Manchmal braucht es nur eine winzige Scherbe, um eine Grenze zu sichern. Es kann auch ein Stück Glas sein oder Kohle. In Bayern vergräbt man diese Zeichen unter einem Grenzstein. Wer weiß, wo sie liegen, kennt die wahre, amtlich festgesetzte Linie. Dieses geheime Zeichen schützt das Siebenergeheimnis. Auf dieses Geheimnis werden die Feldgeschworenen verpflichtet, es ist der Kern ihres Amts. Das älteste kommunale Ehrenamt Bayerns hütet die Grenzen in den Gemeinden seit dem hohen Mittelalter. Doch wozu braucht es die Feldgeschworenen heute noch in Zeiten von Digitalisierung und GPS?
Von der einzigen Straße, die durch den Eglinger Gemeindeteil Eulenschwang führt, zweigt am östlichen Ortseingang ein Feldweg ab. Unscheinbar, mit grauem Kies bestreut, gerade breit genug für Traktoren. Doch im Laufe der Jahrzehnte haben vermutlich ebendiese schweren Fahrzeuge die Wegspur Zentimeter für Zentimeter versetzt. „Der Grund ist dort drüben, der Weg ist hier“, fasst der Eglinger Bürgermeister Hubert Oberhauser den Fall zusammen.
Grund genug, einmal nachzumessen. Hauptamtlich dafür zuständig ist das Team des Amtes für Digitalisierung, Breitband und Vermessung in Wolfratshausen. Das trifft morgens ein in Gestalt eines Vermessungsingenieurs und seines Mitarbeiters. Fast gleichzeitig stoßen die zwei Feldgeschworenen dazu, Xaver Schmidberger und Knut Arndt. Mit „Griaß di“ beginnt man den Tag, man duzt sich. Schließlich arbeiten Amt und Feldgeschworene schon seit Jahren zusammen und das in gegenseitiger Wertschätzung, wie Siebener Knut Arndt betont. „Wir sind keine Hilfsarbeiter. Wir sind das Bindeglied zwischen Kommune, Vermesser und Eigentümer.“
Am Wegrand wird ein vertikal vergrabenes Eisenröhrchen gesucht. Es markiert den Katasterfixpunkt, an dem sich das Messgerät des Vermessungsingenieurs zentimetergenau orientieren kann. Von ihm hängen die weiteren Messungen ab. Diese werden noch nach den Methoden durchgeführt, die schon vor über zweihundert Jahren die Basis der exakten Kartografierung Bayerns waren. „Pythagoras lässt grüßen“, sagt Schmidberger. Das war auch so, als Anfang des 19. Jahrhunderts Kurfürst Max IV. Joseph mit Einrichtung des „Topographischen Bureaus“ in Bayern die professionelle Vermessung des Landes anordnete. Damals wie heute liefern Winkelprisma und Senkblei genaueste Ergebnisse. „Wenn man sich die Messungen von vor zweihundert Jahren anschaut, das ist so präzise, ein Wahnsinn“, findet Schmidberger.

Dennoch verlässt man sich zunehmend auf satellitenabhängige Vermessung. Auf die Frage, weshalb es dann noch Feldgeschworene brauche, hat Knut Arndt schnell eine Antwort: „Mit GPS ist noch kein Grenzstein in den Boden gekommen.“ Als er das sagt, gräbt Schmidberger bereits ein erstes Loch, in das später ein halbmeterlanger Granit-Quader als Grenzstein gesenkt werden soll. Doch die Funktion der Feldgeschworenen geht viel weiter. In den beinahe dreißig Jahren, die Arndt nun das Ehrenamt für die Gemeinde Egling verrichtet, hat er nicht nur Grenzsteine in den Boden gebracht. Er erinnert sich an einen Nachbarschaftsstreit, der schon fünfzehn Jahre zurückliegt, ihm aber gezeigt hat, dass die Siebener nicht nur vermessungstechnische, sondern auch psychologische Kompetenzen benötigen.
„Probleme gibt es oft bei mündlichen Absprachen: ‚Der Großvater hat gesagt, ich darf den Anbau bis dahin machen.‘ So war das in dem Fall. Da hat sich gezeigt, dass der Anbau einen halben Meter in das andere Grundstück ging – drei Quadratmeter waren das dann insgesamt.“ Es kommt zum Streit, die Nachbarn drohen, das Ganze gerichtlich zu lösen. Arndt als Mittler appelliert an die Vernunft: „Ihr könnt das schon vor Gericht lösen, aber denkt mal an die Kosten. Wegen drei Quadratmetern – des is doch wurscht.“ Die Nachbarn lassen sich von Arndts Vorschlag überzeugen. Der eine zahlt dem anderen einen Ausgleich für die drei Quadratmeter, das Gericht ist in dieser Angelegenheit nicht befasst. „Die Feldgeschworenen sichern den Grenzfrieden, das ist ein hohes Gut“, sagt Ulrich Beigel, der das Vermessungsamt in Wolfratshausen leitet. Nicht ohne Grund habe die Unesco die Tradition, die nur noch in Bayern und in Teilen von Rheinland-Pfalz gepflegt wird, zum immateriellen Kulturerbe erklärt.

Vor allem auf dem Land sei das Vertrauen auf korrekte Grenzziehungen wichtig, sagt Beigel. Zumal in Zeiten, in denen Grundstückspreise zuverlässig in die Höhe schnellen. Dennoch tun sich die Gemeinden schwer, neue Feldgeschworene zu finden. Die traditionelle Anzahl von sieben Vereidigten – „redliche Bürger mit gutem Leumund“, sagt der Amtsleiter – erreiche man kaum noch. Beschwerlich kann die Arbeit an der frischen Luft sein. Je nach Witterung müssen sich die Siebener durch Schnee wühlen oder gegen Regen ankämpfen, der das Loch für den Grenzstein füllt.

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Arndt lässt sich dadurch nicht von seinem Ehrenamt abbringen. Gemeldet hat der studierte Nachrichtentechniker sich dafür nach Eintritt in den Ruhestand, weil er sich gesellschaftlich engagieren wollte. Außerdem: „Ich mach’ gerne den Mund auf und kritisiere etwas, aber dann muss ich auch selbst etwas beitragen.“ Deshalb ließ er sich vereidigen, 1997, als Egling einen Nachrücker suchte. „Mein Vorgänger hat altersbedingt aufgehört, der war schon 70. Ich werd’ im Oktober 90“, sagt Arndt. „Ärger hält frisch!“, fügt er hinzu und lacht.
Am Ende nahm man es mit dem Verlauf des Weges nicht ganz so genau. Die Grenzsteine haben ihre Positionen nach Absprache gefunden. Doch diese soll auch in Zukunft eingehalten werden. Darüber wachen Xaver Schmidberger, Knut Arndt und ihre Amtsbrüder.

