Im Badehaus:Geschichten von Leid und Versöhnung

Der Erinnerungsort gedenkt anlässlich des Internationalen Frauentags und des Ukraine-Kriegs früherer Föhrenwalderinnen.

Von Tilman Voss, Wolfratshausen

Die Ukrainerin Yetta Katz hat die Shoah überlebt, indem sie und ihre Familie sich gemeinsam mit anderen fast anderthalb Jahre lang in Höhlen in den Karpaten versteckte. Sie kam im Dezember 1945 in das damalige Lager Föhrenwald, eine vorübergehenden Bleibe jüdischer Displaced Persons, und wanderte später nach Kanada aus. An ihr Schicksal und jenes anderer Überlebender der Nazi-Verbrechen hat der Badehaus-Verein am Sonntag bei einer Veranstaltung zum Internationalen Frauentag erinnert.

Der Erinnerungsort Badehaus geht bei seinen Abendveranstaltungen neue Wege. Zum ersten Mal fand dort am Sonntag in Kooperation mit dem Lions Club Geretsried-Wolfratshausen ein Benefizkonzert statt, dessen Erlöse an den Verein gehen. Den Abend eröffneten das Gitarrenduo The picking project - Clemens Baumgartner und Andreas Oberniedermayr - mit einer Interpretation von Dave Brubecks "Take Five". Im weiteren Verlauf spielten sie andere Jazz-Klassiker, von Duke Ellington bis Stevie Wonder. Als zweiter Musik-Act trat die Formation Almost unplugged auf: Sängerin Beate Zandt, Bassist Stefan Martner, Gitarrist Harald Klein und Percussionist Makus Kopanski. Zwischen den Musikstücken stellten Mitarbeiter und Unterstützer des Badehaus-Vereins anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März Biographien aus dem "Weibsbilder"-Kalender des Historischen Vereins Wolfratshausen vor.

Außerdem hatte der Wolfratshauser Kulturreferent Sepp Schwarzenbach (CSU) an diesem Abend seinen ersten öffentlichen Auftritt in dieser neuen Funktion. In seinem Grußwort verwies er auf die gesellschaftliche Wichtigkeit des Internationalen Frauentags. Gerade im Nachtleben seien Frauen auch heute noch vielen Gefahren ausgesetzt. "Es muss sich noch viel tun", sagte Schwarzenbach, der als Inhaber der Zeppelin-Bar in Wolfratshausen selbst in der Nachtgastronomie tätig ist.

Der Abend stand jedoch auch im Schatten des Kriegs in der Ukraine. Im Grußwort verwies Vorsitzende Sybille Krafft darauf, dass Badehaus-Verein und Lions Club den Abend den Föhrenwalderinnen und Föhrenwaldern widmeten, die im Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat Ukraine fliehen mussten oder verschleppt wurden, sowie den heute von dort Flüchtenden, die gerade "das Schrecklichste durchmachen". Passend dazu erstrahlte der Bühnenhintergrund in den Farben Blau und Gelb der ukrainischen Flagge.

Einige der Lebensgeschichten ehemaliger Föhrenwalder sind eng mit der Ukraine verbunden - damals noch Teil der Sowjetunion und zwischen 1941 und 1944 durch die deutsche Wehrmacht im Rahmen des "Unternehmen Barbarossa" angegriffen und besetzt. Eine der am Sonntag vorgestellten Personen ist Anna Kubat. 1921 geboren, erlebte sie den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Ukraine als 19-Jährige. 1942 wurde sie nach Deutschland verschleppt und zur Arbeit in der Munitionsfabrik Geretsried gezwungen, bevor sie in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde, das sie aber überleben konnte. Für die Arbeiter der benachbarten Rüstungsfabrik hatten die Nazis die Siedlung Föhrenwald gegründet, aus der nach der Befreiung ein Lager für jüdische Displaced Persons wurde.

Es wurden jedoch nicht nur Ukrainerinnen präsentiert. Auch die Schicksale alteingesessener Waldramerinnen wie Elisabeth Greif oder Irmentraud Wohlfahrt, die bereits seit den 1950er-Jahren dort lebten, wurden vorgetragen.

So wechselte der Abend mehrmals zwischen leichtfüßigen Musikstücken und bedrückenden Lebensgeschichten. Laut dem stellvertretenden Vorsitzenden Jonathan Coenen sei dieser Wechsel zwischen "Freude und Bestürzung" aber ganz passend zum Ort der Aufführung. Schließlich erzähle auch das Badehaus eine zweiteilige Geschichte - eine des Krieges und des Leides, aber auch eine des Friedens und der Versöhnung. So wollten die Veranstalter zum Abschluss des Abend auch ein Zeichen der Hoffnung senden. Es wurde dafür noch einmal eng auf der Badehaus-Bühne, als die beiden Musikgruppen gemeinsam zuerst den Song "Fragile" von Sting vortrugen und zum Schluss gemeinsam mit dem Publikum "Give peace a chance" von John Lennon sangen.

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