Kurz vor dem Interview hat Barbara Hofmann einen Anruf von einer verzweifelten Mutter aus Köln bekommen. Ihr 13-jähriger Sohn geht auf ein Internat im Landkreis Bad Tölz-Wolfrathausen, ist hochbegabt und leidet unter einer Form von Autismus. Er hat zwei Klassen übersprungen, ist laut seiner Mutter mediensüchtig und „flippt schnell aus“. Ein komplexer Fall, auch für Hofmann. Die studierte Sozialarbeiterin, die selbst zwei Kinder hat, leitet seit vier Jahren die Ökumenische Familienberatungsstelle. Zum siebenköpfigen Team gehören Psychologinnen, Sozialpädagoginnen und Sozialarbeiter.
Familien und junge Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu unterstützen und so Benachteiligungen zu vermeiden – das sind die zentralen Aufgaben der Jugendhilfe, die auch gesetzlich verankert sind. Seit 50 Jahren gibt es die ökumenische Beratungsstelle mit Standorten in Bad Tölz (Franziskuszentrum), Geretsried (Am Steiner Ring) und einer Außensprechstunde in Kochel (Franz-Marc-Grundschule), die unter Trägerschaft von Caritas und Diakonie Oberland steht. Die Beratung ist kostenfrei und unabhängig von Alter, Geschlecht, Religion oder Nationalität.
Kürzlich wurde das runde Jubiläum in der Tölzer Franzmühle gefeiert. Die ökumenische Beratungsstelle sei ein Erfolgsmodell, hieß es. Bei aller Freude wurde aber auch eine angemessene Finanzierung angemahnt. Denn der Bedarf steigt seit Jahren kontinuierlich: Waren es im Jahr 2010 noch 391 Fälle, erreichten diese im vergangenen Jahr mit 652 einen neuen Höchststand. Das entspricht einer Steigerung um 37 Prozent zum Vorjahr.
Die Themen, die in der Beratungsstelle besprochen werden, sind breit gefächert: Schrei-Babys, Schlafprobleme, Trotzphasen, Konflikte in der Pubertät, Hochbegabung, Scheidung, Suchtprobleme oder Ess-Störungen. Auch Jugendliche selbst können sich an die Beratungsstelle wenden, etwa bei Fragen zur sexuellen Orientierung und zum Coming-out oder zur Geschlechtsidentität. „Der Bereich Queer ist mir eine Herzensangelegenheit“, sagt Hofmann. Das sei auch im Landkreis ein Thema, wenn auch ein „sehr unsichtbares“. Die Suizidrate sei extrem hoch, und „Familien zerbrechen oft daran“.

Insgesamt hätten sich die Aufgaben der Beratungsstelle in den vergangenen Jahrzehnten verändert, weil sich gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Rollenbilder gewandelt hätten. Viele Mütter sind berufstätig, Väter bringen sich stärker ein und haben mehr Rechte. Im Fall einer Scheidung müsse alles „ausgehandelt werden“, sagt Hofmann. Etwa die Hälfte der Beratungsgespräche drehe sich um Trennungskonflikte. „Manche Ex-Paare befinden sich regelrecht im Vernichtungsmodus.“ Es gehe oft nur noch darum, „zu gewinnen“ – auf Kosten der Kinder, die unter den Konflikten leiden.
Die Mitarbeitenden der Beratungsstelle sehen sich als „Navigatoren“, nicht als Richter. Es gehe darum, die Selbstwirksamkeit zu aktivieren und Fragen zu stellen, damit die Beteiligten selbst zu einer Lösung kommen. Und natürlich auch darum, die Kinder in den Blick zu nehmen, die oft noch klein sind, ihre Gefühle nicht in Worte fassen können oder in Loyalitätskonflikten zwischen Vater und Mutter zerrieben werden.
Im Spielzimmer können Kinder Trennungssituationen vor den Augen der Eltern nachspielen
In der Beratungsstelle im Franziskuszentrum ist eigens ein Spielzimmer eingerichtet: mit Puppenhaus, Kaufladen, Rutsche, Büchern und Spielen. Hier findet „begleiteter Umgang“ statt, wenn nach Vorfällen häuslicher Gewalt, unter Aufsicht, wieder eine Beziehung aufgebaut werden soll. Es gibt Holztiere, die in der Beratungsmethode nach Alfons Aichinger eingesetzt werden: Die Kinder könnten Trennungssituationen nachspielen, und Eltern würde „sehr plastisch vor Augen geführt, wie es in ihren Kindern ausschaut“, sagt Hofmann. Auch die beiden knautschigen Handpuppen, die ein bisschen aussehen wie Ernie und Bert von der Sesamstraße, sind therapeutische Figuren, die vor allem bei Fällen von Kindesmissbrauch eingesetzt werden. Die Puppen können ausgezogen werden; das mache es den Kindern leichter, die Übergriffe zu beschreiben.
Die ökumenische Beratungsstelle ist eine neutrale Stelle, die jeweils zur Hälfte mit Mitarbeitenden von Caritas und Diakonie besetzt ist. „Die beiden Kirchen nehmen keinen Einfluss“, betont Hofmann. Auch, weil die Beratungsstelle überwiegend staatlich finanziert werde. Der Landkreis übernimmt den Löwenanteil, die beiden kirchlichen Träger müssen zehn Prozent beisteuern. Außerdem gibt es eine Förderung vom Freistaat. Die Finanzlage sei angespannt, sagt Hofmann. „Eigentlich bräuchten wir eine Vollzeitstelle mehr.“ Denn seit der letzten Stellenerhöhung seien 150 Fälle dazugekommen. Aber der Landkreis ächzt unter steigenden Sozialausgaben, und auch bei den Kirchen ist die finanzielle Lage wegen der vielen Austritte schwierig.

Abgelehnt werden dürfe niemand, sagt Hofmann. Aber die Wartezeiten verlängern sich, wenn Personal fehlt. Im vergangenen Jahr bekamen 34 Prozent der Hilfesuchenden innerhalb von einer Woche einen Termin; besonders bei Schrei-Babys sei schnelle Hilfe wichtig, um eine Kindeswohlgefährdung zu verhindern. 20 Prozent mussten allerdings vier bis sechs Wochen warten. „Es ist ein politisches Desaster, dass präventive Angebote gestrichen werden“, kritisiert die Leiterin. Denn Geld, das man in frühe Hilfen investiere, verhindere langfristig viel höhere Ausgaben.
Im Durchschnitt kostet jeder Fall in der Beratungsstelle 1200 Euro, rechnet Hofmann vor. Wenn das Jugendamt eingeschaltet werde, erhöhen sich diese auf 17 000 Euro. Und wenn Kinder aus den Familien genommen und in einem Heim untergebracht werden müssten, sei mit mindestens 100 000 Euro zu rechnen. „Die Erziehungsberatung ist nicht nur die häufigste, sondern auch die günstigste Beratungsform für Familien“, fasst Hofmann zusammen.
Warum die Zahlen so stark ansteigen? Hofmann begründet das zum einen damit, dass sich Elten eher Hilfe holten als früher. Außerdem würden die Probleme immer komplexer, etwa bei Patchworkfamilien. Auch die Corona-Auswirkungen seien noch zu spüren, die sich vor allem in stark gestiegenem Medienkonsum schon bei Grundschülern äußerten. Es brauche eine gute Finanzierung für die Erziehungsberatung, hatte Dekan Florian Gruber, Vorstand der Diakonie Oberland, bei der Jubiläumsfeier erklärt. „Denn Kinder sind nicht nur unsere Zukunft, sondern auch unsere Gegenwart.“

