Franziskuszentrum:Neue Kontaktstelle für Suchtkranke

Franziskuszentrum: Schon seit fast einem Jahr gibt es die Anlaufstelle "Auszeit" in Bad Tölz. Coronabedingt konnte die Einrichtung der Caritas erst kürzlich feierlich eingeweiht werden.

Schon seit fast einem Jahr gibt es die Anlaufstelle "Auszeit" in Bad Tölz. Coronabedingt konnte die Einrichtung der Caritas erst kürzlich feierlich eingeweiht werden.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Caritas schafft mit der Kontakt- und Begegnungsstätte "Auszeit" in Bad Tölz einen Ort zur Regeneration und zum Austausch für Alkohol- und Drogenabhängige.

Von Klaus Schieder

Die Corona-Pandemie dürfte die Gefahr durch Alkohol und andere Drogen nicht gerade reduziert haben. Die Einsamkeit durch die Kontaktverbote, die Geldnot nach dem Verlust der Arbeitsplatzes, die Angst vor einer Infektion, die seelischen Belastungen - all dies kann ein Auslöser sein, um erstmals oder erst recht zu Suchtmitteln zu greifen. Vor dieser Kulisse hat die Caritas den richtigen Zeitpunkt erwischt, um die Kontakt- und Begegnungsstätte "Auszeit" (kurz: Kuba) im Franziskuszentrum in Bad Tölz einzurichten. Die Anlaufstelle für Suchtkranke ging schon im November vorigen Jahres an den Start, also kurz vor dem zweiten Lockdown. Eingeweiht wurde sie coronabedingt jedoch erst jetzt. Die "Auszeit" sei ein Ort, an dem Alkohol- und Drogenabhängige "wieder Kraft sammeln und regenerieren können", sagte Caritas-Vorstandsvorsitzende Gabriele Stark-Angermeier bei der Feier im Garten des Franziskuszentrums.

Die Kontaktstelle befindet sich im ehemaligen Klostergebäude gleich neben der Schuldnerberatung und der Wohnungslosenhilfe der Caritas. Dafür habe man dort Räume freigeschaufelt, wie Caritas-Kreisgeschäftsführer Wolfgang Schweiger sagte. Um die Klienten, die aus Bad Tölz und dem gesamten Landkreis stammen, kümmert sich ein multiprofessionelles Team, das unter anderem aus Sozialpädagogen, Suchttherapeuten und Ergotherapeuten besteht. Die Leitung hat Friederike Hüttner. Kuba, betonte sie, sei ein niederschwelliges Angebot, das "anonym und freiwillig" sei. Die Klienten seien vorwiegend Männer. Und die hätten vor allem ein Problem mit dem Alkohol. Sie können in der Kontaktstelle mit den Fachkräften oder untereinander ins Gespräch kommen, sich beraten lassen, Spaziergänge unternehmen, basteln, kochen, auf andere Art kreativ werden. Derzeit gibt es zehn Plätze. Die Maßnahme wird vom Bezirk Oberbayern finanziell gefördert.

Den Start vor knapp einem Jahr bezeichnete Stark-Angermeier als erfolgreich. Im Lockdown hätte immer wieder kleinere Gruppen oder auch einzelne Personen Kontakt zu Kuba gehabt, sagte sie. Dies bestätigte Leiterin Hüttner. Zwar habe es coronabedingt ein wenig gedauert, bis die ersten Klienten gekommen seien, man habe aber auch nicht die Werbetrommel gerührt. Zwischendurch seien die Plätze bis zu 80 Prozent belegt gewesen, die Tendenz zeige nach oben. "Da ging viel über Mundpropaganda und durch die Vermittlung anderer Dienste der Caritas", sagte Hüttner.

Mit der Kontaktstelle schafft die Caritas nach Schweigers Worten "eine Brücke zwischen legalem und illegalem Suchtverhalten". Dabei gehe es nicht um die Drogen, sondern um die Menschen, die sich ihrem Suchtverhalten stellen, erklärte der Kreisgeschäftsführer. Dies erfordere von ihnen Mut und verdiene Anerkennung. Ähnlich äußerte sich Caritas-Chefin Stark-Angermeier. Mit Nachdruck verwies sie darauf, dass eine Sucht "kein Charakterfehler, sondern eine Erkrankung" sei. Oftmals würden vor allem Alkoholabhängige stigmatisiert, was für sie manchmal existenzbedrohend sein könne. "Eine Sucht ist etwas, das nicht gemacht wird, sondern unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen entstehen kann", sagte Stark-Angermeier.

Die neue Kontaktstelle in Bad Tölz soll Besuchern helfen, die aus dem sozialen Netz herausgefallen sind. Sie könnten dort wieder "die Begegnung mit anderen Menschen finden", sagte Stark-Angermeier. Außerdem gehe es darum, dass sie einen individuellen Fahrplan für ein besseres Lebens entwickeln und dann auch schon die ersten Schritte auf diesem Weg unternehmen.

Ähnlich äußerte sich Zweiter Bürgermeister Michael Lindmair (FWG). Eine Charakterschwäche sieht er nicht bei den Suchterkrankten, sondern "bei uns allen, weil wir es offenbar nicht verstehen, einfach da zu sein oder oft genug da zu sein". Die Gefahr gehe auch nicht von irgendeinem Dealer im Bahnhofsviertel aus, vielmehr von der Familienfeier, dem Bierzelt, dem Umtrunk im Büro. "Das ignorieren wir viel zu oft", meinte Lindmair.

Das Franziskuszentrum als ehemaliges Kloster bezeichneten alle Festredner als passenden Ort für die Kontaktstelle. Schweiger verwies auf die zentrale Lage und die schöne Umgebung, Lindmair sprach von einem "Kraftort", Stark-Angermeier freute sich, "dass wir an einem Platz wie hier etwa Sinnstiftendes beitragen können". Der Tölzer Stadtpfarrer Peter Demmelmair, der die neuen Räume zusammen mit Pfarrerin Elisabeth Hartenstein weihte, trug das Gedicht eines Freundes vor, wonach ein Mensch manchmal nicht weiß, wie wertvoll er für andere ist, weil ihm das niemand sagt. Die Kuba-Mitarbeiter seien Freunde, Ansprechpartner, Begleiter, so Demmelmair. Und was denkt die Leiterin? Friederike Hüttner wünscht sich, dass das Angebot in den nächsten Jahren noch auf 20 Plätze ausgebaut werden kann. Geplant sei auch, sagte sie, "extra für Frauen ein Angebot zu schaffen".

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