Europawahl im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen Wider den Rechtsruck

Bei der Europawahl am 26. Mai darf der 18 Jahre alte Tilman Voss zum ersten Mal seine Stimme abgeben. Europa müsse auch eine emotionale Gemeinschaft werden, sagt der junge Mann, der sich für internationale Beziehungen, Politik und Kultur interessiert.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der 18 Jahre alte Tilman Voss sieht die EU als großes Friedensprojekt. Im Bundesfreiwilligendienst im "Erinnerungsort Badehaus" in Waldram hat er mitbekommen, dass unter Zeitzeugen wieder Angst umgeht. Deshalb müssten die europäischen Werte klarer vermittelt werden, sagt er.

Von Anja Brandstäter

Für Tilman Voss ist eines ganz klar: Die Europäische Union sei Beste, was passieren konnte. "Morgen fahre ich nach Österreich und brauche keinen Pass", sagt er. Deshalb steht für den 18-Jährigen auch außer Frage, dass er am Sonntag, 26. Mai, zur Europawahl geht. Es ist das erste Mal überhaupt, dass er seine Stimme abgeben darf. Sein klares Bekenntnis zur EU hat indes einen besonderen Grund. Nachdem er schon mit 17 sein Abitur in der Tasche hatte, meldete er sich für den Bundesfreiwilligendienst, den er 2018 im "Erinnerungsort Badehaus" in Waldram antrat. Dort lernte Voss schnell, dass viele Zeitzeugen Angst vor Populisten und dem Erstarken rechter Parteien haben. Immer wieder bekam der junge Mann zu hören: "Es darf sich nicht wiederholen."

Als das Museum im Oktober vorigen Jahres eröffnet wurde, kam Zeitzeuge Benjamin Braun auf ihn zu und fragte ihn: "Ist das hier gesichert?" Und nochmals: "Sind wir sicher?" Der alte Mann, der inzwischen gestorben ist, hatte Angst vor einem Anschlag. "Die Zeitzeugen brechen weg, und jetzt wird schon wieder gegen Minderheiten gewettert", sagt Voss. "Wir wollen die Populisten nicht." Mit Wir meint er sich und seine Freunde.

Der 18-Jährige ist dankbar, in Zeiten des Friedens aufwachsen zu dürfen. Durch die Arbeit im "Erinnerungsort Badehaus" wird er mit den Schicksal jüdischer Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert. Viele Zeitzeugen aus der ganzen Welt melden sich dort. Er bekommt mit, wohin es diese leidgeprüften Menschen nach dem Holocaust verschlagen hat. Was die EU anbelangt, die seit Jahrzehnten den Frieden auf dem seinerzeit so verwüsteten Kontinent gewährleistet, wundert er sich über manche Kritik. Man rege sich "mehr über die Krümmung von Gurken auf, als sich darüber zu freuen, dass wir in Frieden leben dürfen", klagt Voss. Seiner Ansicht nach verpassten es Politiker, die Errungenschaften der EU immer wieder hervorzuheben. Der Brexit sei das beste Beispiel für dieses Versäumnis.

"Junge Briten sind nicht zur Wahl gegangen und haben es anderen überlassen, über ihre Zukunft zu entscheiden", diagnostiziert der 18-Jährige. Immerhin habe der Brexit das Interesse an Europa gestärkt. "Mit großer Spannung verfolge ich die Diskussionen über den Austritt, die groteske Züge annehmen", sagt er und wundert sich: "Erst als der Brexit beschlossene Sache war, haben die Briten angefangen, sich darüber zu informieren, was ein vereintes Europa überhaupt bedeutet." Gerade Großbritannien profitiere mit vielen Sonderregelungen vom gemeinsamen Binnenmarkt. Für ihn wäre es besser, wenn das Vereinigte Königreich in der EU bliebe, die durch den Austritt auch eher geschwächt als gestärkt würde. "Wenn die Engländer noch mal wählen dürften, sähe das Ergebnis sicherlich anders aus."

Anders als viele seiner Altersgenossen liest er morgens gerne Zeitung. "Ich interessiere mich sehr für Politik", sagt Voss. Das beherrschende Thema seiner Generation sei der Rechtsruck in der Gesellschaft, der sich auch durch den Einzug der AfD in den Bundestag und die Landesparlamente zeige. "Darüber machen wir uns große Sorgen." Wo Defizite bei der Vermittlung gemeinsamer europäischer Werte liegen, benennt Voss klar: Angesichts des drohenden Brexit müsse "unbedingt deutlicher kommuniziert werden, welche Vorteile die EU für alle Staaten und für die einzelnen Menschen bietet". Frieden und Freiheit seien große Errungenschaften. Und Europa müsse auch eine emotionale Gemeinschaft werden, sagt der junge Mann. "Ich wünsche mir, dass wir Europäer zusammenstehen und uns gegenseitig wertschätzen."

So manches läuft in der EU jedoch nicht glatt. Das macht Voss an der Flüchtlingskrise fest. Die größten Aufnahmezahlen hatten Italien, Spanien und Griechenland, weshalb es der 18-Jährige richtig findet, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel damals die Grenze öffnete und somit viele Asylsuchende nach Deutschland kamen. Das sei eine humanitäre Tat gewesen, sagt er. "In dieser Situation hat sich gezeigt, welche Länder kooperativ und lösungsorientiert sind und welche nicht."

Seine Generation ist gerade dabei, den Protest auf der Straße wieder zu entdecken. Ihren Unmut und ihre Ungeduld zeigen junge Menschen bei den Freitagsdemonstrationen "Fridays for Future" für mehr Klimaschutz und auch gegen die Netzpolitik der EU, Stichwort Urheberrecht. "Ich verstehe Autoren und Kunstschaffende sehr gut, dass sie für eine Änderung des Urheberrechts sind, um von ihrer Arbeit besser leben zu können", so Voss. Er ist jedoch, wie viele in seiner Altersgruppe, gegen Uploadfilter. Diese würden die Meinungsfreiheit einschränken.

Tilman Voss ist ein offener Mensch, der die Welt kennen lernen möchte. Als sein Gymnasium vor zwei Jahren eine Reise nach Nepal anbot, bewarb er sich dafür mit einem Motivationsschreiben. Die Schule unterstützt die Lophelling Boarding School im Annapurna-Gebiet, die auf 3300 Metern Höhe im Himalaja liegt. "Manchmal habe ich es nicht glauben können, das ich dort bin", schwärmt Voss. "Es kam mir so irreal vor auf dieser Höhe und mit Blick auf das Annapurna-Massiv." Damals reisten 16 Schüler mit drei Lehrkräften und einer Ärztin in das bitter arme Land, um zu helfen. Jetzt zieht es den 18-Jährigen wieder hinaus in die Welt. Wenn er seinen Bundesfreiwilligendienst beendet hat, will er im Juli eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau aus quer durch Russland unternehmen, und dann weiter nach Peking. Vor China habe er Respekt, sagt er. "Die Menschen werden vom Staat gesteuert und manipuliert." Aber ein Guide, der zur Chinesischen Mauer führe und alles erkläre, sei gebucht. Mit Flugzeug soll es weiter nach Vietnam und nach Kambodscha gehen.

Nach der sechswöchigen Tour beginnt das Studium. Genau weiß Tilman Voss noch nicht, an welcher Universität er angenommen wird. Er interessiert sich für internationale Beziehungen, Politik und Kultur. "Ich würde gerne im Tourismus arbeiten, zum Beispiel Reisen anbieten, Reiserouten erarbeiten und als Reiseleiter ein Land vermitteln." Mit den Englisch, Französisch und Spanisch ist er dafür ganz gut gerüstet. Ein Studium im Ausland strebt er aber nicht an. "Es gefällt mir sehr gut hier in Deutschland", sagt er.