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Film und Gespräch im Tölzer Capitol-Kino:Leben nach dem Attentat

Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel stellt ihre Dokumentation "True Warriors" vor. Das Publikum, meist Ehrenamtliche der Flüchtlingshilfe, äußert sich tief bewegt

Ronja von Wurmb-Seibel Film True Warriors

Die junge Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel spricht mit Zuschauerinnen über ihr Erstlingswerk.

(Foto: Manfred Neubauer)

Die jungen Afghanen stehen auf der Bühne. Lange haben sie auf diesen Tag hingefiebert, es ist die Premiere ihres Theaterstücks, mit dem sie ein Zeichen gegen die Selbstmordanschläge in ihrer Heimatstadt Kabul setzen wollen. Plötzlich gibt es einen Knall. Im ersten Moment wissen die Zuschauer nicht, gehört das etwa zum Stück? Manche klatschen sogar, so gelungen scheint ihnen die Inszenierung. Doch als Menschen schreien, weinen, in Panik davonlaufen oder blutend zu Boden sinken, wird allen klar: Sie selbst sind Ziel eines Attentats geworden. Ein Jugendlicher, der in der letzten Reihe saß, hat sich in die Luft gesprengt und zwei Männer mit in den Tod gerissen.

Die Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel hat die Betroffenen des Anschlags mit der Kamera begleitet. Mit dem Dokumentarfilm "True Warriors" tourt sie durch Deutschland; am Dienstagabend stellte sie ihn im Tölzer Capitol-Kino vor.

Dieser Afghanistan-Filmabend sei ein Dankeschön für die Ehrenamtlichen, die in der Flüchtlingshilfe arbeiten, sagt Eva-Maria Schatton, Ehrenamtskoordinatorin bei der Caritas. Und die sind zahlreich gekommen: Etwa hundert Zuschauer füllen den Kino-Saal, die meisten sind über 50, und die meisten sind Frauen. Im Publikum ist auch eine Handvoll junger Flüchtlinge, die von der Regisseurin fließend in der Landessprache Dari begrüßt werden.

Um ein Haar hätte sie selbst bei dem Attentat im Theatersaal gesessen, erzählt Wurmb-Seibel, die mit ihrem Mann Niklas Schenck 2013 und 2014 in Kabul lebte. Aber der Rückflug war schon gebucht. Als sie daheim in Deutschland nach dem Aufwachen ihre Handys checkten, erfuhren sie voller Entsetzen von dem Anschlag. "Dann ging mir die Geschichte nicht mehr aus dem Kopf", so die 33-Jährige. Kaum zu glauben, dass es ihr filmisches Erstlingswerk ist, so authentisch, spannend, schonungslos und gleichzeitig mitfühlend ist es ihr gelungen. Sie lässt die Menschen erzählen, wie sie den Tag erlebt und verarbeitet haben: der Schauspieler, der in der Massenpanik vergeblich seinen Freund suchte, der kleine Bruder des getöteten Zubair, der sich verzweifelt wünscht, ihm wenigstens öfter im Traum zu begegnen, die junge Kunstmalerin, die seitdem die Telefonnummern ihrer Eltern sorgfältig im Geldbeutel verwahrt - um ihnen grausame Ungewissheit zu ersparen, sollte sie noch einmal Opfer eines Anschlags werden.

Viele intelligente, sensible Männer und Frauen treten vor die Kamera und beeindrucken dadurch, dass sie ohne Hass sprechen. Einige der Betroffenen waren danach wie gelähmt vor Angst. Erst als ein zweites Mal der Terror in das Leben der Theatergruppe tritt, als in Kabul eine junge Religionsstudentin von einem Mob gelyncht wird, bewegt sie diese neuerliche schockierende Erfahrung der Gewalt dazu, "The Killing of Farkhunda" öffentlich als Straßentheater zu inszenieren - ein radikal mutiger Schritt.

Nach dem Abspann gibt es einen Moment des Schweigens, so sehr wirkt der Film nach, ehe die Anwesenden die Gelegenheit nutzen, ihre Eindrücke loszuwerden. Ein Mann bringt seinen Respekt zum Ausdruck, eine Frau lobt die Kunst der Regisseurin, "uns nur mit Interviews so in Bann zu halten". Der Film sei anstrengend und teils auch brutal, hatte Wurmb-Seibel anfangs gewarnt, und so sind die Zuschauer auch am meisten von der Szene verstört, bei der die junge Frau gesteinigt und angezündet wird. In wackligen kurzen Handyaufnahmen war ein Tumult von Menschen zu sehen, dann ein brennendes Bündel, umringt von Dutzenden Männern, die das Geschehen mit einem Handy filmen. Wieso sie nicht helfen, wollen die Anwesenden von der Regisseurin wissen, die die Hintergründe und Folgen der Tat erläutert. Wurmb-Seibel ist eine junge Frau, die reflektiert und eloquent über ihren Alltag in Kabul zu erzählen weiß - und darüber, dass sie ihre "True Warriors" in Afghanistan nicht zeigen kann, um die Protagonisten nicht in Gefahr zu bringen.

Das große Verdienst des Films liegt darin, für den Zuschauer die doch recht abstrakten Vorstellungen von Krieg in einem fernen Land aufzulösen und durch das ehrliche Erzählen der Betroffenen berührend nah herankommen zu lassen. So erleben es auch die Flüchtlingshelfer in Bad Tölz. Eine Frau findet, dass auch die deutschen Behörden eine Lektion in Mitgefühl verdient hätten: "Man sollte ihn denjenigen zeigen, die berührt werden sollen, wie dem Innenministerium oder dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge."