LGBTQ im OberlandChristopher Street Day in Wolfratshausen

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Raffael Joos organisiert den ersten Christopher Street Day in Wolfratshausen.
Raffael Joos organisiert den ersten Christopher Street Day in Wolfratshausen. (Foto: privat)

Eine Gruppe um den Sozialdemokraten Raffael Joos organisiert erstmals einen Party- und Protestmarsch für die queere Community in der Flößerstadt. Dieser soll ein Zeichen für Vielfalt und Zusammenhalt setzen.

Von Benjamin Engel, Wolfratshausen

Im Freistaat hat die Zahl queerfeindlicher Straftaten zugenommen. In Wolfratshausen richteten sich rechtsextreme Schmierereien und Drohungen unter anderem gegen ein Café, das homosexuelle Betreiber hat. Von einem gefühlt zunehmenden reaktionären Trend und generell steigender Intoleranz gegen die LGBTQ-Community spricht Raffael Joos, der in der Flößerstadt lebt und für die SPD Direktkandidat bei der Bundestagswahl 2025 war. Gegen diese Entwicklung wollen der Mittdreißiger und fünf weitere Mitglieder einer Projektgruppe mit einer Demonstration ein Zeichen setzen. Deshalb organisieren sie den ersten Christopher-Street-Day (CSD) in Wolfratshausen.

Der Demonstrationszug ist für Samstag, 26. Juli, durch die Wolfratshauser Alt- und Innenstadt angemeldet. Ausgangs- und Zielpunkt soll der Platz vor der Loisachhalle am rechten Flussufer sein. Begleitet werde der Zug von ein bis zwei Wagen mit Lautsprecherboxen, Essen und Musik, sagt Joos. „Ein CSD ist aber niemals nur eine Partyveranstaltung, sondern hochpolitisch“, betont er.

Joos und sein Organisationsteam rechnen mit etwa 200 Teilnehmern. Je mehr Unterstützer aber kämen, umso besser, sagt er. Schließlich gelte es, ein starkes Zeichen für Demokratie und Vielfalt zu setzen. „Der Tag gehört uns. Wir wollen zeigen, dass wir mehr sind“, sagt Joos. Er selbst sei nicht queer, engagiere sich aber gegen gesellschaftlichen Rechtsruck und Rechtsextremismus. In Erlangen, wo der aus Konstanz stammende Joos Politikwissenschaften studierte, zählte er zu den Gründungsmitgliedern der dortigen Klima-Aktivistengruppe „Extinction Rebellion“. Die Liebe hat ihn nach Wolfratshausen gebracht.

„Ich wünsche mir, dass queere Menschen in unserer Region selbstverständlich dazugehören – ohne Angst, ohne sich verstellen zu müssen oder sich allein zu fühlen“, sagt Leo aus dem Wolfratshauser Organisationsteam. Leo definiert sich als non-binär, also weder ausschließlich als Mann noch als Frau, nutzt nach eigenem Bekunden alle Pronomen, will aber am liebsten, dass nur der Vorname benutzt wird.

Der CSD in Wolfratshausen solle zeigen, dass niemand allein sei

Der Christopher Street Day solle ein Tag der Sichtbarkeit, der Begegnung und des Muts werden, so Leo. „Ich wünsche mir, dass der CSD ein starkes Zeichen für Vielfalt und Zusammenhalt setzt – für queere Menschen, ihre Familien, Freundinnen und Unterstützerinnen.“ Es gehe darum, zu zeigen, dass niemand allein sei. Wenn der Wolfratshauser CSD nur eine Person stärke, habe sich die Veranstaltung gelohnt.

Die Situation für die queere Community in der Region bewertet Leo als zwiegespalten, spricht von „viel Offenheit und Unterstützung“ einerseits, „Unverständnis, Vorurteilen oder offen ablehnendem Verhalten“ andererseits. „Besonders wenn man sich sichtbar zeigt“, so Leo. Als queere Person auf dem Land zu leben, sei mit mehr Unsicherheit verbunden als in der Großstadt. Aus Angst vor negativen Reaktionen hielten sich viele zurück. Auch deswegen sei queeres Leben auf dem Land weniger sichtbar. Vor allem online oder in kleinen Gesten oder Kommentaren des Alltags zeigten sich Anfeindungen. „Ob sie zunehmen oder nur sichtbarer werden, weil queere Menschen sich heute stärker zeigen, lässt sich schwer sagen“, sagt Leo.

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Für Schwule und Lesben im Oberland setzt sich der Verein Schutz in Bad Tölz ein. Es existiert zudem eine Beratungsstelle der Caritas für die LGBTQ+-Community. Im März 2025 gründete sich der Verein „Queer im Oberland“ in Murnau. „Solche Anlaufstellen sind extrem wichtig“, sagt Leo. „Sie geben queeren Menschen Halt, Sichtbarkeit und einen sicheren Ort – gerade im ländlichen Raum, wo viele sich isoliert fühlen.“ Gesellschaftlich und politisch sei aber auf dem Land noch Luft nach oben. „Gerade deswegen war es uns ja wichtig, einen CSD in Wolfratshausen zu organisieren.“

Im Idealfall sollte queeres Leben in Cafés, bei Stadtfesten, in Schulen, im Vereinsleben, also überall, sichtbar sein, findet Leo. Queere Menschen seien Teil der Gesellschaft, keine Subkultur. Sich zu outen, sei auf dem Land meist mit mehr Ängsten verbunden als in der Stadt, weil jeder sich kenne, dadurch alles persönlicher werde. Gerade für Trans- und nicht-binäre Menschen sei es oft noch schwieriger als für Lesben und Schwule. Denn viele wüssten gar nicht, was das genau bedeute. Zudem gebe es weniger Vorbilder, so Leo.

In Wolfratshausen soll der CSD am 26. Juli um 10.30 Uhr beginnen. Auf einer Rundstrecke, die von der Loisachhalle durch die Altstadt und wieder zurückführt, wollen die Teilnehmer laut Raffael Joos etwa 45 Minuten durch die Stadt ziehen. Die Polizei werde den Demonstrationszug begleiten. Auf dem Platz vor der Loisachhalle gebe es zwar keine Bühne, aber Musik und einen Foodtruck. Der CSD solle auch dazu dienen, Unterstützer für Demokratie und Vielfalt zu vernetzen. „Es gibt ein unglaublich positives Feedback von allen, die wir gefragt haben“, so Joos. Wenn die Resonanz bei der Premiere stimme, wolle man den CSD dauerhaft in Wolfratshausen etablieren.

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