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Fasching:Je verrückter die Welt, umso größer die Gaudi

Von Trump bis Brexit, vom durstigen Penzberger Esel zur nutzlosen Schranke von Königsdorf: Vier Umzüge gibt es in der Region - an Themen mangelt es den Narren nicht.

"Und täglich grüßt das Trumpeltier": So kommentieren die "Kinschdarfer Maschkera" aus Königsdorf die jüngsten Schlagzeilen aus den USA. Trump, Putin, May und Merkel - bessere Steilvorlagen für humoristische Aufbereitung im Fasching könnte die aktuelle Weltlage kaum bieten. Die Faustregel: Wenn es im Alltag wenig zu lachen gibt, wird die Fünfte Jahreszeit umso lustiger. Diesen Vorsatz mit ihren Faschingsumzügen umzusetzen, dafür scheuen die Narren in der Region derzeit keinen Aufwand.

In Penzberg etwa wird hinter verschlossenen Türen im Bauhof fleißig gewerkelt, "teilweise bis in die frühen Morgenstunden", sagt Holger Fey, Vorsitzender des Organisationskomitees. Alles für diesen einen Tag, für diesen einen Moment: Wenn die Figuren, Bilder und Schilder auf den Faschingswägen beim Gaudiwurm ein Lachen auf die Lippen zaubert.

In Bichl bastelt der "Maschkeraverein" unter Vorsitz von Stephan Schilcher ebenfalls fleißig an Umzugsgefährten. Wie viele es sein werden, kann Schilcher derzeit noch nicht sagen - fest stehe aber bei ihnen: Je doller die Politik, desto doller der Spott in der närrischen Zeit. "Themen gibt es heuer wirklich genügend, die wir verspotten werden, von Amerika bis zur Lokalpolitik", verspricht er. Sie wollen ad absurdum führen, was Ottonormalverbraucher weder versteht noch in der Hand hat.

Bernd Schöpf von den "Beira Maschkara" unterstreicht diese Motivation auch für den diesjährigen Umzug in Benediktbeuern. Der Penzberger (Esels-)Brunnen wird hier eine zentrale Rolle spielen. Die konkrete Anzahl an Teilnehmern steht auch hier noch nicht, doch von einzelnen weiß er, dass sie keine Mühen scheuen: So hat etwa Michael Ludwig mit Freunden ein Auto durchsägt und baut daraus eine 7,5 Meter lange Stretch-Limousine - für einen Tag.

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Einer der größten und vor allem traditionsreichsten Faschingsumzüge findet alle zwei Jahre in Königsdorf statt - heuer sogar zum 25. Mal. Der Umzug geht stets parallel mit einer Neuauflage der "Königsdorfer Faschings-ZeitDung", die seit Freitag in den Geschäften der Gemeinde ausliegt. Damit bietet sie einen Vorgeschmack auf das, woran auch dort noch fieberhaft gebaut wird: Rund 15 Gefährte, die beim Umzug Satire pur transportieren werden. Dazu legen sich die rund 280 Mitglieder des Königsdorfer Faschingsvereins in diesen Tagen ordentlich ins Zeug. Denn die Motivwahl muss sitzen, der Spott wehtun, soll aber nicht diffamieren.

So wie bei Georg Weinbuchner. Seit rund sechs Wochen arbeitet er mit sechs Freunden an dem Wagen. In einer offenen Tenne, von der Straße aus nur schwer einsehbar, steht das komische Gefährt bereits. Weinbuchner setzt am liebsten auf Themen, die international sind - "denn die Zuschauer kommen ja teils von weit her und können manchmal mit lokalpolitischen Karikaturen nichts anfangen", weiß er. Sie hätten sich deshalb heuer für das Thema Dopingskandal in Sotschi entschieden, samt Bobbahn - denn der Bob- und Skeleton-Weltverband hatte den Russen die Weltmeisterschaft entzogen, die nun in Königssee stattfindet. Andere Wagen, so verrät der Maschkera-Vereinsvorsitzende Hans Köglsperger, werden in diesem Jahr das Interkommunale Hallenbad in Geretsried aufs Korn nehmen, die Posse um die Schranke an der Grundstraße und die Geburtenstation in Bad Tölz.

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Doch an der Weltpolitik ist kein Vorbeikommen: Der VW Abgasskandal wird genauso verulkt wie - erwartbar - Donald Trump. In Weinbuchners Tenne legen die Freunde in diesen Tagen letzte Hand an: Zwischen Heuballen und allerlei landwirtschaftlichem Gerät sind auf dem Tieflader bereits reichlich Sperrholzplatten verschraubt. Von der Plattform aus startet die Bobbahn, die bis auf die Straße reichen wird. Außen machen Olympische Ringe, russische Zwiebeltürme und eine Spritze, die in einen verlängerten Rücken pikst, klar, welches Thema hier karikiert wird. Hasendraht und Pappmaché, wie in Penzberg, sucht man hier vergeblich: "Wir machen in Königsdorf sehr selten Figuren, eher Aufbauten und Bilder", erklärt Köglsperger.

Doch nicht nur Arbeitsaufwand ist wichtig, auch das entsprechende Fachwissen muss vorhanden sein. Und ohne Experten und Behörden geht es nicht: Jeder Wagen muss vom TÜV abgenommen werden, dazu kommen strenge Auflagen seitens der Polizei und des Landratsamtes. Trotz aller Mühen und manchmal auch Widrigkeiten scheint die Motivation, jedes Jahr ein witziges Kunstwerk zu erschaffen, nicht zu sinken. "Der Spaß und die Gemeinschaft stehen im Vordergrund. Es ist einfach eine Riesengaudi", sagt Köglsperger.

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Bleibt die Frage, was mit den Wagen passiert, wenn der Fasching vorbei ist: "Sie werden am Aschermittwoch abgebaut, alle, bis auf den Königsdorfer Prinzenwagen, der jedes zweite Jahr wieder zum Einsatz kommt", erklärt der Vorsitzende. Die bunten Bretter aber, die aus dem Tieflader erst zum Spott und Spaß auf Rädern machen, werden recycelt. Was mal eine Akropolis war und am Dienstag Sotschi ist, wird dann der nächste lustige Themenwagen. Die Welt werde, da sind sich Köglsperger und Weinbuchner sicher, weiter Steilvorlagen bieten, denen man trotz oder wegen ihrer Ernsthaftigkeit zumindest ab und an mit Humor begegnen müsse. "Wennst' an Humor verlierst, brauchst gar nimmer aufsteh'n", sagt Köglsperger und stellt klar: "A Gaudi muss sei, weil die bringt a Freid'", gerade in diesen Zeiten.

© SZ vom 18.02.2017
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