Exklusiv-Interview:"Ein Ort von höchster Dynamik"

Exklusiv-Interview: Börries von Notz übernimmt die Geschäftsführung der Kulturstiftung Nantesbuch.

Börries von Notz übernimmt die Geschäftsführung der Kulturstiftung Nantesbuch.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Börries von Notz ist der neue Geschäftsführer der Stiftung Nantesbuch. Der versierte Museumsmacher verlässt Hamburg, um auf zwei Hügeln zwischen Königsdorf und Bad Heilbrunn ein einzigartiges Kulturprojekt voranzutreiben.

Interview von Stephanie Schwaderer

Nicht jammern, sondern die Ärmel hochkrempeln: Das ist die Devise, mit der sich Börries von Notz in den vergangenen fünf Jahren als Alleinvorstand der Stiftung Historische Museen Hamburg profiliert hat. Zuvor war er sechs Jahre lang geschäftsführender Direktor des Jüdischen Museums Berlin. Nun holt ihn die Stiftungsgründerin Susanne Klatten in den Süden Bayerns. Im März tritt der 45-jährige Jurist offiziell seine Stelle als Sprecher der Geschäftsführung der Stiftung Nantesbuch an. Demnächst will er mit seiner Familie aufs Land ziehen.

SZ: Herr von Notz, Hamburg hat knapp zwei Millionen Einwohner; in Nantesbuch waren es bei der letzten offiziellen Erfassung genau zwölf ...

Börries von Notz: Immerhin!

Wie verarbeiten Sie diesen Kulturschock?

Diese Frage habe ich mir noch gar nicht gestellt. Als Stiftung Nantesbuch verstehen wir uns als regional und überregional wirksam. Es kommt nicht so sehr darauf an, wie viele Einwohner es in der unmittelbaren Umgebung gibt.

Was hat Nantesbuch, was Hamburg nicht hat?

Die Landschaft. Zudem stellt sich mir hier eine inhaltlich und konzeptionell außergewöhnlich spannende Aufgabe, die ich vor Ort mit einem sehr guten Team angehe.

Wann wird es in Nantesbuch ein Museum geben?

Ich würde mich hier von dem Museumsbegriff ein wenig lösen. In Bad Homburg betreibt die Stiftung ja das Museum Sinclair Haus. In Nantesbuch haben wir die Möglichkeit, Ausstellungsangebote zu entwickeln, die dem Umfeld und der Besonderheit der Stiftung gerecht werden. Dazu wurden schon viele Ideen abgewogen. Wir brauchen wohl noch ein paar Monate, um die Willensbildung weiter voranzutreiben.

Worin besteht diese Besonderheit?

Die Stiftung eröffnet Räume für die Auseinandersetzung mit Kunst, Kultur und Natur. Wir tun dies vor dem Hintergrund der intensiven gesellschaftlichen Veränderungen. Es geht darum, zu sehen, welche Handlungsmöglichkeiten Menschen bei der Zukunftsgestaltung haben. Die Stifterin Susanne Klatten ermöglicht der Stiftung eine Entwicklung, die sich die Zeit nimmt, aus der Landschaft, dem Umfeld, der Kunstsammlung und der Expertise der hochklassigen Mitarbeiter heraus, ihr Wesen zu entwickeln. Dadurch unterscheiden wir uns von anderen, häufig stark wirtschaftlich ausgerichteten Organisationen, bei denen es um ein stetiges Wachstum geht, um ein "Mehr ist mehr" - mehr Angebote, mehr Besucher, mehr Erfolg und dadurch mehr Relevanz. Wir hingegen schaffen hier einen Möglichkeitsraum und folgen anderen Logiken. Das bedeutet, dass wir dem Ort angemessen, unserem Qualitätsanspruch entsprechend und wirtschaftlich sinnvoll vorgehen. Die Stiftung wird die auf der Hand liegenden Möglichkeiten auf Gut Karpfsee und Gut Nantesbuch ergreifen und in die Wirklichkeit umsetzen.

Exklusiv-Interview: Bislang spielt sich das kulturelleLeben vor allem im Langen Haus in Karpfsee ab, das von Markus Lüpertz' "Daphne" bewacht wird.

Bislang spielt sich das kulturelleLeben vor allem im Langen Haus in Karpfsee ab, das von Markus Lüpertz' "Daphne" bewacht wird.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Welche Möglichkeiten sind das in Ihren Augen?

Das Besondere hier ist die Wirkung der Landschaft auf den Besucher, den Rezipienten. Sie lässt sich nicht so einfach beschreiben. Mit Entschleunigung, einem Begriff, der immer schnell auftaucht, wenn es um Nantesbuch geht, hat das für mich wenig zu tun. Ich finde, dass das hier ein Ort von hoher, wenn nicht höchster Dynamik ist. Er verleitet dazu, im positiven Sinne andere Standpunkte einzunehmen. Solche Orte gibt es in einer Zwei-Millionen-Metropole nicht. Dort ist jedes Theater, jede Galerie schubladenbesetzt, vorgefertigt, der Besucher mit Erwartungshaltungen überfrachtet. Hier muss man erst einmal hinfahren, aha, heute ist es verschneit, man parkt da vorne, steigt aus, geht den Weg, sieht das Licht, riecht die Luft. Dieses Schauen, dieses Sich-darauf-Einlassen, damit muss man arbeiten. Und das bedeutet auch, dass man Räume, Gebäude, Möglichkeiten, also eine Infrastruktur schaffen muss, die es Menschen ermöglicht, sich darauf einzulassen.

Das heißt, das große Museumsprojekt ist vom Tisch und stattdessen geht es um Unterkünfte für Besucher?

Nein. Menschen, die zum Beispiel in ein Museum gehen, halten sich zu 50 Prozent in den Ausstellungen auf, die andere Hälfte der Zeit verbringen sie in der Garderobe, an der Kasse, auf dem WC, im Café und im Shop, oder sie ruhen sich in irgendeinem Winkel aus. Das muss man bei der Gestaltung der öffentlich zugänglichen Aufenthaltsbereiche im Auge haben. Wir errichten hier einen Kulturcampus, der zugleich Ausgangspunkt für Naturerkundungen und -erlebnisse ist. Wir wollen den Künsten allgemein eine Bühne eröffnen, der Musik, der Literatur. Und diese Infrastruktur soll eine Aufenthaltsqualität ermöglichen, die der Tatsache Rechnung trägt, dass man sich hier auf dem Land befindet. Das bedeutet aber nicht Hotel und auch nicht Jugendherberge.

Im Langen Haus ist ja schon einiges davon verwirklicht.

Ja, das Lange Haus ist ein wunderbarer Ort für kleinere Veranstaltungen und gruppendynamische Prozesse, für Symposien, Sprachveranstaltungen. Aber was es überhaupt nicht hat, sind Ausstellungsmöglichkeiten. Auch wenn es dort Wände gibt. Aber das ist nicht dasselbe. Wir können hier nicht szenografisch Räume öffnen.

Entsprechende Räume sollen also auf dem Nachbarhügel in Nantesbuch entstehen?

Korrekt. Aber die Größe, die Gestaltung - das müssen wir alles erst entwickeln.

Auf einer Skala von eins bis zehn - wie weit ist das Projekt fortgeschritten?

Gehen wir mal davon aus, dass es ein unbeschränkter Prozess ist, dann sind wir auf einer Skala von eins bis unendlich gerade bei zehn (lacht). Ich würde sagen: Ein starker Anfang ist gemacht. Aber eben erst der Anfang. Das hier schreit nach mehr. Vor allem, wenn man auf Nantesbuch blickt, da entstehen bei jedem sofort Bilder im Kopf, was das alles sein könnte. Diese Bilder sind spannend in ihrer Unterschiedlichkeit. Das gilt auch für Kunst im Naturraum. Da gibt es ganz leise, ganz zarte Formate und sehr laute. Beide haben etwas. Nicht alles, was wir tun, muss einen Ewigkeitscharakter haben. Da kann man auch temporär denken. Klar ist jedenfalls, dass wir hier keine Massenphänomene etablieren. Es ist nicht denkbar, dass wir einen Parkplatz für 40 Busse in den Wald schlagen. Gemeinhin gilt: Die Masse macht's. Dass man sich von diesem Gedanken trennen kann, auch das löst dieser Ort hier aus.

Exklusiv-Interview: "Ein starker Anfang ist gemacht, aber eben erst der Anfang": Börries von Notz will die Entwicklung der Stiftung Nantesbuch vorantreiben.

"Ein starker Anfang ist gemacht, aber eben erst der Anfang": Börries von Notz will die Entwicklung der Stiftung Nantesbuch vorantreiben.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Trennen muss, um ihn nicht zu zerstören?

Ja, trennen muss.

Das dürfte für Sie eine ganz neue Herausforderung sein: Sie sollen etwas konzipieren, das nicht boomt?

Oder es boomt doch. Unsere Inhalte sollen sich ja weit verbreiten, Multiplikatoren erreichen. Es soll diskutiert werden. Aber das bedeutet nicht, dass hier 1,5 Millionen Leute über das Gelände laufen müssen.

Wie soll es dann funktionieren?

Das wichtigste Stichwort ist Kooperation. Es muss nicht alles hier vor Ort passieren. Und man muss nicht alles alleine machen. Mit unserem Themenfeld Kunst und Natur gibt es viele Ansätze für Kooperationen - in der Umgebung, in Bayern, in der gesamten Bundesrepublik oder sogar darüber hinaus. Und wir können durch neue und klassische Medien für die Verbreitung unserer Inhalte sorgen.

An welche Partner denken Sie?

An alle möglichen: Das müssen nicht nur andere Kulturinstitutionen sein, unsere Partner können aus ganz verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen stammen. Und da bietet es sich natürlich an, mit Themenschwerpunkten zu arbeiten, sich für eine bestimmte Zeit auf ein Thema zu fokussieren. Dabei probiert man alles an Modulen und Formaten aus, was geeignet erscheint, und arbeitet mal mit großen Namen, mal mit eher unbekannten Leuten zusammen.

Welche Zielgruppe haben Sie im Auge?

Die Stiftung hat keine eingegrenzte Zielgruppe. Wir müssen unterschiedlichste Zielgruppen mit entsprechenden Formaten und Themenschwerpunkten ansprechen. Menschen zwischen 20 und 30 zum Beispiel, Kinder und Jugendliche oder die Zielgruppe 60 plus mit akademischem Hintergrund. Welche Schwerpunkte sich längerfristig etablieren, wird sich zeigen.

Sie sind Jurist, arbeiten aber seit Ihrem Studium vor allem im kulturellen Bereich. Wie gehen Bürokratie und Kreativität zusammen?

Auch das Juristische ist kreativ, zumindest, wenn man es gut macht. Gleichzeitig haben mich kreative Prozesse vor allem im musealen Bereich schon immer sehr interessiert: Ausstellungen kuratieren, das Entwerfen von Programmlinien, überjährige Konzepte und damit die Auseinandersetzung mit größeren Fragestellungen. Es geht mir weniger darum, den kuratorischen Akt zu vollziehen, als Rahmenbedingungen und Leitlinien zu setzen, damit diese kreativen Prozesse gut funktionieren.

Exklusiv-Interview: Besucher stöbern in Nantesbuch durch Bücher.

Besucher stöbern in Nantesbuch durch Bücher.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Und wie gelingt das?

Es muss ein Gefühl von Freiheit und Ermöglichung entstehen. Zugleich gilt es, im gemeinsamen Willensbildungsprozess einen Korridor zu schaffen, so dass man sich nicht verliert. Das sind hoch aufregende, intellektuell herausfordernde Prozesse, die mir immer besonders großen Spaß gemacht haben. Es ist viel spannender, eine Kulturinstitution zu leiten, die noch nicht fertig ist, als ein 150 Jahre altes berühmtes Museum.

Das Programm 2019 ist weitgehend ohne Ihr Zutun entstanden. Welche Veranstaltung ist für Sie die interessanteste? Vielleicht der Diskussionsabend: "Wie wollen wir leben? Lebensformen in Stadt und Land"?

Als Veranstaltung finde ich das Literaturfestival Moosbrand am interessantesten. Aber Sie haben Recht: Das ist in der Tat ein spannendes Thema. Vielleicht müsste man es noch ein bisschen schärfer formulieren. Die meisten Menschen haben ja wenig Wahl, was ihre Lebensform anbelangt. Die Digitalisierung bringt Veränderungen, gegen die sich keiner wehren kann. Das endet dann immer schnell in einem Lamento statt in der Frage, welche neuen Räume sich mit dieser Entwicklung öffnen. Das Wichtigste für mich in solchen Diskussionen ist, dass eine gewisse Leichtigkeit und Freude dabei ist - und dass man sich selber nicht so wichtig nimmt.

Welches sind Ihre drei wichtigsten Stärken, die in Nantesbuch gefordert sind?

Diplomatisches Geschick. Humor. Und Ernsthaftigkeit im Sinne von Verbindlichkeit. Das, was wir hier tun, hat für viele Relevanz. Und das nicht nur im intellektuellen Sinn.

© SZ vom 01.02.2019
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