bedeckt München

Eva Mattes kommt nach Wolfratshausen:"Lesen ist überhaupt nicht einfach"

Die Schauspielerin ist die deutsche Stimme der italienischen Bestsellerautorin Elena Ferrante. In der Buchhandlung Rupprecht ist sie nun live mit der neapolitanischen Saga zu hören

Interview von Felicitas Amler

Leser, die süchtig geworden sind, könnten nach dem vierten und letzten Teil von Elena Ferrantes neapolitanischer Saga einfach wieder von vorn anfangen. Denn Teil eins dieses meisterhaften Bestsellers beginnt mit dem Ende: dem Verschwinden von Lila, einer der beiden Protagonistinnen. Millionen Menschen sind dem Schicksal der beiden Mädchen aus einem armen Viertel Neapels von den Fünfzigern bis ins Heute gefolgt, haben sich ein Milieu- und Zeitpanorama erschlossen, sich mit fremden Welten genauso wie mit vertrauten Gefühlen auseinandergesetzt. Nun ist in einer amerikanisch-italienischen Koproduktion eine Verfilmung in Arbeit. Doch wer sich Ferrantes Welterfolg von Eva Mattes hat vorlesen lassen, hat die Bilder längst im Kopf. Die Schauspielerin ist am Montag live in Wolfratshausen zu hören.

Frau Mattes, Sie haben sicher Ihre eigene Fantasie zum rätselhaften Verschwinden von Lila: Wo steckt sie Ihrer Ansicht nach?

Eva Mattes: Oh, mein Gott! Komischerweise habe ich darüber gar nicht nachgedacht. Mich hat aber der Schluss des Ganzen wirklich sehr überrascht. Und durch das Ende habe ich das Faust-Zitat erst verstanden, das dem ersten Band vorangestellt ist. Dieses Zitat über den Teufel. Aber wir wollen nicht zu viel verraten.

Wie haben Sie sich auf das Einlesen des Romans vorbereitet? Kennen Sie Neapel, sprechen Sie Italienisch?

Ich kenne Neapel kaum, bin da mal durchgefahren, als ich 19 war. Ich kenne es aus Filmen natürlich. Und Italienisch kann ich auch nicht. Ich kann die Speisekarte, und ich kann es gut aussprechen, wurde mir immer bestätigt. Ich bereite mich grundsätzlich gleich vor. Ich lese meistens die Romane dreimal, bevor ich ins Studio gehe.

Wieso dreimal?

Das erste Mal sehr schnell, um zu wissen, was ist eigentlich los, worum geht's? Das zweite Mal, um meinem Instinkt, der natürlich schon beim ersten Mal auftaucht, weiter Nachschub zu leisten. Manchmal mache ich mir kleine Zeichen oder unterstreiche ein Wort. Sonst mache ich mir keine Notizen. Und bevor ich dann ins Studio gehe, versuche ich am Abend vorher, noch mal das Pensum des nächsten Tages zu lesen.

Wie viel umfasst so ein Pensum?

View of Naples Italy 00465

In der neapolitanischen Männerwelt spielt die Geschichte zweier starker Frauen, die Elena Ferrante in ihrem Romanzyklus erzählt.

(Foto: imago stock&people)

Das können zwischen 60 und 100 Seiten sein. Es muss dann nicht immer das Ganze sein, aber es ist schon gut, weil nur dann die Geschichte wirklich präsent ist. Jedes Buch hat seinen eigenen Rhythmus, seine eigene Stimmung, jede Figur ist anders.

Lesen Sie eher aus einer mitfühlenden, vielleicht sogar mitbangenden Warte, oder müssen Sie im Gegenteil nüchtern kalkulierend ans Werk gehen?

(Lacht) Ich bin schon eher emotional dabei. Ja, wie gesagt, jedes Buch hat seinen eigenen Ton. Den finde ich eigentlich relativ rasch heraus, eigentlich schon beim ersten Lesen.

Könnte es auch sein, dass Sie ein Buch lesen und sagen: Nein, das passt nicht zu mir?

Ja, das kommt schon auch vor. Oder dass ich merke, ein Buch bräuchte eine ganz besondere Vorbereitung, und dass ich dafür die Zeit nicht habe, dann mache ich's auch nicht. Selten.

Sie mussten bei der Ferrante so vielen verschiedenen Figuren eine Stimme geben: Jungen, Alten, Frauen, Männern, Gaunern, Opfern ... Macht das den Reiz gegenüber der Schauspielerei mit nur einer Rolle aus?

Vielleicht, ja. Aber eigentlich ist das Lesen ja an sich schon ein großer Reiz und eine große Herausforderung. Es ist nämlich überhaupt nicht einfach. Es hat auch eine Weile gedauert, bis ich das fließend und flüssig konnte.

Was ist das Schwierige?

Na ja, flüssig zu lesen. Es ist schon nicht einfach. Also, dass einem dann auch der Kehlkopf nicht wehtut. Das braucht natürlich auch eine Technik. Ich habe das vor allem gelernt, weil ich meinen Kindern so viel vorgelesen habe. Im Gegensatz zu einer Rolle, die man spielt, egal ob am Theater oder beim Fernsehen oder Film, ist man halt auch recht allein. Es ist nicht ganz so einsam wie Schreiben, weil man auf jeden Fall einen Tonmeister hat und so eine Art Regie. Aber man sitzt allein in dieser kleinen Kabine und ist mit dem Stoff und sich aus der Welt.

Sie sprachen von 60 bis 100 Seiten: Wie lange sind Sie da jeweils im Studio?

Vier Stunden mit kleineren Pausen und einer Mittagspause. In der Zeit kann ich aber auf jeden Fall 60 Seiten lesen. Kommt auf den Stoff an, manchmal auch mehr. Ich habe ja auch alles von Jane Austen gelesen, und die ist ja auch ganz schön anspruchsvoll, denn sie schreibt manchmal Sätze, die sind eine halbe Seite lang. Da sind mir dann 60 Seiten lieber als 100.

Schauspielerin Mattes

Eva Mattes ist eine der profiliertesten deutschen Schauspielerinnen. Sie spielte in Filmen von Verhoeven und Fassbinder, war Mitglied des Berliner Ensembles und ermittelte als TV-Kommissarin Klara Blum im Tatort.

(Foto: dpa)

Sie sagten, der Schluss der Ferrante habe Sie überrascht. Waren Sie auch traurig, dass es jetzt vorbei ist?

Ja. Ja, ich habe tatsächlich sofort das erste Buch wieder hergenommen und angefangen, noch mal die ganzen Anfänge zu lesen. Ich mochte ja den ersten Band schon so sehr, weil mich diese Kinderfreundschaft so berührt hat. Und ich mich darin wiederfinden konnte, weil ich auch so intensive Freundschaften hatte und immer noch habe.

Freundschaften, die noch auf die Kindheit zurückgehen?

Ja. Zu einer Freundin habe ich seit einiger Zeit wieder mehr Kontakt. Ich habe ihr auch all die Hörbücher geschenkt, und sie empfindet das genauso wie ich. Also, so unsere sonntäglichen Spaziergänge durch unseren Rione (Rione ist italienisch für Stadtviertel, Anm.d.Red.) München-Steinhausen, die ersten Begegnungen mit Jungs und so. Das war nicht so krass wie in Neapel, überhaupt nicht, aber trotzdem erinnert es uns beide auch an unsere Jugend.

Glauben Sie, es wird je eine Fortsetzung des Romans geben? Also, ich würde nichts ausschließen. Warum nicht?

Buchhandlung Rupprecht: Eva Mattes liest aus Elena Ferrantes "Die Geschichte des verlorenen Kindes", Montag, 23. April, 20 Uhr, Eintritt 14 Euro, Obermarkt 1, Wolfratshausen, Telefon 08171/998 97 70

© SZ vom 19.04.2018
Zur SZ-Startseite