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Erinnerungskultur:Erinnerung an einen weißen Raben

Otto-Ernst Holthaus ist selbst Zeitzeuge und war mit Max Mannheimer befreundet. Zum 90. Geburtstag schenkte er ihm das Straßenschild, mit dem sich Mannheimer fortan gerne fotografieren ließ. Nun vermachte Holthaus es dem Badehaus - ein neues Ausstellungsstück für dessen Vorsitzende Sybille Krafft.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Mit Wegbegleitern, Politikern und Filmausschnitten feiert das Badehaus den 100. Geburtstag des vor vier Jahren verstorbenen unermüdlichen Zeitzeugen Max Mannheimer.

Am Schluss pustet die Enkelin Max Mannheimers im nun nach ihm benannten Hauptraum des Museums die Kerzen aus, dann wird der Geburtstagskuchen angeschnitten. Darauf steckt ein weißer Rabe - Erinnerung daran, dass der unermüdliche Zeitzeuge sich humorvoll als einen derartig seltenen Vogel sah.

Es war ein mal fröhlicher, mal ernster, vor allem aber ein hochkarätiger Gedenktag, den das Badehaus am Sonntagabend veranstaltete. Zur Feier drei Tage nach dem 100. Geburtstags von Max Mannheimer waren nicht nur zahlreiche Kommunalpolitiker, sondern auch Mannheimers Tochter und Enkeltochter, ehemalige Föhrenwalder und Bayerns Antisemitismusbeauftragter Ludwig Spaenle (CSU) in den Waldramer Erinnerungsort gekommen. Es wurde gelacht und geweint, gemahnt und ermutigt - und in Filmen und Redebeiträgen das Bild eines Mannes gezeichnet, dem diese postume Geburtstagssause sicherlich gut gefallen hätte.

Bei der gab es natürlich auch ernste Momente. Zum Beispiel wurde klar, wie wenig nach dem Zweiten Weltkrieg über den Holocaust gesprochen wurde. So berichtete die Enkelin Judith Faessler, dass ihr das volle Ausmaß des Holocaust erst mit 13, 14 Jahren bewusst wurde. Zu der Zeit veröffentlichte ihr Großvater mit einem Beitrag in den "Dachauer Heften" zum ersten Mal seine Geschichte.

Die gesamte Familie des jüdischen Kaufmannsohns wurde 1943 über Theresienstadt in das KZ Auschwitz deportiert, wo bis auf die Brüder Max und Edgar alle Familienmitglieder ermordet wurden. Die Brüder landeten schließlich in Außenlagern des KZ Dachau und wurden in Tutzing von den Amerikaner befreit - krank und abgemagert.

Statt sich wie viele, die auch das frühere Auffanglager in Föhrenwald (heute Waldram) passierten, ein neues Leben im Ausland aufzubauen, wurde Mannheimer zum Mahner, erzählte Tausenden Schülern seine Geschichte. Die hatte ihn als Betreuer in das Lager für Displaced Persons Föhrenwald geführt; Jahrzehnte später wurde er erstes Mitglied und Geburtshelfer des Erinnerungsvereins in Waldram. Hier zeigte sich am Sonntag Mannheimers unumstößliches Motiv.

"Ich will die jungen Leute vor der Gefahr einer Diktatur warnen und für die Demokratie mobilisieren", sagt er in einem Filmausschnitt - ein Satz, der einen Monat vor den Kommunalwahlen hochaktuell ist. Gerade in Wolfratshausen, wo zum ersten Mal ein Vertreter einer Partei für den Stadtrat antritt, die die deutsche Erinnerungskultur offen infrage stellt.

Für eben diese plädierte Ludwig Spaenle mit einer eindringlichen Rede. Der Schwur der Häftlinge, das "Nie wieder", gehöre zum "Genom der zweiten Demokratie auf deutschem Boden", so Bayerns Antisemitismusbeauftragter. Die Bundesrepublik sei ohne den Auftrag, die Menschenrechte nach dem "einmaligen Menschheitsverbrechen" zu wahren und verteidigen, "nicht vorstellbar". Es freue ihn, dass der Badehausverein die Energie gefunden habe, sich aufzumachen und etwas zu schaffen, "das weit über die Bedeutung des Gebäudes hinausreicht".

Worte, die Sybille Krafft mehr als gefreut haben dürften. Ihr Verein hat das Badehaus vor dem Abriss gerettet, hat es zu einer Gedenk- und Begegnungsstätte ausgebaut und bangt nun um dessen Förderung. "Ohne Geld geht leider nichts, auch nicht die Erinnerung", sagte Krafft. Kürzlich hatte der Kreisausschuss eine zusätzliche Finanzspritze für den Gedenkort abgelehnt; die Entscheidung über eine Betriebsförderung durch die Stadt steht noch aus.

Die Beiträge zeichneten das Bild eines Mannes, der trotz allem nicht seinen Humor verlor. "Ich bin ein sündiger Jude", sagte Mannheimer einmal: Er habe einfach keine Zeit, in die Synagoge zu gehen. Wichtiger sei es, einen Vortrag zu halten, um die Jugend zu sensibilisieren. Denn: "Napoleon und Cäsar können nicht mehr eingeladen werden. Aber ich bin noch da."

© SZ vom 11.02.2020