Er komponiert für die Neue Philharmonie München"Ich bin ein kultureller Hybrid"

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Der junge Australier Samuel Penderbayne hat  ein Stück komponiert, das einen "dritten Raum" zwischen Pop und Klassik öffnet. Gestresst, sagt er, sollte man besser nicht zur Uraufführung kommen

Von Stephanie Schwaderer

Abends macht Samuel Penderbayne gerne Rockmusik, tagsüber komponiert er vorzugsweise für die Oper. Der gebürtige Australier lebt seit 2012 in Deutschland. Nach seinem Studium an der Musikhochschule München promovierte er 2018 in Hamburg mit summa cum laude zum Thema "Richtlinien für Genre-übergreifende Komposition - Die Verbindung moderner Musik-Genres mit der klassischen Kompositionstradition". Am Samstag, 5. März, bringt er mit der Neuen Philharmonie München eine Uraufführung in die Wolfratshauser Loisachhalle: "Der dritte Raum".

SZ: Herr Penderbayne, langweilen Sie sich sehr, wenn Sie ins Konzerthaus gehen?

Samuel Penderbayne: Nein, so würde ich das nicht sagen. Speziell in der Oper bin ich aber nur selten tief berührt, obwohl ich weiß, dass dieses Medium das definitiv leisten kann. Bei zeitgenössischen Konzerten geht mir das manchmal aber genauso - obwohl ich die Musik sehr interessant finde.

Sie schlagen als Komponist gerne überraschende Wege ein. Wie viele Kilo haben Sie mit dem Projekt "Le sacre du sport" abgenommen?

Vielleicht eines.

Nur?

Ja, aber ich habe mich schon sehr ausgetobt mit diesem Stück. Das war in der Corona-Zeit auch nötig - alle Fitnessstudios geschlossen, man sitzt nur zu Hause...

Auf Youtube kann man diesen sogenannten Online-Sportkurs anschauen: Sie dirigieren hüpfend 15 Minuten ein Quartett - Klavier, Schlagzeug, zwei Streicher. Und eine fast schon beängstigend fitte Frau, die Tänzerin Patricia Carolin Mai, leitet dazu eine Sportgruppe an. Ist das zeitgenössischer Tanz? Oder ist das Ironie?

Diese Frage ist am schönsten, wenn sie offen bleibt. Ich mag es sehr gern, Grenzen zu verschmelzen, und Patricia mag das auch. "Le sacre du sport" haben wir als Community-Projekt konzipiert, also als Projekt für die Gesellschaft. Viele Formen und Formate der Hochkultur sind einem Großteil der Community fremd. Deshalb haben wir uns in diesem Fall für das Format eines banalen Sportkurses entschieden. Die Frage, die Sie mir gestellt haben, darf jeder für sich beantworten.

Sie komponieren am liebsten für Kinder oder Menschen, die sich für zeitgenössische Musik begeistern. Was verbindet diese beiden Zielgruppen?

Die Experimentierfreudigkeit. Ich liebe es, wie unmittelbar Kinder und Jugendliche auf eine Ästhetik reagieren, die sie anspricht. Ihr ästhetisches Empfinden ist ungefiltert, sie reagieren sehr schnell und sehr stark vor allem in der Oper, wenn sie etwas hören oder sehen, das sie noch nie gesehen haben. Da gibt es kein Befragen der Tradition. Sie müssen es in keinen Kontext setzen. Erwachsene rätseln oft: Ist das Oper? Darf das Oper sein? Kinder treten einfach in Bezug zu dem, was da ist. Im besten Fall trifft das auch auf Leute zu, die zeitgenössische Musik hören.

Das etablierte Abonnentenpublikum mögen Sie nicht so gern?

Jeder ist bei meiner Musik herzlichst willkommen. Es geht ja nicht um mögen oder nicht mögen. Und das Abonnentenpublikum ist keine homogene Gruppe, sondern setzt sich aus ganz verschiedenen Menschen zusammen. Meine Musik ist in keiner Weise gegen jemanden gerichtet. Kann sein, dass viele Leute das, was ich mache, nicht gut finden, das ist völlig okay. Ich möchte aber nicht, dass sie meine Musik oder Konzepte als Bedrohung empfinden. Meine Arbeit ist mit dem klassischen Repertoire durchaus kompatibel. Ich habe alle Opern gehört, auch ich liebe Verdi und Puccini.

Auf Ihrer Website kann man sich durch Mixtapes klicken, die Sie in drei Kategorien eingeteilt haben. Eine Pfefferschote steht für "saftige, mild-gewürzte Musik zum Genießen und Eintauchen"; zwei Schoten stehen für "Musik mit etwas Schärfe, Schräge und Kante, die zwischen dem Bekannten und Unbekannten schwingt", und drei für "Experimente, Freiräume, Deep Dives". Wo fühlen Sie sich am wohlsten?

In der kontinuierlichen Bewegung zwischen diesen Kategorien. Das ist auch der Grund, warum ich zur Oper gekommen bin. Dort kann man alles mischen. Ich mag Kontraste und das Gefühl einer Reise durch verschiedene Welten. In Bewegung bleiben - das ist für mich entscheidend. Wenn ich mich für ein Genre entscheiden müsste, hätte ich vielleicht schnell nichts mehr zu sagen.

Mit der Neuen Philharmonie München planen Sie die Uraufführung Ihrer Komposition "Der dritte Raum". Wie viele Pfefferschoten?

Ich würde sagen, schon zwei Pfefferschoten. Es gibt durchaus krachige Momente, die vielleicht ein bisschen abschrecken können...

Haben Sie gerade krachig gesagt? Ist Krach keine Beleidigung?

Krach ist ein Wort, das auch in Bewegung bleibt. Ich könnte auch sagen: Es gibt laute dissonante Klangfarben. Die aber sind eingebunden in eine rhythmische Struktur, an die man andocken kann. Die Klangebene ist vermutlich etwas befremdlich für Menschen, die nicht vertraut sind mit der Musik der Nachkriegszeit, aber Form und Rhythmus nähern sich der Popularmusik an. Sagen wir es so: Wenn der Wille und das Vertrauen da sind, kann man bestimmt etwas mit dem Stück anfangen. Aber wenn man einen stressigen Tag gehabt hat und nicht so viel Geduld mitbringt, dann wird es vielleicht nicht so gut ankommen.

Worum geht es? Was ist der dritte Raum?

Der dritte Raum ist ein Begriff des Theoretikers Homi K. Bhabha, den ich sehr schätze. Er projiziert das Thema Kolonialismus in die Zukunft. Sein Ansatz ist, dass Kulturen sich immer vermischen und daraus Hybride entstehen. Er sieht das als etwas Urmenschliches an. Darüber habe ich viel räsoniert. Ich bin ja auch ein kultureller Hybrid zwischen Australien und Deutschland. Bhabha sagt, einem Hybrid öffnet sich ein dritter Raum. Es entsteht etwas Neues, es gibt kein Zurück. Diesen Ansatz finde ich auch inspirierend, um über die Verbindung von popkulturellen und klassischen Einflüssen nachzudenken. Dieses Stück ist ein Versuch, einen solchen dritten Raum auf eine klassische Bühne zu bringen.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der Musikwerkstatt Jugend und der Neuen Philharmonie München?

Als ich noch in München studiert habe, hat eine meiner Kommilitoninnen dort mitgespielt und vom Konzept geschwärmt. Ich hab mir dann das Mahler-Konzert der Neuen Philharmonie München im Herkulessaal angehört und war sehr angetan. Über andere Ecken habe ich später die Geschäftsführung der Musikwerkstatt Jugend und die künstlerische Leitung kennengelernt. Es fühlt sich organisch an. Die Ernst von Siemens Kunststiftung hat das Projekt dann ermöglicht.

Außer Ihrer Uraufführung stehen Werke von Poulenc und Schostakowitsch auf dem Programm. Wann beginnen die Proben?

Ende Februar. Die Musikerinnen und Musiker kommen dazu aus ganz Europa zusammen. Und zehn Tage lang werden sie nichts anderes machen, als in der Musik zu leben. Eine einmalige Erfahrung.

Wird sich Ihre Komposition bei den Proben womöglich noch verändern?

Ich bin immer dabei und arbeite gerne mit dem Orchester an dem Stoff. Das heißt Striche, neue Takte, Effekte, die besser an einzelne Instrumente angepasst werden.

Sie werden also auch zehn Tage lang im dritten Raum leben?

Ja genau. Das wird intensiv und dynamisch. Ich freu mich darauf!

Neue Philharmonie München, Samstag, 5. März, Loisachhalle Wolfratshausen, 19.30 Uhr, Leitung Johannes Zahn. Auf dem Programm: Samuel Penderbayne: "Der dritte Raum" (Kompositionsauftrag der Musikwerkstatt Jugend), Francis Poulenc: Konzert für zwei Klaviere und Orchester (mit den Pianistinnen Anna Buchberger und Henriette Zahn), Dmitri Schostakowitsch: 5. Symphonie. Weitere Konzerte am Sonntag, 6. März, Stadtsaal Fürstenfeldbruck, 19 Uhr, und Montag, 7. März, Münchner Herkulessaal, 20 Uhr; Karten zu 35 Euro über München Ticket

© SZ vom 04.02.2022 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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