Hilfe für die Flutopfer:"Mit Schaufel und Eimer kommt man da nicht weit"

Hilfe aus Lenggries

Die Lenggrieser Delegation in der Gemeinde Dernau, Rheinland-Pfalz.

(Foto: privat)

Nach der Flutkatastrophe sind elf Lenggrieser in die Eifel gereist, um dort bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Einer von ihnen ist der ehemalige Kreisbrandrat Karl Murböck. Im Gespräch schildert er, auf welche Schicksale sie im Krisengebiet treffen.

Von Kathrin Müller-Lancé

Kommunalwahl 2020

Karl Murböck ist ehemaliger Kreisbrandrat.

(Foto: Hartmut Pöstges)
Hilfe aus Lenggries

In Dernau haben die Wassermassen sogar Autos auf den Friedhof gespült.

(Foto: privat)

Während des Gesprächs bricht die Telefonverbindung immer wieder ab - die Infrastruktur ist immer noch weitestgehend zerstört in Dernau, der 2000-Einwohner-Gemeinde in der Eifel, in die der ehemalige Berufsschullehrer und Kreisbrandrat Karl Murböck zusammen mit zehn anderen Männern aus Lenggries gereist ist, um nach den schweren Überschwemmungen bei den Aufräumarbeiten zu helfen.

SZ: Herr Murböck, seit wann sind Sie schon in Dernau?

Karl Murböck: Wir sind am vergangenen Sonntag um Mitternacht losgefahren und etwa zehn Stunden später angekommen. Dernau ist etwa 640 Kilometer entfernt, aber mit fünf Autos und einem Lastwagen ist man nicht so schnell.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, zum Helfen in die Eifel zu fahren?

Das war eine spontane Idee. Wir haben die Bilder im Fernsehen gesehen und gedacht: Da müssen wir helfen! Wir kennen uns von der Feuerwehr, durch Mundpropaganda kamen schnell elf Leute zusammen. Zuerst haben wir in Internetportalen nach Hilfesuchenden Ausschau gehalten, aber nichts gefunden. Einer aus unserer Gruppe kannte zufällig jemanden, der in Dernau geholfen hat - und dann sind wir eben da hin.

Woher wussten Sie denn, welche Geräte Sie brauchen?

Wenn man bei der Feuerwehr ist, weiß man schon, womit man ausrücken muss. Mit Schaufel und Eimer kommt man da nicht weit. Wir haben unter anderem einen Holztransportlastwagen dabei, zwei Radlader, zwei Minibagger, einen Vorderkipper. Und dann natürlich auch noch Stromaggregate, Tauchpumpen und Schläuche.

Wie war die Lage an Ihrem Einsatzort, als Sie dort angekommen sind?

Wir haben alle gesagt: So etwas haben wir noch nie gesehen! Als wäre Krieg. Nur noch drunter und drüber. Es steht kein Baum mehr, die Häuser sind zerstört, auch die Straßenschilder hat es umgehauen. Überall Autos und Campingwagen, zum Teil übereinander. Sogar auf den Friedhof hat es Autos gespült. Einfach unvorstellbar.

Wie hoch stand das Wasser noch?

Die großen Wassermassen waren schon zurückgegangen, als wir ankamen. Es war eigentlich nur noch ein kleines Rinnsal übrig. Aber an den Häuserkanten, auf dem weißen Putz, da zeichnet sich das Braune noch ab und zeigt, wie hoch der Wasserspiegel mal war - meterhoch.

Wie laufen Ihre Tage in Dernau ab?

Wir sind in einer Pension etwa 50 Kilometer entfernt untergebracht, im Ort gibt es ja weder Strom noch Wasser. Das Trinkwasser muss hergeflogen werden. Morgens um sieben Uhr gibt es Frühstück, dann ziehen wir mit den Maschinen los und kommen erst abends wieder zurück. Am Anfang mussten wir noch über Funkgeräte kommunizieren, mittlerweile gibt es wieder ein besseres Handynetz.

Wie ist die Hilfe vor Ort organisiert?

Das Technische Hilfswerk und die Feuerwehr konnten uns nicht wirklich anleiten, die waren selbst genug beschäftigt. Wir haben dann einfach bei irgendeinem Haus angefangen und unsere Hilfe angeboten. Alles Weitere hat sich ergeben, viele Leute kamen von selbst auf uns zu und haben um Hilfe gebeten.

Welche Hilfe brauchen die Leute konkret?

Bei manchen haben wir den zweiten Stock ausgeräumt, bei anderen den Keller. Bei wieder anderen mussten wir erst mal die Einfahrt freischaufeln, um ans Haus zu kommen. In den Häusern ist fast niemand mehr, die sind alle unbewohnbar. In den unteren Stockwerken hat das Wasser fast alles weggeschwemmt. Der Putz fällt runter, die Tapeten hängen herab.

Also sind Sie vor allem damit beschäftigt, Häuser leer zu räumen?

Genau. Da muss erst mal der ganze Schlamm und Sperrmüll raus. Entlang der Ahr gibt es eine Art Müllhalde, wo alles zwischengelagert und dann abtransportiert wird. In erster Linie geht es darum, alles wieder passierbar zu machen. Ans Putzen braucht man da noch nicht zu denken.

Wie nehmen Sie die Menschen vor Ort wahr?

Ich glaube, dass viele im Moment einfach nur noch funktionieren. Jeder hilft jedem, alle sind sehr dankbar, dass wir da sind. Aber nicht immer konnten wir einschätzen, wen wir da vor uns hatten - ist das jetzt jemand, der direkt oder nur indirekt betroffen ist? Hat der sein ganzes Haus verloren? Vielleicht sogar Angehörige? Auf den ersten Blick sieht man nur den materiellen Verlust, aber es gibt ja auch das Emotionale.

Wann geht es für Sie wieder zurück nach Lenggries?

An diesem Samstag. Viele von uns sind selbständig, die müssen wieder arbeiten. Bevor wir losfahren, müssen wir aber die Maschinen noch ein bisschen putzen. So dreckig können wir damit nicht auf die Autobahn.

© SZ vom 24.07.2021/kml
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