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Erinnerungen:Wehmut vor der letzten Leonhardifahrt

Klaus Pelikan, Leiter des Tölzer Bürgermeisterbüros, hat den Umzug der Rösser, Truhen- und Tafelwagen jahrelang von Amts wegen begleitet. Jetzt steht er kurz vor seinem Ruhestand

Von Klaus Schieder, Bad Tölz/Benediktbeuern

Klaus Pelikan wird heuer bei der Tölzer Leonhardifahrt melancholisch zumute sein. Der Umzug mit Rössern, Reitern, Truhen- und Tafelwagen ist der letzte, den er nach 27 Dienstjahren bei der Stadt maßgeblich mitorganisiert hat. "Das ist schon mit Wehmut verbunden", sagt der Leiter des Bürgermeisterbüros und ehemalige Kurdirektor, der zum Jahresende in den Ruhestand geht. Die Sitzungen des Ausschusses, das Laden, die Gespräche mit Landwirten und Fuhrleuten, die Fahrt selbst, die Ehrungen hernach - all dies wird er vermissen, wenn er künftig nur als normaler Zuschauer am Straßenrand steht. "Für mich war jede Leonhardifahrt ein besonderes Erlebnis, wegen der außergewöhnlichen Stimmung", sagt Pelikan.

81 Leonhardifahrer haben sich für die Wallfahrt am Montag, 7. November, angemeldet. Seit den Siebzigerjahren ist es Brauch, dass die Zugreihenfolge ausgelost wird. Aus gutem Grund, denn zuvor ging es im Kurviertel, wo sich die Teilnehmer mit ihren Fuhrwerken seit eh und je aufstellen, ziemlich ungeordnet zu. Das war beinahe wie an einem Strand in Spanien oder Italien, wo die Touristen die Liegestühle mit Handtüchern für sich reservieren: Schon nachts um 2 Uhr oder noch früher hätten manche Fuhrleute ihre Wagen im Badeteil geparkt, aber am Morgen kamen dann andere Leonhardifahrer mit ihren Gespannen und schoben die abgestellten Gefährte beiseite. "Da gab es immer wieder mal Ärger," erzählt Pelikan.

Die Tölzer Leonhardifahrt, beurkundet seit 1772, findet dieses Jahr ausnahmsweise an einem Montag statt, weil der 6. November auf einen Sonntag fällt.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Route ist immer die selbe: Sie führt von 9 Uhr an unter dem Geläut der Kirchenglocken über die Badstraße, Isarbrücke, untere Marktstraße, Jägergasse und den steilen Maierbräugasteig hinauf zum Kalvarienberg, nach dem Festgottesdienst und der zweimaligen Umrundung der Leonhardikapelle, wobei Pferde und Wallfahrer den Segen empfangen, hinunter in die Fußgängerzone und durch obere Marktstraße und Salzstraße zur Mühlfeldkirche.

Pelikan erinnert sich an manch eindrucksvolle Begegnung, etwa mit dem verstorbenen Alt-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. "Wir standen alleine am Kolbergarten und haben uns gut unterhalten." Allerdings gab es auch weniger angenehme Erlebnisse. 2014 kippte ein Truhenwagen auf dem schneebedeckten Aufstellplatz am Kalvarienberg um, zwei Schalkfrauen zogen sich schwere Verletzungen zu. Dieses Bild sieht Pelikan immer noch vor sich: "Das war einprägsam, weil ich da oben stand, es geschah direkt vor uns." Solch schwere Unfälle sind in der Geschichte der Tölzer Leonhardifahrt selten. Dennoch rüstet sich die Asklepios-Stadtklinik für den Ernstfall. Die Notaufnahme ist voll besetzt, das Team der Krankenpfleger wird aufgestockt. "Am Leonharditag verzeichnen wir grundsätzlich etwas mehr Fälle als sonst", berichtet Hans Wilhelm Gerbig, leitender Arzt in der Notaufnahme.

In unersprießlicher Erinnerung hat Pelikan die Alkoholexzesse, die vor einigen Jahren die Wallfahrt begleiteten. Vor allem junge Leute, die sich in den sozialen Medien verabredetet hatten, kamen 2010 nach Bad Tölz, um sich zu betrinken. Die Polizei hatte bis in die Nacht hinein alle Hände voll mit Bierleichen und rauflustigen Gästen zu tun. Die Leonhardifahrt als Massenbesäufnis - damit geriet Bad Tölz damals bundesweit in die Schlagzeilen. "Das ist teilweise tatsächlich passiert, teilweise wurde es von den Medien hochgespielt", resümiert Pelikan. Der Missbrauch der Wallfahrt habe ihn "maßlos geärgert".

Klaus Pelikan (re.) hört als Organisator der Leonhardifahrt auf. Links: Leonhardi-Lader Anton Heufelder.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Stadt krempelte daraufhin ihr Sicherheitskonzept um. An den Vorschriften ändert sich trotz des Amoklaufs in München und des Terroranschlags von Ansbach nichts. Vor den Sommerferien habe man der Polizei angeboten, die Regeln zu überarbeiten, sagt Pelikan. Aber sie habe klar gesagt, dass sie es "nach den Erkenntnissen des Oktoberfests und anderer Veranstaltungen für völlig ausreichend erachtet". Das Konzept sei tragfähig. Es ist verboten, Hunde mitzubringen und Beifall zu klatschen, auch Drohnen dürfen nicht fliegen. Falls die Fluggeräte mit ihren Kameras herunterfielen, könnte der Absturz zu Verletzten oder zu einer Panik unter den Rössern führen. "Was dann los ist, kann man sich vorstellen."

Ein Vermächtnis, das Pelikan hinterlässt, ist die Aufnahme der Traditionswallfahrt als immaterielles Unesco-Kulturerbe in die Liste des Freistaats. Dies wird am 10. November in der Münchner Residenz besiegelt. Pelikan wünscht sich, dass die Tölzer Leonhardifahrt auch in das Verzeichnis des Bundes kommt. "Sonst hätte ich nicht den Vorschlag gemacht", sagt er. Sein Motiv: Er will die Wallfahrt so erhalten, wie sie ist. Andernfalls könnten technische oder sicherheitsbedingte Auflagen dazu führen, "dass es keine Eisenreifen mehr geben darf, andere Bremsen nötig sind oder LED-Beleuchtung vorgeschrieben wird".

In Benediktbeuern findet die Leonhardifahrt am Sonntag, 6. November, statt. Mit 48 Wagen und etwa 200 Pferden führt sie von 9 Uhr an von der Dorfmitte in den Innenhof des Klosters. Der Festgottesdienst beginnt um 10 Uhr in der Basilika. Danach ziehen die Wallfahrer über den Ortsteil Pechlern und weiter auf der Bundesstraße zurück zum Dorfplatz, wo das traditionelle "Goaßlschnalzn" den Schlusspunkt setzt. Anders als in Tölz, wo die Leonhardifahrt um einen Tag verschoben wird, wenn der 6. November auf einen Sonntag fällt, ist die Prozession in Benediktbeuern stets am 6. November. "So kommen wir uns nicht ins Gehege", sagt Anneliese Elisabeth Heier von der Gemeindeverwaltung.

© SZ vom 03.11.2016
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