Finissage in Waldram:"Föhrenwald bedeutet mir sehr viel"

Lesezeit: 3 min

Finissage in Waldram: Chone Surowicz (rechts) erzählt im Badehaus, befragt von Emanuel Rüff (links) aus seiner Familiengeschichte.

Chone Surowicz (rechts) erzählt im Badehaus, befragt von Emanuel Rüff (links) aus seiner Familiengeschichte.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Zeitzeuge Chone Surowicz erzählt zum Ende der Ausstellung "Lebensbilder" von seiner Kindheit in dem jüdischen DP-Lager

Von Susanne Hauck, Wolfratshausen

"Föhrenwald war eine gute neue Heimat": Chone Surowicz denkt gern an das jüdische Lager für Displaced Persons (DP) zurück, wo er vier Jahre lang lebte. "Jeder kannte jeden, und alle waren freundlich zueinander." Surowicz verbrachte nach erlittenen Nazi-Gräueln und jahrelanger Irrfahrt der Familie eine unbeschwerte Kindheit in Föhrenwald. Heute noch schwärmt er von den Bubenstreichen, die er und seine Freunde damals anstellten. So schlichen sie sich klammheimlich ins Lagerkino, weil für sie das Eintrittsgeld von 30 Pfennig unerschwinglich war, oder verfolgten die Vorstellung gar durch ein Loch in der Mauer. "Ich komme gern hierher zurück", sagt der sehr rüstig wirkende fast 80-Jährige. "Föhrenwald bedeutet mir sehr viel."

Mit einem Blick auf die männliche Seite des Lagerlebens endete die Porträt-Ausstellung "Lebensbilder" am Sonntag im Erinnerungsort Badehaus feierlich, nachdem im Frühjahr in einer virtuellen Veranstaltung die weibliche Perspektive beleuchtet worden war. Die eindrucksvolle Fotoschau war begleitend zum gleichnamigen Buch mit Biografien ehemaliger Föhrenwalder entstanden. Höhepunkt der gut besuchten 3-G-konformen Veranstaltung war das Gespräch, das der stellvertretende Badehaus-Vorsitzende Emanuel Rüff mit dem Zeitzeugen führte.

Geboren ist Chone Surowicz 1941 im polnischen Dorf Glinne (heute Ukraine). Dort hatte die Familie eine Landwirtschaft. Mitte 1942 besetzten die Nazis Glinne. "Sie verfrachteten uns ins Ghetto Berezow", berichtet Surowicz. Der Augusttag, an dem die SS kam, um das Ghetto zu liquidieren, sei ausgesprochen neblig gewesen. "Mit mir im Arm flüchtete meine Mutter durch ein Fenster in den Wald", beschreibt er die Rettung in letzter Minute, die der getrübten Sicht zu verdanken gewesen sei. Auch Bruder Icek, einer Schwester und der blinden Tante Rachel gelang das Entkommen.

Das Buch verrät, was Surowicz in seinem Bericht ausspart: dass einer seiner Brüder und die Großeltern zurückbleiben und noch am selben Tag erschossen werden. Sein Vater war bereits vorher bei der Zwangsarbeit im Ghetto umgekommen. Zwei Jahre lang irrte die Restfamilie durch die polnischen Wälder. "Im Frühling ging es, da sammelten wir Beeren", erinnert sich Surowicz. Im Winter bettelten sie bei den Bauern, "manche gaben etwas, manche nicht". Nach der Befreiung durch die Russen kamen sie zunächst in ein Auffanglager nach Berlin, nach weiteren Stationen 1952 nach Föhrenwald. "Warum konnten Sie nicht in Glinne bleiben?", fragt Rüff. Das ganze Dorf sei beim Einmarsch durch die Russen platt gemacht worden, antwortet Surowicz.

Alle Föhrenwalder hätten nur ans Auswandern gedacht. "Keiner wollte in Deutschland bleiben." Aber nur Gesunde bekamen das begehrte Visum für die USA oder Israel. "Niemand wollte einen Invaliden." Verzweifelt und letztlich erfolglos versuchte Familie Surowicz, eine Behandlung für die wegen eines Granatsplitters erblindete Rachel.

Die gedrückte Stimmung der Erwachsenen übertrug sich jedoch nicht auf die Kinder. Sie hätten einen "Club" gehabt, wo sie täglich hingingen, um Pingpong zu spielen, im Sommer sei es an der Isar wunderschön gewesen, dort habe er Schwimmen gelernt. Sein Bruder Icek machte den ersten Lebensmittelladen in Föhrenwald auf und fuhr dazu mit einem christlichen Bekannten jeden Tag in die Münchner Großmarkthalle. "Kamen auch Wolfratshauser zum Einkaufen?", will Rüff wissen. "Nein, es gab keinerlei Kontakte", sagt Surowicz, sie hätten völlig abgekapselt in ihrem "Schtetl" gelebt. Bis auf einen gelegentlichen Besuch im Wolfratshauser Kino, der spannenden Errol-Flynn-Filme wegen.

Traurig seien sie gewesen, als sich das Lager 1956 nach und nach auflöste und mit ihm viele Freundschaften, weil sich die Menschen in ganz Deutschland zerstreuten. Seine Familie bekam in München eine Wohnung zugewiesen, immerhin in einer Straße mit vielen jüdischen Nachbarn. Bruder Icek eröffnete wieder einen Laden, in dem nun auch zunehmend christliche Kunden einkauften. Chone Surowicz besuchte die Handelsschule und besaß lange einen Fotoladen in der Innenstadt. Er lebt bis heute in München.

Von weiteren bewegenden Odysseen entwurzelter Menschen lasen die Autoren des Buchprojekts in Film-Einspielern vor, dann gab die Geretsrieder Fotografin Justine Bittner Einblicke in ihre Arbeit bei der Entstehung der "Lebensbilder". Einen Antrittsbesuch im Badehaus machte der frisch gewählte Grünen-Bundestagsabgeordnete Karl Bär.

Musikalisch einfühlsam begleitet wurde der Abend von Peter Schneider (Klarinette), Christian Kaufmann (Violine), Werner Bürgle (Viola und Violoncello) und Johannes Feldmann (Klavier).

Die Fotoausstellung "Lebensbilder" ist bis 28. November im Badehaus zu sehen (www.erinnerungsort-badehaus.de)

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB