Eine Brücke bauen: Das klingt versöhnlich, friedlich, harmonisch. Doch die jungen Künstler – sämtliche aktiven Mitglieder waren Männer –, die sich unter dem Namen „Brücke“ gruppiert haben, setzten nicht auf Versöhnung und glückliches Zusammensein. Die Brücke, gegründet vor 120 Jahren in Dresden, suchte die Konfrontation, die Verneinung des Vorherigen. Ein Generationenkonflikt wurde Kunst. Aufregende, neuartige, bis heute begeisternde Kunst. Das Franz-Marc-Museum in Kochel zeigt Werke der Gruppe vom 23. November bis zum 12. April in einer umfangreichen Ausstellung.
„Wilde Farben, freier Geist“ heißt die Ausstellung, in der deutlich wird, wie radikal und radikal selbstbewusst die Künstler der Brücke den traditionellen Kunstidealen begegnet sind. Zu sehen sind etwa Akt-Zeichnungen. Natürlich war der nackte Körper fest als Gegenstand der bildenden Künste verankert. Doch die vier jungen Studenten Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff wollten mit der klassischen Darstellung, wie sie zu Anfang des 20. Jahrhunderts an den großen Kunstakademien etwa in München und Düsseldorf unterrichtet wurde, nichts zu tun haben.
Die in Kochel gezeigten Akte zeigen flotte, intensive Striche, die sich zu dynamischen Figuren zusammensetzen: Viertelstundenakte, wie Jessica Keilholz-Busch, die Direktorin des Museums, erklärt. So haben sich die vier Studenten häufig Modelle geteilt und diese gebeten, bestimmte, für ein professionelles Modell unübliche Posen einzunehmen. Und das für nur jeweils wenige Minuten, um eine schnelle Zeichnung anzufertigen, spontan, mit „unverstellter Natürlichkeit“, so Keilholz-Busch.

„Die Motive waren ähnlich und so wurden es auch die Stile“, sagt die Direktorin. „Manchmal wirken die Namen unter den Bildern fast austauschbar.“ Eines der Modelle, das häufig abgebildet wurde, war Lina Franziska Fehrmann, zur Hochphase der Gruppe gerade ein Kind. Ernst Ludwig Kirchners „Sitzende Fränzi mit weißem Gesicht“ von 1910 – ein Akt des damals zehnjährigen Mädchens – kann heute nicht unkritisch betrachtet werden. Dem Kochler Museum liegt an der Herausarbeitung der asymmetrischen Machtverhältnisse, die bei aller Hochschätzung das Werk der Brücke durchziehen.
Dasselbe gilt auch etwa für Max Pechsteins und Emil Noldes „Exotische Figuren“. Die stereotypen Darstellungen von Menschen aus den ehemaligen deutschen Kolonien stehen heute neben der künstlerischen Lust am noch nie Gesehenen auch für den Rassismus und die Gewalt eines kolonialen Systems. „Es gab große Faszination für die Andersartigkeit“, sagt Keilholz-Busch auch mit Blick auf die Bildnisse der schwarzen Artistinnen Sam und Milly. Bewusstsein für die Dominanz des männlichen, weißen Blicks war dagegen noch nicht vorhanden.


Für die Maler selbst stand etwas anderes im Zentrum. Während die Väter wohl komponierte Porträts in ihren Ateliers anfertigten, gingen die Brücke-Künstler hinaus in die Natur oder warfen sich ins Großstadtleben. Wo die Alten sich auf eine gründliche Ausbildung berufen konnten, verließen sich die Brücke-Maler auf direkte, natürliche Inspiration – eine akademische Kunstschule hatten die vier Architektur-Studenten nie durchlaufen.
Wenn die klassischen Berufskünstler subtile Pinselstriche ausführten, schnitzte und hobelte die Brücke Linien in Holzblöcke. Auch einige Beispiele der so entstandenen Holzschnitte sind nun in Kochel zu sehen. Der körperliche Akt wurde in ihnen Teil des Kunstwerks und Teil einer Pose, die sich in allen Bereichen des Lebens gegen die vorherigen Generationen richtete.
Die Künstler des Blauen Reiters, also die Protagonisten des Franz-Marc-Museums, beäugten die Brücke skeptisch, aber mit Interesse. 1912 schreibt Franz Marc an den eher kritisch eingestellten Kandinsky über die Gruppe: „Es sind schon Kerle, wenn wir auch ihren Geruch nicht lieben sollten.“ Ernst Ludwig Kirchners Porträt von Franz Marc und seiner Frau Maria, eine Leihgabe des Museums Penzberg, illustriert den Kontakt in der aktuellen Kochler Ausstellung.


Ob die Brücke-Gruppe auch etwas mit den Jugendbewegungen der Gegenwart verbindet? Jessica Keilholz-Busch findet schon: „Ja, auf jeden Fall! Wenn wir an Fridays for Future denken – da ist dieselbe Dringlichkeit, etwas zu ändern. Und das in einem Bereich, den die vorherige Generation als gar nicht so dringlich empfindet.“ Die Avantgarde-Künstler seien in ihrem Ringen um Neuerung schließlich bis an den Rand des finanziellen Ruins gegangen, sagt Keilholz-Busch.
Was genau mit dem Namen „Brücke“ gemeint war, ist bis heute unklar. Während der Blaue Reiter seine Kunst auch mit theoretischen Schriften unterfüttern wollte, beließen es die Brücke-Maler bei einem knappen Manifest. Eine Brücke, die Vergangenheit und Gegenwart verbindet, war jedenfalls nicht gemeint. Eher ein Weg in die Zukunft, kompromisslos, grundlegend und auch kritisch zu hinterfragen. Die Ausstellung in Kochel lädt genau dazu ein, zum Genuss der wilden Farben wie zum Nachdenken über das Dargestellte.
Franz-Marc-Museum Kochel: Wilde Farben, freier Geist. 23. November 2025 bis 12. April 2026. Weitere Informationen unter www.franz-marc-museum.de

