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Europawahl im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen:Reichtum ohne Grenzen

Earl Barlieb aus Eurasburg besitzt sowohl die französische als auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Der Finanzexperte im Ruhestand war sein Leben lang ein Wanderer zwischen den Welten

"Bevor ich im Vietnamkrieg sterbe", dachte sich Earl Barlieb aus Pennsylvania damals, "will ich Europa kennenlernen." Deshalb bewarb er sich nach seinem eben beendeten Mathematikstudium für eine dreijährige Offizierslaufbahn. Für die ersten zwei Jahre bestand Wahlfreiheit für den Ort der Stationierung. Und so kam Earl, damals 21 Jahre alt, im Jahr 1969 nach Würzburg.

Barlieb, der heute als Pensionär mit seiner Lebensgefährtin in der Gemeinde Eurasburg lebt, ist ein feinsinniger, vielseitig gebildeter und interessierter Mann. Sein Büro im Privathaus ist voll mit Büchern aus allen möglichen Wissensgebieten, insbesondere Geschichte der neuen und alten Welt, aber auch Sprachen, Philosophie, Literatur über die großen Weltreligionen, Kunst, Naturwissenschaft, und englische, französische und deutsche Literatur aus mehreren Jahrhunderten. In seinem Wohnzimmer stehen ein Keyboard und eine Gitarre. Er hat eine schöne Bassstimme und singt im Gospel-Chor der Wolfratshauser Silberpilger. Ein paar Verwandte leben noch in den USA, seine inzwischen verstorbene Ehefrau war Französin, seine Kinder leben in Berlin und Hongkong und Freunde hat er in der ganzen Welt. Die Basis für sein kosmopolitisches Wissen und Erleben mit dem Anker in Europa hat Earl Barlieb in Würzburg gelegt. Weil er nicht mit seinen Landsleuten im amerikanischen Ghetto leben wollte, bezog er eine Wohnung neben den Resten einer römischen Villa über den Hügeln Würzburgs in der Altstadt, schloss Freundschaft mit deutschen Händlern und Nachbarn und lernte seine französische Frau kennen, die Deutschlehrerin war. Sie brachte ihre Freunde mit, und all diese Verbindungen halten bis heute seit bald 50 Jahren. Als Amerikaner mit einem Pass der US-Army konnte er problemlos reisen, zunächst ins bayerische Oberland an den Starnberger See, dann nach Österreich, in die Schweiz und nach Frankreich, wo Freunde seiner neuen Freunde wiederum Freunde hatten.

Nach einem Zweitstudium "Master in Finance and International Business" wurde Earl Barlieb Finanzdirektor und Controller respektive Wirtschaftsprüfer für AIG Europa, dem damals größten Versicherer. 20 Jahre arbeitete er für die Gesellschaft, musste auch beruflich viel reisen. "Ich war jede Woche in einem anderen Land". Mit seiner Familie lebte er abwechselnd in Paris und Lyon, in London und in Brüssel. Er erkundete mit Babeth ihre französische Heimat, lernte schnell ihre Sprache und schätzte diese wie überhaupt die französische Kultur sehr, wobei es, wie er nebenbei bemerkt, damals allerdings unmöglich gewesen sei, in Frankreich Englisch zu sprechen.

Earl Barlieb wurde im US-Staat Pennsylvania geboren, doch schon früh zog es ihn nach Europa. Heute lebt der Finanzexperte in Eurasburg und schätzt die Möglichkeiten, die der Kontinent bietet.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Der prägende Eindruck aber all dieser Reisen quer durch Europa war: "Was für ein kultureller Reichtum, dieses Europa!" Überall nicht weit weg neue Kulturen, andere Traditionen, Kunst, Architektur, so viel Neues, so unglaublich Abwechslungsreiches. "Europa ist wunderschön und die EU ein sehr gutes Projekt", so Earl Barlieb. Ein uniformes Europa aber wollte er nicht haben, denn die Unterschiede seien es, die es reich machten, vereinfacht gesagt: "Champagner, Käse und Mode in Frankreich, Autos, Biergärten und Trachten in Deutschland, und Theater in England."

Was heute selbstverständlich ist in einem vereinten Europa, sei vormals im Alltag vielfach schwierig gewesen, erklärt Barlieb. "Zum Beispiel konnte man in Frankreich keine Elektronik von Sony kaufen, obwohl die besser war als das französische Produkt." Ständig musste man Währung umtauschen, es sei einfach umständlich gewesen, von Land zu Land Geld wechseln zu müssen. Preisvergleiche für ähnliche Produkte waren ein weiteres Problem, das sei für viele Waren unmöglich gewesen, vom Auto bis zu Medikamenten. Die einheitliche Eurowährung stehe für eine starke Ökonomie Europas, sagt Barlieb, man sehe es am Mehrwert des Euros zum Dollar. "Der Markt sagt 'Euro', die Leute glauben an den Euro!" Alle Länder hätten von Europa profitiert. Den Brexit hält er für eine ausgemachte Dummheit, aufgebaut auf einer Lügenkampagne gehe es den englischen Politikern in erster Linie um persönliche Karrieren, ohne an die finanziellen und sozialen Konsequenzen zu denken. Vollkommen unverständlich ist das für ihn als Privatmann, für den ehemaligen Finanzexperten mit reicher Kenntnis der europäischen und inzwischen eng vernetzten Wirtschaftssysteme ohnehin. Anscheinend hätte die Sehnsucht nach der vergangenen Größe des Empires viele Leute dazu verleitet, den Versprechungen gewissenloser Politiker zu glauben und "leave" zu wählen. Aber 70 Prozent der jungen Leute hätten für "remain" votiert. "Die Zukunft der Jungen ist Europa. Und ja, Europa hat Probleme, zum Beispiel die geforderte Einstimmigkeit bei der Beschlussfassung, zu viel Personal, - die Briten haben übrigens 1000 Leute in Brüssel - warum zwei Sitze, einer in Brüssel und einer in Straßburg, und warum so viele Steuervorteile für die meisten Mitarbeiter? "Das ist Geldverschwendung, aber wir können das besser machen!"

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Das derzeitige europäisch-amerikanische Verhältnis stimmt ihn besorgt. An den wenig charismatischen, aber sehr intelligenten US-Präsidenten Carter und seine Europapolitik erinnert er sich gern, ein starkes europäisch-amerikanisches Verhältnis sei absolut wünschenswert, Bush junior hatte seiner Meinung nach "keine Ahnung von Europa". Der jetzige Präsident? Ein Desaster für das Land und die Welt. Und mit sehr ernster Miene berichtet er davon, wie sehr seine amerikanischen Freunde so in feindliche Lager aufgespalten seien, dass sie nicht mal mehr miteinander reden könnten. "Wie konnte es so weit kommen?" Barlieb ergänzt: "America first? Und raus aus Europa? Ein Machtvakuum ist immer gefährlich, denn wenn etwas hinaus geht, kommt etwas anderes herein."

Weil Earl Barlieb durch seine Ehe sowohl die französische und die amerikanische Staatsbürgerschaft hat, kann er an der französischen und der amerikanischen Präsidentschaftswahl teilnehmen, für das Europaparlament kann er in Eurasburg wählen. Ob er sich als Europäer verstehe? Da wird Barlieb wieder heiter. "Ja, das war ich und das bin ich. Meine Vorfahren kamen im 17. Jahrhundert aus Schleswig Holstein und im 18. Jahrhundert aus dem Odenwald. Aber eigentlich bin ich vor allem ein Earthling, der gehen kann in alle Richtungen, ohne Grenzen, ohne Angst."