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Erinnerungsort Badehaus in Waldram:Hörenswert

Maximilian Fixl und Katarzyna Åaszuk stellen den Audioguide vor. Im Erinnerungsort Badehaus werden drei Phasen deutscher Geschichte dokumentiert.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Münchner Studierende erarbeiten für den Erinnerungsort Badehaus in Wolfratshausen-Waldram einen Audioguide. Er entlastet die Ehrenamtlichen, die alle Führungen leisten. Sybille Krafft spricht von einer großen Hilfe.

Von Susanne Hauck

"Wir hätten uns einen Audioguide finanziell nie leisten können und auch nicht die Manpower dazu gehabt": Sybille Krafft zeigt sich beglückt und dankbar. Studierende des Elitestudiengangs Osteuropastudien an der Münchner Universität haben für den Erinnerungsort Badehaus in Waldram einen Audioguide entwickelt. "Er ist für uns eine große Hilfe", sagt die Vorsitzende des Vereins Bürger fürs Badehaus - auch wenn die Hörstücke den "Königsweg" mit der Führung durch das Museum nicht ersetzen sollen. Doch die persönliche Tour verlange den Ehrenamtlichen ein kaum zu leistendes zeitliches Engagement ab.

Krafft rechnet noch in diesem Jahr mit dem 4000. Besucher, was den Verein an die Grenzen des Möglichen bringe. "Der Audioguide ist uns eine sinnvolle Ergänzung, wenn mal keiner von uns da ist." Am Sonntag wurde der Audioguide im Badehaus vorgestellt. Er gibt in einer knappen Stunde einen Überblick über die Dauerausstellung und beleuchtet einzelne Stationen.

Als er auf einem Sommerfest in Holzen der Filmemacherin und Historikerin Sybille Krafft begegnet sei, hätten sie gleich mögliche Kooperationen mit zunächst "wolkigen Vorstellungen" erörtert, erzählt Martin Schulze Wessel von den informellen Anfängen des Projekts. Der Historiker betreut den Elitestudiengang Osteuropastudien, einer Zusammenarbeit zwischen den Unis München und Regensburg und berichtet von den Zielsetzungen des Hörführers, der "Geschichte beschreiben, aber sie nicht deuten soll". Auch bei der parallel dazu erarbeiteten Kindertour sollte der Fehler eines zu emotionalisierten Zugangs vermieden werden. "Wir haben nicht den Versuch gemacht, ein fiktives Gespräch mit jüdischen Displaced Persons zu führen."

Stattdessen diente eine Rahmenhandlung mit drei Schülern, die für einen Artikel in der Schülerzeitung das Museum besuchen und sich über die Ausstellungsgegenstände unterhalten, als Basis für den etwa halbstündigen Guide, den Krafft für Kinder ab der fünften Klasse empfiehlt. Die Audioführungen sollen in der ersten Jahreshälfte 2020 starten, erklärt sie auf Nachfrage. Dafür will der Verein eigene Tablets anschaffen, um das Downloaden auf private Smartphone zu vermeiden.

Die 15 Jung-Wissenschaftler berichteten am Sonntag in einer kurzweiligen Vorstellungsrunde davon, wie sie in den verschiedenen Archiven recherchierten, Drehbuch schrieben, die Texte von professionellen Schauspielern einsprechen ließen und erfolgreich Sponsoren suchten. Das Badehaus umfasst drei Phasen deutscher Geschichte: die Nazi-Zeit, in der die Siedlung Föhrenwald für Arbeiter der benachbarten Rüstungswerke errichtet wurde; die Zeit des Lagers für jüdische Displaced Persons (DP) und jene der Ansiedlung kinderreicher katholischer Heimatvertriebener. Gemäß dieser Systematik der Ausstellungsräume beleuchteten die Studierenden das Leben der Kriegsdienstverpflichteten, das der Überlebenden des Holocausts und das der Heimatvertriebenen in der dann umbenannten Siedlung Waldram. Dabei setzten sie auch eigene Akzente.

"Es war uns wichtig, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter und das Zusammenleben greifbarer zu machen", sagt die 23-jährige Alicja Golanska. Spannende Ergebnisse habe es gerade hinsichtlich der Situation der Frauen in Föhrenwald gegeben. Trotz strenger Reglementierungen im Umgang zwischen den Geschlechtern sei es immer wieder zu Schwangerschaften gekommen, teils auch zu sexuellen Übergriffen des Lagerpersonals. In seltenen Fällen seien die Schwangeren nach Hause "auf eine Art Urlaub" geschickt, häufig aber auch zu Abtreibungen gedrängt worden. Die auf der - dennoch existierenden - lagereigenen Entbindungsstation geborenen Kinder seien meist in ein Heim oder zu NS-treuen Familien gegeben worden. Ein Kapitel "Demütigungen" haben die Studierenden außerdem den besonders von Frauen als entwürdigend empfundenen Entlausungen und körperlichen Untersuchungen gewidmet.

Für Krafft ist durch die Kooperation mit den Studenten über den Audioguide hinaus ein Wunsch in Erfüllung gegangen. "Wir können spüren, dass der Same aufgegangen ist und die nächste Generation den Stab der Erinnerung weiterträgt."

© SZ vom 12.11.2019
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