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Erlebnisse außerhalb der S-Bahn:Jeden Tag auf Klassenfahrt

Der Schienenersatzverkehr für die S 7 bietet ungewohnte Erlebnisse: Von Busfahrten für Nostalgiker und Einweisern statt Lautsprechern - ein Überblick.

Mit der S-Bahn zu fahren ist noch immer ein Abenteuer, das gilt besonders für die Linie S7. Dem kundigen Fahrgast schwante Unersprießliches, als der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) ankündigte, die Strecke zwischen Wolfratshausen und Solln werde in diesem Sommer wegen Bauarbeiten gesperrt, die Züge durch Busse ersetzt. Wie ein auf Godot wartender Landstreicher sah er sich schon in zunehmender Dämmerung auf Bahnsteigen herumstreunen. Oder in einer Völkerwanderung mit anderen Pendlern durch Münchner Vororte ziehen - zu Bussen, die irgendwo, aber jedenfalls nicht dort stehen, wo sie stehen sollen. Doch es kam anders. Der Schienenersatzverkehr mit Schnellbussen und solchen, die jede S-Bahn-Station anfahren, führt zu schönen Begegnungen und neuen Einsichten.

Schnellbus statt Bahn: Fahrgäste der S 7 müssen zwischen Wolfratshausen und Solln auf Busse umsteigen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Einweiser: Ersetzt den sonst üblichen Lautsprecher. Ist eher zur Auskunft bereit. Sagt zwar auch immer das gleiche, das aber in ungestelzter Sprache: "Ich hab' doch gesagt, das ist der normale Bus, der Schnellbus kommt noch, hab' ich doch gesagt." Sagt solche Sätze eher am Abend, ist am Morgen besser gelaunt. Bei heißem Wetter trägt er unter der Bauarbeiterjacke nichts und zeigt muskulöse Arme. Vielleicht in der irrigen Annahme, dass sich weniger Fahrgäste beschweren. Muss nach zwei Wochen Einweisung schwer träumen. "Normal, normal, Schnellbus, normal, Schnellbus, normal, normal. . . ", schätzungsweise 24 Mal am Tag. Da würde jeder Lautsprecher einen Kurzschluss bekommen.

Die Busflotte: Etwas für Nostalgiker. Erstaunlich, dass Museen solche Raritäten des Personennahverkehrs einfach so verleihen. Ohne Klimaanlage, ohne Fernseher, ohne ergonomisch gestaltete Sitze. So kommt im zweiten Gang - oder ist es noch der erste? - den Wolfratshauser Berg hinauf das Gefühl auf, an einer Klassenfahrt in den 70er Jahren teilnehmen zu dürfen. Fehlt nur der Sunkist-Saft. Ist auch so laut wie damals. Aber leider nicht laut genug, um den Liebeskummer einer Teenagerin zu übertönen, die zwei Reihen weiter hinten ihrem Freund am Handy eine Szene macht. Es gibt übrigens auch ein paar modernere Busse. Der Unterschied? Die Klimaanlage geht nicht, der Fernseher bleibt dunkel. Dafür sind die Sitze so weich, dass man sich mit den Knien die Ohren zuhalten kann. Schützt immerhin vor Teenagergesprächen.

Die Busfahrer: Sind in der Regel schweigsam. Haben keine orangefarbenen Einheitsjacken an, sondern sind ein vergleichsweise bunt gewürfelter Haufen. Kommen mitunter von weit her und bilden dann eine Ausnahme. "Wissen'S, isch bin e Reisebusfahrer aus der Palz", sagt einer von ihnen auf einer abendlichen Fahrt zurück nach Wolfratshausen. Erzählt dann Reisebusfahrerwitze von Solln über Ebenhausen bis Schäftlarn und Icking (dann doch lieber Teenager). Vergleicht die Fahrgäste mit einer Hammelherde, die in Solln einfach über die Straße zu den Bussen rennt. "Also, nix für ungut." Überlebt die Fahrt, weil Kurzschlussreaktionen unter den Hammeln ausbleiben. Sollte nicht Einweiser werden. Aber vielleicht Münchner U-Bahn-Fahrer.