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Erinnerungskultur in Wolfratshausen:Zerstörung und Blütezeit

Walter Kuhn lässt die seidenen "Mahnblumen" aus Schutt und Stacheldraht - Relikten aus Föhrenwald/Waldram - erwachsen. Der Künstler (li.) ist mit einer Aktion mit 3000 Mahnblumen auf dem Königsplatz bekannt geworden. Hier präsentiert er die neue Installation mit Sybille Krafft und Wolfgang Saal.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die "Mahnblumen" des Aktionskünstlers Walter Kuhn erinnern am Badehaus an unterschiedliche Phasen der Geschichte. Jugendliche stellen eine App für Außentouren durchs ehemalige Föhrenwald vor

Von Felicitas Amler

Aus tristen Trümmern, Schutt und Stacheldraht erwachsen drei strahlend rote seidige Mohnblumen. Es gibt wohl nur wenige zeitgeschichtliche Erinnerungsorte, zu denen dieses Kunstwerk derartig gut passt: Die "Mahnblumen" des Aktionskünstlers Walter Kuhn stehen seit Kurzem vor dem Badehaus am Waldramer Kolpingplatz. Am Freitag präsentierten die beiden Vorsitzenden des Vereins Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald, Sybille Krafft und Wolfgang Saal, die Neuerung in einer Pressekonferenz.

Die Geschichte, an die im Badehaus anschaulich erinnert wird, beginnt mit den Verbrechen der Nazis. Denn im Lager Föhrenwald lebten zunächst männliche und weibliche NS-Dienstverpflichtete und Zwangsarbeiter, die in den benachbarten Rüstungswerken schufteten.

Mit dem Kriegsende und der Befreiung vom Faschismus wandelte sich Föhrenwald in ein Camp für jüdische Displaced Persons - Menschen, die Deportation und Schoah überlebt hatten, traumatisiert waren und nicht wussten, wo sie eine neue Heimat finden würden. Dennoch erinnern sich gerade jene, die damals Kinder waren, gern an die Zeit, in der sie behütet und in herrlicher Natur aufwuchsen. Bildlich gesprochen war der Same für die schönen roten Blumen gelegt.

Diese entfalteten sich in Föhrenwald, als alle jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner weggezogen oder umgesiedelt worden waren - keineswegs immer freiwillig. Die katholische Kirche als neue Eigentümerin des Geländes ließ nämlich in die spitzgiebeligen Häuser aus der NS-Zeit deutsche kinderreiche Heimatvertriebene einziehen. Und sie benannte Föhrenwald in Waldram um, das inzwischen ein Stadtteil Wolfratshausens ist.

All dies erfahren Besucherinnen und Besucher des Hauses im Erdgeschoss des Museums und im "Wald der Erinnerung" unterm Dach, wo individuelle Schicksale dargestellt sind. Dafür haben Münchner Studierende vor zwei Jahren einen Audioguide erarbeitet. Dass auch die Umgebung des Badehauses, also das ganze ehemalige Föhrenwald, besuchenswert ist, zeigen Jugendliche, die eine Audioguide-App für eine Außentour durch heutige Waldram erstellt haben. Sie führt zum Beispiel zum Standort des früheren Werkstors oder zeigt, dass im heutigen Gasthaus zur Post in der Nachkriegszeit die jüdische Ort-Schule untergebracht war, eine Berufsschule für junge Menschen.

Angeleitet wurden Amelie Prommer, Sophie Pusch, Sophie Sauer, Nina Goos, Lara Haunerdinger, Felicitas Hörl, Nathalie Schauer, Friederike Wimmer, Lena Schubert, Frida Eckardt, Felix Sauerwald und Loreen Ferstl von Geschichtslehrerin Eva Greif. Die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Geretsried haben an einem Wahlkurs Politik und Zeitgeschichte teilgenommen. Für ihr Projekt wurden sie vor zwei Jahren mit dem Geschichtspreis des Bundespräsidenten ausgezeichnet und nun auch mit dem Sonderpreis für kreative Gestaltung des bayerischen Schülerlandeswettbewerbs "Erinnerungszeichen".

Die App leitet Interessenten mit drei fiktiven Figuren, die für die drei Zeitphasen NS-Arbeitslager, DP-Lager und Siedlung Waldram stehen, durch den Stadtteil. Mit ihren kleinen Steckbriefen der drei Personen, Vera, Esther und Josef, haben sich die jungen Leute an den Zeitzeugenberichten orientiert, die im Badehaus zu hören sind.

Eva Greif ist Waldramerin und Mitinitiatorin des Erinnerungsorts Badehaus. In einer kleinen Feierstunde überreichte sie den Jugendlichen vergangene Woche im Badehaus die Urkunden. "Man kann Geschichte besser erleben, wenn man durch die Straßen geht", sagte Sophie Pusch. Amelie Prommer erklärte, es sei darum gegangen, "Geschichte so persönlich wie möglich zu machen". Greif und die Teilnehmenden ihres Kurses berichteten allerdings auch, dass es ein ordentliches Stück Arbeit gewesen sei, dies in Form einer App anzubieten. Sie wurden dabei unterstützt von der Landesstelle für die nicht-staatlichen Museen mit deren "fabulApp" genannten Baukasten für digitales Storytelling im Museum. Außerdem stellte Frida Eckhardts Mutter ihr Tonstudio zur Verfügung und Nina Goos' Vater Wolf Kunert half mit seinen IT-Profikenntnissen.

© SZ vom 05.07.2021
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