NutztierhaltungWollige Angelegenheit

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Verena Hausmann (links) und Tochter Ida züchten Alpine Steinschafe, eine vom Aussterben bedrohte Rasse. Die 15-Jährige hat Nachwuchsschaf Amra auf dem Arm.
Verena Hausmann (links) und Tochter Ida züchten Alpine Steinschafe, eine vom Aussterben bedrohte Rasse. Die 15-Jährige hat Nachwuchsschaf Amra auf dem Arm. Manfred Neubauer
  • Verena Hausmann züchtet in Seeshaupt etwa 100 Alpine Steinschafe, eine vom Aussterben bedrohte Rasse mit nur 950 eingetragenen Herdbuchtieren.
  • Neben der Direktvermarktung von Wolle und Fleisch bietet sie im Kloster Benediktbeuern tiergestützte Schafmeditation an, die zum Renner wurde.
  • Deutsche Schäfereien kämpfen mit Preisverfall bei Wolle, internationalen Importen und hohen Kosten durch Herdenschutz gegen Wölfe.
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„Ich bin ein Schafmensch“, sagt Verena Hausmann. Mit ihrer Erhaltungszucht hat sich die Seeshaupterin einen Wunsch erfüllt. Ihre Alpinen Steinschafe kommen auch in der tiergestützten Arbeit im Kloster Benediktbeuern zum Einsatz.

Von Alexandra Vecchiato, Seeshaupt/Benediktbeuern

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Mit Schafhaltung in Deutschland Geld zu verdienen, wird immer schwieriger. Und doch gibt es sie: Idealisten wie Verena Hausmann, die in erster Linie nicht die Vermarktung im Auge haben, sondern die Erhaltungszucht. Mit ihrer Arche-Schäferei „Wolle & Kraut“ in Seeshaupt habe sie sich einen „lang gehegten Wunsch“ erfüllt, sagt die 47-Jährige. In Schafe verliebt hatte sie sich schon in jungen Jahren. Auch der Aspekt, alte Haustierrassen zu erhalten, interessierte sie. 2015 zogen die ersten fünf Alpinen Steinschafe auf dem Hof ein. Heute hält sie an die 100 Tiere.

Bei der Bullenhitze gibt es nur einen Zufluchtsort: die Heuraufe, die im Schatten einiger Bäume steht. Dorthin hat sich die kleine Herde aus Mutterschafen samt Nachwuchs geflüchtet. Da kommen Besucher eher ungelegen. Ein Alpines Steinschaf möchte an so einem Hochsommertag einfach seine Ruhe haben. Das ändert sich schlagartig, als Ida Hausmann einen Eimer mit Futter füllt. Plötzlich kommt Leben in die Gruppe. Alles folgt den lockenden Leckerlis – und natürlich Ida.

Alpine Steinschafe sind sehr „farbenfroh“: einfarbig oder gescheckt, mit kleinen Tupfen, braun oder eher weiß – was zum Beispiel für schöne Farbverläufe bei Teppichen sorgt.
Alpine Steinschafe sind sehr „farbenfroh“: einfarbig oder gescheckt, mit kleinen Tupfen, braun oder eher weiß – was zum Beispiel für schöne Farbverläufe bei Teppichen sorgt. Manfred Neubauer

Sie ist die jüngste Tochter von Verena und Martin Hausmann. Die 15-Jährige nennt eine kleine Herde ihr Eigen. Sie könne sich durchaus vorstellen, die Erhaltungszucht fortzuführen, erzählt sie. „Nur so viele Tiere, dass man sich ihre Namen merken kann“, sagt sie. Nach dem kurzen Abstecher über die Wiese mit schönstem Bergblick geht es wieder in den Schatten. Aber nicht ohne ein paar Schmuseeinheiten. Schaf-Oma Sissi ist besonders anlehnungsbedürftig. Die Alpinen Steinschafe sind sehr menschenbezogen. „Das ist ein Grund, warum ich diese Rasse so schätze“, erklärt Verena Hausmann.

Bergschafrassen werden überwiegend im bayerischen und schwäbischen Alpenraum gehalten. Dank ihrer groben Wolle sind sie vor Niederschlägen bestens geschützt. Als in ihrem Bestand gefährdete Rassen werden das Braune Bergschaf, das Brillenschaf sowie das Alpine und Krainer Steinschaf vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten mit einer Haltungsprämie für Zuchttiere gefördert.

Alpine Steinschafe gehören zu den ältesten Rassen. Sie stehen auf der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen. Ihrem Erhalt hat sich der Förderverein Alpines Steinschaf, bei dem Verena Hausmann Mitglied ist, verschrieben. Etwa 950 eingetragene Herdbuchtiere gibt es. Steinschafe gelten als robust und genügsam. Vor allem aber sind sie eines: die Ruhe in Person oder besser gesagt: auf vier Klauen.

Was mit fünf Steinschafen im nahe gelegenen Jenhausen begann, wuchs in zehn Jahren auf eine stattliche Anzahl an Tieren heran. 35 Mutterschafe und eine eigene Bockherde; in diesem Jahr kamen 50 Lämmer zur Welt. „Wir sind bei fast 100 Tieren“, sagt Verena Hausmann, die mit ihrer Familie in Seeshaupt lebt. „Ich mag einfach Schafe an sich“, erzählt sie weiter. Steinschafe seien „halt voll schön“, sagt sie. „Ich bin ein Schafmensch.“

Immer den Leckerlis nach. Für solche Köstlichkeiten lässt sich die Gruppe auch schon mal aus dem Schatten locken.
Immer den Leckerlis nach. Für solche Köstlichkeiten lässt sich die Gruppe auch schon mal aus dem Schatten locken. Manfred Neubauer

Hobby ist das eine, aber der Unterhalt der Tiere das andere. Verena Hausmann und ihre Familie müssen nicht von der Zucht und der Vermarktung der Tiere leben. Ehemann Martin ist Zimmerer, die 47-Jährige arbeitet als Bildungsreferentin im Naturschutzzentrum Zuk im Kloster Benediktbeuern. Dennoch war für Verena Hausmann klar, dass sie das Produkt „Schaf“ auch vermarkten möchte. Kein leichtes Unterfangen. „Ich habe nach und nach die Direktvermarktung aufgebaut.“ Es gibt in Deutschland keine Wollwäscherei mehr. Die Hausmanns fahren die Wolle nach Österreich, um sie anschließend in Bayern weiterzuverarbeiten. Auch das ist nicht so einfach, denn die Wolle deutscher Schafe ist nicht gefragt. Höchstens für Teppiche. „Da haben wir letztlich jemanden gefunden, der unsere Wolle verarbeitet.“

Neben Teppichen gibt es Sitzkissen, Seife oder Düngepellets aus Wolle. Lodenstoff ist neu hinzugekommen. „Liebhaberprodukte“ nennt Verena Hausmann ihre Ware. Aber auch das Fleisch wird verwertet. „Nicht im großen Stil. Mehr Nachfrage könnte ich nicht bedienen“, betont Hausmann. Ihre Kunden, die Patenschaften für die Schafe übernehmen, schätzten das regionale Produkt. „Natürlich ist es nicht leicht, die Tiere zum Schlachten zu bringen. Aber ist es nicht besser, zu wissen, dass sie ein gutes Leben hatten und bis zuletzt mit Würde behandelt wurden?“, meint Hausmann. Betagte Tiere dürften durchaus bis zu ihrem natürlichen Tod leben. Sie seien sogar sehr wichtig für den Zusammenhalt der Gruppe.

Lammfleisch der Alpinen Steinschafe ist unter anderem auf der Speisekarte des Restaurants „Zum Fischmeister“ in Ambach zu finden. Verena Hausmann ist mit ihrer Arche-Schäferei Mitglied bei der „Genussgemeinschaft Städter und Bauern“ sowie bei „Slow Food Pfaffenwinkel“.

Einen Nerv hat die Seeshaupterin mit ihrer tiergestützten Arbeit im Kloster Benediktbeuern getroffen. Ihr Angebot „Einfach sein -Schafmeditation im Obstgarten“ hat sich zum Renner entwickelt. Die Kurse sind ausgebucht, kaum dass sie im Veranstaltungsprogramm des Don-Bosco-Klosters veröffentlicht werden. „Dass das so ein Erfolg werden würde, hatte ich nicht geglaubt“, sagt Hausmann. „Aber ich habe wohl damit einen Nerv getroffen.“ Die Beliebtheit der Schafmeditation sei ihrer Ansicht nach Ausdruck dessen, was vielen Menschen in der heutigen Zeit fehle. „Sie suchen Räume, wo sie sich spüren können. Wo sie Stille und Ruhe finden.“ Und es sei ein unkompliziertes Angebot auf Spendenbasis.

Der Kontakt zu den Tieren habe etwas Erdendes. Die Teilnehmer können unter Apfelbäumen liegen, die Schafe ziehen ihres Weges und lassen sich knuddeln. „Ich halte nur eine kurze Einführung“, sagt Hausmann. Wenn 80 Tiere auf der Weide unterwegs seien, habe das eine eigene Dynamik.

Etwa 15 Hektar bewirtschaftet die Familie Hausmann, nicht alles wird allerdings beweidet. Während sich die Alpinen Steinschafe im Sommer überwiegend selbst versorgen, muss im Winter natürlich Heu zugefüttert werden.
Etwa 15 Hektar bewirtschaftet die Familie Hausmann, nicht alles wird allerdings beweidet. Während sich die Alpinen Steinschafe im Sommer überwiegend selbst versorgen, muss im Winter natürlich Heu zugefüttert werden. Manfred Neubauer

2023 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamts in Deutschland etwa 20 200 Schafhalterinnen und -halter gezählt. Wer unter ihnen sein Geld in erster Linie mit Schafen verdient, wird in der Erhebung nicht erfasst. In Deutschland gibt es nur noch rund 890 landwirtschaftliche Betriebe, die Haupterwerbsschäfereien betreiben. Der Bestand liegt bei knapp 1,5 Millionen Schafen. Die Branche hat stark mit dem Preisverfall bei Wolle, internationalen Lammfleisch-Importen und den hohen Kosten durch den Herdenschutz gegen Wölfe zu kämpfen.

Wolle aus Neuseeland wird wegen ihrer Feinheit bei der Textilproduktion bevorzugt. Düngepellets und andere Wollprodukte für den Garten stammen oftmals aus Osteuropa. Mit diesen Preisen können deutsche Schäferinnen und Schäfer nicht mithalten. Wobei: „Unsere Pellets, die im Schaugarten in Seeshaupt zu fünf Euro verkauft werden, nehmen die Leute gerne mit. Sie wissen, dass dieses Produkt von hier stammt und schätzen das“, betont Verena Hausmann.

Eine wichtige Arbeit leisten Schäferinnen und Schäfer wie die 47-Jährige auch im Naturschutz. Beweidungsprojekte erhalten nicht nur die Artenvielfalt, sie sichern eine finanzielle Entlohnung. Förderprogramme sind somit überlebenswichtig für Schäfereien.

Doch Verena Hausmanns Herz schlägt für die tiergestützte Arbeit. Die Diplom-Geografin war in der Erwachsenenbildung tätig und hat sich fortgebildet. „Das ist eine anerkannte Ausbildung“, sagt sie. Nun ist sie Vollzeitpädagogin im Kloster Benediktbeuern. Um alles zu schaffen, packt die gesamte Familie an. Ehemann Martin hat das Scheren erlernt, repariert Zäune und mehr. Die drei Töchter helfen ebenso mit, wobei Ida vom Virus ihrer Mutter am meisten infiziert wurde. „Ohne meine Familie würde es nicht funktionieren“, betont Verena Hausmann.

Im Don-Bosco-Kloster Beneditkbeuern findet am Dienstag, 27., und Mittwoch, 28. Oktober, die Fachtagung „Von und mit Tieren lernen: Neue Entwicklungen und Perspektiven aus Bildung, Tier- und Naturschutz“ statt. Verena Hausmann und ihre Schafe sind ebenfalls dabei. Nähere Informationen unter www.kloster-benediktbeuern.de

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