Süddeutsche Zeitung

Familie vor Zerreißprobe:"Wir brauchen ihn hier in der Pflege"

Der Flüchtling Victor Uzor hat in Deutschland geheiratet und mit seiner Frau ein gemeinsames Baby. Als Helfer in Altenheimen und im Krankenhaus ist der junge Mann geschätzt. Jetzt soll er nach Nigeria ausreisen.

Von Benjamin Engel, Wolfratshausen

Die Szene wirkt friedlich und sehr innig: Im Wolfratshauser Asylzentrum sitzt Victor Uzor direkt neben seiner Frau Edith. Der junge Mann hat das gemeinsame acht Monate alte Baby auf dem Schoß. "Ich habe ein Geschenk von Gott bekommen", sagt der 31-Jährige - und meint damit seine eigene kleine Familie. In Icking haben sich die beiden nigerianischen Staatsbürger kennen- und später lieben gelernt. 2019 heirateten die beiden. Im Frühjahr kam ihr gemeinsames Kind auf die Welt. Eine Tochter - sie wird im kommenden Januar fünf Jahre alt - brachte Edith mit in die Ehe. Doch die Familie befürchtet, auseinandergerissen zu werden. Uzors Asylantrag wurde abgelehnt, ihm droht die Abschiebung.

Als Pflegehelfer arbeitet Uzor seit eineinhalb Jahren - erst im evangelischen Alten- und Pflegeheim in Ebenhausen, seit Februar in diversen Münchner Einrichtungen und im Krankenhaus Bogenhausen über eine Zeitarbeitsfirma. "Ich will nicht zu Hause sitzen", sagt er. "Ich will weiterarbeiten und Geld verdienen."

Selbst in der Hand hat er dies nicht. Seine aktuelle Beschäftigungserlaubnis gilt nur noch bis zum Jahresende. Das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen fordert von dem 31-jährigen Nigerianer nach fünf Jahren, Deutschland zu verlassen. Sein Asylantrag im Jahr 2016 und eine Klage zwei Jahre später sind abgelehnt worden. Seit 24. September 2018 sei Uzor ausreisepflichtig, so heißt es. Der junge Familienvater könne freiwillig nach Nigeria zurückkehren und für eine Ausbildung in der Pflege oder mit einem Visum zum Familiennachzug wieder einreisen, so die Behörde. Nur weil sein nigerianisches Kind in Deutschland geboren sei, stehe ihm kein Bleiberecht zu.

Seine Unterstützer im Wolfratshauser Asylhelferkreis empört dies. Gerade in der jetzigen Situation nach Nigeria ausreisen zu sollen, das sei eine Katastrophe, sagt Ute Mitschke. Ob Uzor dann je wieder nach Deutschland zurückkehren könne, sei äußerst fraglich. "Wir brauchen ihn hier in der Pflege", betont Asylhelferkreis-Koordinatorin Ines Lobenstein. "Wir haben kein Personal." Zudem habe sein Kind das Recht auf seinen Vater. Es gehe um den Schutz der Familie. "Es ist unmenschlich, ihn zurückzuschicken", sagt Lobenstein.

Dagegen will der Asylhelferkreis gerichtlich klagen. Mit Hilfe eines eingeschalteten Rechtsanwalts soll erreicht werden, dass Uzor eine Duldungsbescheinigung erhält. Darauf, so der Verteidiger, habe der junge Nigerianer einen Rechtsanspruch. Auf Nachfrage reagiert das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen nur mit zwei Sätzen. Die dortige Pressestelle bestätigt lediglich, dass die Ausländerbehörde mit dem rechtlichen Vertreter in Kontakt stehe. "Im vorliegenden Fall handelt es sich nicht um eine Pflegefachkraft, für welche eine Anwerbung betrieben wird", heißt es. Allerdings ist Uzor ersichtlich geschätzt bei seinem Arbeitgeber. Von einem selten so mitfühlenden und fleißigen Menschen spricht die Permacon GmbH in einem Empfehlungsschreiben aus dem vergangenen August. Für den medizinischen Personaldienstleister ist der junge Mann in Altenheimen und Krankenhäusern in München tätig. Das Unternehmen erläutert, dass sich Uzor bestens eingearbeitet habe. Nach Aussage der zuständigen Mitarbeiter in den Pflegeheimen schätzten auch die Patienten dessen offene, geduldige und einfühlsame Persönlichkeit. Victor Uzor selbst schildert, dass er sehr gerne mit alten Leuten arbeite. Sie erinnerten ihn an Kinder, mit denen er zu spielen liebe.

Mit ihren Kindern sitzen der junge Mann und seine Frau Edith im Asylzentrum an einem großen Tisch. Solche gemeinsamen Familienmomente sind für das Paar selten. Beide leben in getrennten Unterkünften - sie in Geretsried, er in Wolfratshausen. Um sich zu sehen, müssen sie sich gegenseitig besuchen. Wegen der angespannten Lage auf dem Immobilienmarkt ist es für beide praktisch unmöglich, eine gemeinsame Wohnung zu bekommen.

Mit nichts mehr als seiner Kleidung am Körper ist Victor Uzor 2015 aus Libyen über das Mittelmeer nach Italien und weiter bis Deutschland geflohen. In Libyen hatte der junge Mann neun Jahre als Elektriker gearbeitet, ehe die Situation für ihn zu brenzlig wurde. Wie und warum Uzor überhaupt im Jahr 2006 von Nigeria in das nordafrikanische Land gekommen ist? Der junge Mann spricht von einer Clanfehde. Er habe mitbekommen, wie sein Onkel ermordet worden sei. Daher habe er weggehen müssen, behauptet er.

Im Landkreis war Uzor zuerst in einer Turnhalle in Icking untergebracht, ehe er 2016 nach Wolfratshausen kam. Als Gehilfe arbeitete er für ein halbes Jahr in einer Spenglerei, ehe eine Beschäftigung für abgelehnte Asylbewerber in Bayern untersagt wurde. Als 2019 das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen eine Tätigkeit in systemrelevanten Berufen erlaubte, begann Uzor in der Pflege zu arbeiten. Mit seiner Schwester ist der junge Mann heute in Wolfratshausen in derselben Unterkunft untergebracht. Diese sei auch in der Pflege tätig und habe zwei Kinder, auf die Uzor ebenfalls aufpasse, sagt Lobenstein.

Für den örtlichen Asylhelferkreis hat Uzor mitgeholfen, die Hallenfußball-Turniere "Integrationale" zu organisieren. Er stellte sich als Sprach- und Kulturdolmetscher bereit. Laut Lobenstein habe sich Victor Uzor stets bemüht, sich zu integrieren und Deutsch zu lernen. Entsprechende Kurse habe der junge Mann besucht. Durch den Schichtdienst in den Altenheimen sei es ihm in jüngster Zeit leider kaum möglich gewesen, regelmäßig an Deutschkursen teilzunehmen.

Im Gespräch greift Victor Uzor, wenn es kompliziert wird, auch auf Englisch zurück. Für seine Frau Edith ist ihr Mann ihr manchmal zu verstandesorientiert und zurückhaltend. Manchmal, so sagt sie, würde sie sich wünschen, dass er kämpferischer agiert.

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Quelle:
SZ vom 22.12.2020
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