reagiert sie aber zwiespältig. "Für uns wäre das beruhigend, aber für die Frauen ein ungutes Signal", sagt Pfeiffer. Denn Schutzkleidung könne den Frauen auch Angst machen. Und das wollten sie und ihr Team unbedingt vermeiden. Um sich zu schützen, fragten sie Kontakt suchende Frauen nach Symptomen und Begegnungen mit Infizierten. "Mehr können wir nicht machen", sagt Pfeiffer.

Schon bislang ist jeder frei werdende Platz in einem Frauenhaus sehr begehrt. Jede vierte Frau erleidet in ihrem Leben mindestens einmal Gewalt durch ihren Partner oder früheren Lebensgefährten. Alle drei Tage tötet ein Mann seine derzeitige oder frühere Partnerin. Deshalb fordert die VdK-Präsidentin Verena Bentele von der Bundesregierung und den Ländern Maßnahmen. Für ausreichende Plätze in Frauenhäusern brauche es eine gesicherte Finanzierung, heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung.

Zudem lobt Bentele, dass die Bundesregierung vorgeschlagen habe, gefährdeten Frauen und Kindern Hotelzimmer oder Ferienwohnungen als Zufluchtsorte anzubieten. "Die Politik hat eine große Verantwortung für die Menschen, die kein sicheres Zuhause haben. Genau diese Menschen zu schützen, ist eine große Aufgabe, auch in Zeiten von Corona", sagt Bentele.

Allein mehr Geld und Betreuungsplätze reichen allerdings für Pfeiffer nicht, um Gewalt gegen Frauen zu begegnen. Damit sich etwas grundlegend ändere, müsse die ganze Gesellschaft umdenken, sagt sie. Immer noch werde meist nur darauf fokussiert, was Frauen falsch machten. Sie würden beispielsweise aufgefordert, sich therapieren zu lassen, um die Angst vor ihrem Mann abzubauen. Dass der Mann sich wegen seines Gewaltproblems behandeln lassen solle, stehe noch zu wenig im Vordergrund. "Egal, was eine Frau tut, es gibt keine Rechtfertigung für Gewalt", betont Pfeiffer.

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Quelle:
SZ vom 24.04.2020
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