Alle Flüchtlingsunterkünfte bis zum Jahresende voll - diese Prognose der 21 Bürgermeister von Icking bis Lenggries habe sich bewahrheitet, so erklärt das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen auf Nachfrage. Im vergangenen November hatten sich die Rathaus-Chefs mit einem Brandbrief an Landtags- und Bundestagsabgeordnete gewandt. Es gebe kaum noch verfügbare Wohnungen, um die weiterhin steigende Zahl an Flüchtlingen zu beherbergen - und wenn, seien sie kaum bezahlbar. Nun sagt Bürgermeister-Sprecher Michael Grasl (Münsing, Freie Wähler), es habe durchaus Resonanz auf das Schreiben gegeben, aber: "Eine Lösung hat bislang keiner aus der Tasche gezaubert."
Derzeit unterhält die Fachabteilung Asylwesen im Landratsamt nach Auskunft der Pressestelle mehr als 130 dezentrale Unterkünfte im Landkreis. Es würden auch ständig neue dezentrale Wohnungen und Unterkünfte akquiriert und für den Erstbezug vorbereitet. Es seien aber nahezu alle belegt. Und gleichzeitig kämen wöchentlich neue Flüchtlinge an. Die Aussage von Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler), die Situation sei längst schlimmer als im Jahr der Fluchtkrise 2015, bestätigt die Fachabteilung mit folgenden Zahlen: In den Jahren 2014/2015 habe man etwa 1500 Personen unterbringen müssen. Anfang 2022 seien es circa 1000 gewesen, Ende 2022 aber 1400 asylsuchende Flüchtlinge plus 1300 Personen aus der Ukraine. "Anhand dieser Aufstellung ist bereits zu erkennen, dass sich die unterzubringenden Flüchtlinge im Vergleich von 2014/2015 zu 2022 nahezu verdoppelt haben", heißt es aus dem Landratsamt, und die Zahl werde 2023 weiter ansteigen.
Demnach bleibt der Kreisbehörde derzeit nichts anderes übrig, als wieder Turnhallen und Gemeindesäle zu belegen. Die Mehrzweckhalle Wolfratshausen konnte seit April 2022 gar nicht erst als Notunterbringung aufgelöst werden, sie beherbergt seitdem durchgehend Flüchtlinge. Von kommender Woche an soll die Turnhalle am Schulzentrum Adalbert-Stifter-Straße in Geretsried genutzt werden. "Weitere Turnhallen sind bereits in einem fortgeschrittenen Stadium der Planung", so die Auskunft.

Bürgermeister-Sprecher Grasl ist sich dieser Lage bewusst. "Ich denke, dass keine Immobilie außen vor bleibt", sagt er. Dies könnte natürlich auch Münsing betreffen, obwohl die Gemeinde nur über eine Turnhalle verfüge, "um die sich schon in normalen Zeiten gerauft wird". Er könne schon verstehen, dass die drei Landkreis-Städte Wolfratshausen, Geretsried und Bad Tölz erklärten, es werde Zeit, dass auch die kleineren Kommunen etwas beitragen, sagt Grasl. "Aber eine völlige Gleichbehandlung wird schwierig."
Zum Appell des Landrats, dass die Gemeinden Flächen zur Verfügung stellen, auf denen Wohncontainer aufgestellt werden können, sagt der Bürgermeister-Sprecher: "Wir haben schon für den normalen Wohnungsbau Grundstücksnot." Das Modell, Containersiedlungen für Flüchtlinge zu schaffen, werde im Landkreis Starnberg praktiziert, so Grasl, wie man im benachbarten Berg sehen könne. Münsing sei sowohl wegen Grundstücken als auch wegen freier Wohnungen auf der Suche, teils sogar in Verhandlungen: "Der Ernst der Lage ist uns durchaus bewusst." Aber die Bereitschaft von Eigentümern sei nicht groß.

Nach Aussage von Landrat Niedermaier liegt der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen hinsichtlich der Unterbringung von Flüchtlingen unter den vier schlechtesten Kreisen in Oberbayern. In konkreten Zahlen liest sich das laut Fachabteilung so: Mit Stand Dezember 2022 habe der Landkreis 2800 geflüchtete Personen aufgenommen und erreiche damit nur 80 Prozent seines Solls. Aktuell würden wöchentlich "fünfzig plus" Flüchtlinge neu zugeteilt.

