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Engagement in Corona-Krise:Afrikanische Schneiderkunst für deutsche Gesundheit

Soileymane Faye

Der Flüchtling Soileymane Faye aus dem Senegal hat Masken für das Altenheim Ebenhausen genäht.

(Foto: Marie Heßlinger)

Soileymane Faye musste sein Atelier aufgeben und flüchtete aus dem Senegal nach Deutschland. In der Corona-Krise näht er in seiner neuen Heimat Masken über Masken und verschenkt sie, auch an das Altenheim in Schäftlarn.

Von Marie Heßlinger

Es war der Tag, als Donald Trump den Deutschen ihre Maskenbestellung in China weggeschnappt haben soll. Jetzt fällt es Soileymane Faye wieder ein. Er blickt auf, nachdem er eine Weile auf seinem Handy unter der Tischkante recherchiert hat. An jenem Tag saß Faye in seinem Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft und schaute Tagesschau. "Am nächsten Morgen bin ich in die Stadt gefahren", sagt Faye auf Französisch. Der Senegalese kaufte Stoff. Er nähte und nähte. Und verschenkte sie alle. Selbst in Schäftlarn trägt man nun seine Atemschutzmasken.

Faye sitzt in einer Münchner Bäckerei nahe der U-Bahnhaltestelle Messestadt West. Er holt eine Plastiktüte der Modekette New Yorker hervor. Für einen Augenblick erinnert seine Bewegung an einen Strandverkäufer, der Tücher ausbreitet. Faye legt Masken auf den Tisch, mindestens 50 Stück, alle farbenfroh, in verschiedenen Schnitten und Mustern. Daneben stellt er eine Flasche Desinfektionsspray. "Sechs Meter für 25 Euro", sagt Faye und zeigt auf einen ockerfarbenen Stoff mit blauen und grünen Rechtecken. Der ist aus einem afrikanischen Laden beim Hauptbahnhof. Auf einer anderen Maske gelbe Blüten auf Lila. Etwas an ihnen erinnert an einen fernen Kontinent. "Tu connais Karstadt?", fragt Faye, kennst du Karstadt - und deutet auf eine schwarze Maske mit weißen Punkten. Zehn Euro für einen Meter. Faye hat alle Stoffe von seinem eigenen Geld gekauft. Wie viel ihn das gekostet hat? "Ich weiß nicht mehr", sagt er und lächelt.

Faye spricht leise und erzählt nur dann, wenn man ihn fragt. Zur Verabredung kam er, zur Sicherheit, eine halbe Stunde früher. Und doch strahlt er Ruhe aus, eine Ruhe, über der man die Zeit vergisst. "Pas de problème", sagt er oft. Kein Problem. "Pas de problème", habe auch seine Mutter zu ihm gesagt, als Faye 2014 seine Heimat verließ. "Sie hatte auch Angst um mich", sagt der 29-Jährige. Er hatte "Probleme mit anderen Leuten", sagt er zu dem Grund für seine Flucht und zögert. Vielleicht mit Widerwillen? Dann erzählt er sie doch, die Geschichte, wegen der er sein Land verlassen haben will.

Ein Atelier mit vier Angestellten hatte er, sie entwarfen Kleider für Männer und Frauen, sie reparierten und änderten deren Lieblingsstücke. Mit 14 Jahren war Faye in die Schneiderlehre gegangen. In seinen dreimonatigen Sommerferien hatte er für einen Berufsschneider auf dem Markt in seiner Heimatstadt Diourbel im Westen Senegals gearbeitet. Er bekam kein Geld, dafür lernte er. Babacar hieß sein junger Lehrer. "Er war ein guter Mensch, wirklich", sagt Faye. Fayes Vater war Fabrikarbeiter, als Witwer hatte er drei ältere Kinder aus erster Ehe. Faye wollte Schneider werden, "aus Liebe zum Nähen." Wenn seine Hosen rissen, hatte er sie als Junge selbst geflickt anstatt sie für viel Geld zum Schneider zu bringen.

2014 aber sollen Männer in seinem Atelier aufgekreuzt sein. "Nähe uns Militärkleider", forderten sie. Sie hätten sich als Soldaten ausgeben wollen. "Das ist illegal", will Faye geantwortet haben. Er habe sie weggeschickt, erzählt er. Sie hätten ihm gedroht. In nur vier Tagen sei er aufgebrochen, sagt Faye, er habe sich nicht von seinen Freunden verabschiedet, er habe kein Ziel gehabt, bloße Angst habe ihn fortgetrieben. Über die Mittelmehrroute reiste er nach Italien. "Es war sehr schwierig dort unten." Er harrte in Verona aus. "Drei Wintermonate in einem Haus ohne Heizung", sagt er. "Ich habe mich nicht wohl gefühlt." Er kam in die Flüchtlingsunterkunft in der Karl-Hammerschmidt-Straße in Aschheim. Seit fünf Jahren lebt er dort. "Ich fühle mich wohl", sagt Faye. Eine Arbeitserlaubnis hat er nicht. "Kein Aufenthalt! Der Inhaber ist ausreisepflichtig!" steht mit Ausrufezeichen auf seinem Pass. Darüber, in größerer Schrift: Duldung. Hätte er freie Wahl, würde er ein Schneidergeschäft aufmachen und afrikanische Mode verkaufen, sagt Faye. Doch es ist noch nicht einmal klar, ob er bleiben darf. Er würde alles machen, sagt Faye, egal welche Arbeit, er würde alles nehmen. Im vergangenen Jahr machte Faye einen Deutschkurs. Er spricht deutsch? "Ja, natürlich, was denkst du", sagt er plötzlich auf Deutsch und lacht, "ich kann sehr gut Englisch, sehr gut Französisch, und ein bisschen Deutsch." Es klingt niedlich korrekt, er lächelt schelmisch. Dann wechselt er zurück zu Französisch. Das lernte er in der Schule. Zu Hause sprach er Wolof. Mit seiner Mutter sprach er zuletzt vor drei Jahren. "Ich habe sie angerufen", sagt er, "ihre Nummer funktioniert nicht mehr."

Faye sucht ein Video auf seinem Handy. Es zeigt ihn in seinem Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft. Ein Nähtisch, daneben ein Abstelltisch mit türkisfarbenem Batiktuch darauf. Faye sitzt an der Nähmaschine, auf einem bunten Kissen, er blickt nicht auf. Er zieht ein rotes Band unter der laufenden Nadel durch, er hat es an eine Maske angenäht, schneidet es ab. Auf einem Seitentisch legt er es ab zu den anderen Masken, dann rollt er das nächste Stück von der roten Rolle ab und vernäht es. 40 doppelseitig vernähte Masken schneiderte Faye pro Tag, zu der Zeit, als "alle Angst hatten" vor dem Coronavirus, und Atemschutzmasken schwer zu kriegen waren. Es wurden hunderte. Faye verschenkte sie. Zuerst an seine rund 50 Mitbewohnerinnen und Mitbewohner in der Unterkunft. Doch auch an viele andere. Faye guckt auf sein Handy unterm Tisch, zeigt das Foto einer jungen Frau in New York, die Tochter einer Sozialarbeiterin. Sie trägt eine typische Faye-Maske, der Stil ist unverkennbar. Dann das Schwarz-Weiß-Bild von zwei Hipster-Männern in Berlin. Freunde eines Freundes. Mit Fayes Maske. Sein Mundschutz, so wirkt es, landete bald überall. Auch im Alten- und Pflegeheim der Inneren Mission im Schäftlarner Ortsteil Ebenhausen.

Dessen Leiter, Wilfried Bogner, erinnert sich am Telefon an die Maskenknappheit zu Beginn der Corona-Krise. "Wir hatten noch Bestände", sagt Bogner, "Aber wir hatten eine Nachbestellung gemacht. Und als es hieß, dass es mit der Nachbestellung schwierig werden könnte, wurden wir hellhörig." Der ehrenamtliche "Nähkreis" - eine Gruppe von acht Frauen, die monatlich Kleidung für die Bewohner des Seniorenheims flickt - nähte daraufhin Atemschutzmasken aus Bettbezügen im Vorratslager. Und eine Mitarbeiterin der Inneren Mission, für Flüchtlingshilfe zuständig, bat Faye um seine Hilfe. 136 Masken nähte Faye daraufhin für die Bewohner und Mitarbeiter des Heims.

"Ganz unterschiedlich" waren die Stoffe, aus denen Faye die Masken nähte, dagegen seien die Masken aus den Bettbezügen "fast langweilig" gewesen, sagt Bogner und lacht. Für die 176 Bewohner sei es trotzdem befremdlich gewesen, Masken zu tragen. Die Mitarbeiter müssen mittlerweile einen zertifizierten, dreilagigen Mund-Nasen-Schutz tragen. Die selbst genähten Masken würden sie jedoch weiterhin "im privaten Bereich" tragen, sagt Bogner und scherzt: "Von daher könnte es sein, dass der Herr Faye irgendwo jemanden trifft, auf der Straße oder im Café, und sagt: Oh schau mal, die Maske ist von mir!" Faye bekam die Kosten für die Stoffe erstattet. "Wir sind wahnsinnig dankbar für den Support, den wir damals gekriegt haben", sagt Bogner. Doch Faye und er lernten sich nicht kennen - selbst die Mitarbeiterin, welche die Masken nach Schäftlarn brachte, durfte das Altenheim aus Sicherheitsgründen nicht betreten. "Es wäre schön, den Herrn mal kennen zu lernen", sagt Bogner. "Es würde mich freuen, dass man ihn hier mal begrüßen kann, und dass er mal schauen kann, für welche Menschen er sich hier so toll ins Zeug gelegt hat."

"Nein, nein, ich konnte nicht hingehen", beteuert auch Faye, "das ist ein Altenheim, das ist verboten." Sein Cappuccino ist leer, eine Nussschnitte vor ihm unangetastet. Schwermut umgibt ihn. Warum er die Masken genäht habe? "Um den Menschen zu helfen", sagt Faye schlicht, und holt einen weiteren Ausweis aus seiner Plastiktüte: "Helfer" steht darauf. Faye ist auch ehrenamtlicher Schneider für die Bewohner eines anderen Flüchtlingsheims, flickt deren Hosen und Kleider. Faye zeigt nun Fotos von Kleidern, die er selbst kreiert hat. Ein goldenes Gewand für Männer etwa, ein türkisfarbenes enges Kleid wie für eine Meerjungfrau, dazwischen immer wieder Bilder von ihm selbst, einmal als Gangsta in Jogginghose, schwarz mit bunten Quadraten, neben einem FC-Bayern-München-Auto.

Soileymane Faye ist immer gut gekleidet, so wirkt es. Immer ein Cappy auf dem Kopf, ein Bart auf der Oberlippe, die Kleidung von oben bis unten farblich aufeinander abgestimmt. Zwei Monate und zwei Wochen, nachdem sich die Amerikaner eine deutsche Maskenbestellung abgezweigt haben sollen, trägt er Ocker, Blau und Beige.

"Corona ist fertig, oder?", fragt er. Er näht jetzt keine Masken mehr. Faye packt die Masken auf dem Tisch in der Bäckerei zusammen. Dann besprüht er mit seinem Desinfektionsspray den Tisch.

© SZ vom 23.06.2020

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