Eurasburg "It was terrible"

Zwei minderjährige Jungen sind über Niger, Libyen und Italien aus ihrer Heimat Ghana geflüchtet. Im Eurasburger "Inselhaus" sollen sie zu sich kommen und ein neues Leben aufbauen

Von Felicitas Amler, Eurasburg

Ob es in Ghana eine U-Bahn gibt? Der 16-jährige Jaboah (Namen geändert) lacht. Nein, aber von irgendwoher kennt er inzwischen U-Bahnen. Und nun ist dies sein ausdrücklicher Berufswunsch - er kann es sogar auf Deutsch sagen: "U-Bahnfahrer." Sein gleichaltriger Cousin Mojo hat auch schon präzise Vorstellungen. Er wolle mit Autos arbeiten. Mechaniker also? Nein, sagt er ein wenig leiser: "Design" - er möchte Autos entwerfen.

Die beiden Jungen aus Ghana sind auf gutem Weg, Ziele wie diese womöglich irgendwann zu erreichen. Sie leben seit wenigen Wochen im Eurasburger Heim der Inselhaus-Kinder- und Jugendhilfe. Dort sind sie in die Hausgemeinschaft integriert, werden gut versorgt und betreut. Jeden Tag fahren sie nach München in die Schule. Eines Tages werden sie vielleicht soweit sein, eine Ausbildung beginnen zu können.

Mit diesem Blick nach vorn in ein hoffentlich gesichertes Leben befassen sich Jaboah und Mojo gern. Sie sind bereit, auch mit einer Fremden darüber zu sprechen. Der Blick zurück aber fällt ihnen schwer. Zu schwer. Mojo erklärt es auf Englisch: "When we remember, why we came here, we are sad." Schlichte Worte: Traurig seien sind, und es sei "terrible" gewesen, schrecklich. Damit er es nicht wieder und wieder berichten muss, hat Mojo die Geschichte der Flucht, die er gemeinsam mit seinem Cousin erlebte, aufgeschrieben. Drei Schulheftseiten in einer gut leserlichen, leicht nach links geneigten Handschrift. Nüchtern im Ton, und doch merkt man, dass er an der ein oder anderen Stelle etwas weglassen musste.

Die Mütter beider Jungen aus dem Norden Ghanas sind tot, und auch Mojos Schwester ist gestorben. Man erfährt nicht, warum. Und man möchte nicht nachbohren. Mojo erklärt, sein Vater sei behindert, deswegen habe sich die Großmutter um ihn und seinen Cousin gekümmert. Eine erfolgreiche Kräuterfrau, so beschreibt er die "Grandma" respektvoll. Im Norden Ghanas aber kann es so einer Frau, zumal wenn sie schon älter ist, passieren, dass sie als Hexe geächtet und verstoßen wird. Es gebe da ein Camp, schreibt Mojo, in das seine Großmutter verschleppt wurde. (Wer dieser Sache nachgeht, findet auch in seriösen deutschen Tageszeitungen Artikel über diese Hexen-Camps in der Republik Ghana.) Mojos und Jaboahs Großmutter, so geht der Bericht des Jungen weiter, sei nach zwei Wochen getötet worden. Dann habe man auch ihn und seinen Cousin der Hexerei verdächtigt und sie gejagt. "We were accused to have this spirit." Seine Lehrerin in der Islamischen Schule habe ihnen geraten, das Land zu verlassen.

Junge Leute, die eine Flucht aus ihrer Heimat hinter sich haben, sind häufig schwer traumatisiert.

(Foto: Robert Haas)

Zwei 16-jährige schwarze Jungen mutterseelenallein auf der Flucht. Mit dem Bus nach Niger, so erzählt es Mojo, von dort mit einem Auto nach Libyen. In diesem Zeitrafferbericht hört es sich geradezu wie ein kleiner Trip an. Tatsächlich sind es von dem Ort, aus dem die beiden stammen, bis an die Küste Libyens beinahe 3000 Kilometer - Luftlinie. Wie viel Unausgesprochenes mögen sie hinter sich haben. Und was hatten sie zu diesem Zeitpunkt noch vor sich.

Man kennt diese entsetzlichen Bilder aus dem Fernsehen: Ein über und über mit jungen und alten, kranken und geschwächten Menschen besetztes Boot, das von der afrikanischen an die italienische Küste schippert. Wie viele sie waren? 170, sagt der Junge. Vielleicht war es doch ein Schiff? Nein, sagt jetzt der ansonsten schweigsame Jaboah, es war ein Boot. Ob es eng und ob die See stürmisch war? Mojo sagt nur: "It was terrible." Von Italien seien sie dann irgendwie nach München gekommen. Den Tag weiß Mojo noch genau: Es war der 22. Juni 2014. Es folgten zwei Monate in der berüchtigten Bayernkaserne und weitere vier Monate im ehemaligen Parkhotel auf der Theresienhöhe. Während Mojo spricht, sitzt sein Cousin die meiste Zeit mit gesenktem Kopf neben ihm, faltet die Hände, öffnet sie wieder, schließt sie, blickt fast nur nach unten.

In den sogenannten Erstaufnahmeeinrichtungen in München waren die beiden jungen Flüchtlinge endlich in Sicherheit. Doch genau in solchen Situationen pflegen sich Traumata oft zu melden. Sie hätten nicht geschlafen und nicht gegessen, sagt Mojo. Deswegen seien sie in psychotherapeutische Behandlung gekommen. Und jetzt also sind sie im Inselhaus in Eurasburg. Ein guter Platz, inmitten der schönen Voralpenlandschaft, mit hübsch eingerichteten Zimmern, einem wunderbaren Gemeinschaftsraum unterm Dach, mit Pferden, Ziegen, Katzen, Hunden. "The people are very kind and friendly", sagen die beiden ghanaischen Jungen. Das Lob bekommen sie von den Betreuern zurück. Immer freundlich und höflich seien diese Jungen, sagt Angelika Zeiss, die trügen ihr sogar ungefragt schwere Sachen die Treppe rauf. "Von deren Benehmen könnten unsere Kinder noch was lernen."

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"Unsere Kinder", damit sind die 19 deutschen Jugendlichen gemeint, die hier untergebracht sind. Schwierige, verhaltensauffällige Kinder, die nun auch erst einmal lernen müssten, mit den bisher sechs neuen Bewohnern, allesamt unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, klarzukommen. "Das ist erst mal Stress. Aber es ist auch eine Bereicherung." Spannungen und Ängste gilt es auf beiden Seiten abzubauen. Ein Junge aus Eritrea zum Beispiel wolle gar nicht aus seinem Zimmer heraus, berichtet Zeiss.

Zwei ghanaische Jungen, einer aus Afghanistan und drei aus Eritrea. Die einen sprechen ein bisschen Deutsch und leidlich Englisch, die drei aus Eritrea weder das eine noch das andere. Sprachunterricht ist die Grundlage jedes weiteren Schrittes. Deswegen würden die Inselhaus-Betreuer gern intensiv mit den jungen Flüchtlingen Deutsch üben. Dafür gebe es sehr gute Materialien, sagt Elke Burghardt, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Doch die seien auch sehr teuer, ein paar tausend Euro seien da schnell erforderlich. Der SZ-Adventskalender möchte dies finanziell unterstützen. Damit die künftigen U-Bahnfahrer und Auto-Designer sich auch gut ausdrücken können.