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Energiewirtschaft:Ja zu Marvel Fusion

Marvel Fusion

Marvel Fusion will in einem ersten Schritt einen Forschungsreaktor und dann das Fusionskraftwerk bauen. Ob in Penzberg, das ist noch offen.

(Foto: Marvel Fusion/oh)

Der Penzberger Stadtrat stimmt mehrheitlich für den Verkauf der letzten Industriefläche im Nonnenwald. Das Münchner Start-up hält sich eine Entscheidung offen

Von Alexandra Vecchiato, Penzberg

Der erste Schritt ist getan. Die Mehrheit des Penzberger Stadtrats stimmte am Dienstag dem Verkauf eines Grundstücks im Industriepark Nonnenwald an Marvel Fusion zu. Das Votum fiel 16 zu neun Stimmen aus. Nun geht es an die Ausarbeitung des Kaufvertrags mit dem Münchner Start-up. Offen ist nach wie vor, ob sich Marvel Fusion für den Standort Penzberg entscheidet. Man freue sich sehr über die Entscheidung, sagt Heike Freund, COO bei Marvel Fusion, auf Nachfrage. Das Ergebnis sei ein Vertrauensbeweis. Doch befinde man sich in einem Entscheidungsprozess. Die Standortfrage sei sehr wichtig für das Unternehmen, so Freund, und könne nur einmal getroffen werden. Externe Faktoren wie Mitarbeiterverfügbarkeit, öffentliche Förderungen und anderes spielten eine große Rolle.

Ein halbes Jahr lang hat der Stadtrat über die Ansiedlung diskutiert. Viele Zweifel konnten ausgeräumt werden, vor allem was die Sicherheit der Zukunftstechnologie betrifft. Marvel Fusion plant, auf dem knapp drei Hektar großen Areal ein kommerzielles Fusionskraftwerk zu entwickeln. Sollte die Forschung in diesem Bereich erfolgreich sein und klimaneutrale Energie dauerhaft produziert werden können, möchte Marvel Fusion die Technologie vermarkten.

Es sei der Zeitpunkt gekommen, eine Entscheidung zu treffen, sagte Bürgermeister Stefan Korpan (CSU) zu Beginn der Debatte. "Dafür sind wir gewählt worden." Er erinnerte daran, dass viele Fragen beantwortet und Experten gehört wurden. Er vertraue auf die Genehmigungsverfahren und Behörden in Deutschland. Kritik übte er an der Fraktion Penzberg Miteinander, die im Vorfeld der Sitzung die Offenlegung des Businessplans und des Gesellschaftsvertrags von Marvel Fusion forderte. "Das sind Interna. Es gibt Grenzen", sagte Korpan. Er werde die Entscheidung des Gremiums, egal, wie sie ausfallen werde, akzeptieren, da es sich um einen demokratischen Prozess handle. Sollte die Mehrheit gegen die Ansiedlung von Marvel Fusion stimmen, müsse man allerdings überlegen, was mit dem Industriegrundstück passiere. "Vielleicht müssen wir die Fläche in kleinere Parzellen aufteilen." Die Sorge, die Stadt könnte mit dem Ausbau der Infrastruktur nicht hinterherkommen, teile er nicht. Die Unternehmen, die nach Penzberg kämen, böten Arbeitsplätze und Chancen für die gesamte Region. Wohnungen, Kinderbetreuungsplätze und Ähnliches auf Vorrat zu schaffen und dann zu hoffen, Firmen siedelten sich in der Stadt an, sei das Pferd von hinten aufzäumen.

Nach der Vorrede des Bürgermeisters kamen die Fraktionen zu Wort. Korpan hatte darum gebeten, dass nur jeweils ein Sprecher pro Fraktion ans Mikrofon treten solle. Daraus wurde nichts, denn sowohl in der SPD wie bei den Grünen gab es zwei Lager. Den Anfang machte Christine Geiger (CSU). Dass die Kernfusion zwar in den Kinderschuhen stecke, aber dennoch als Energieform der Zukunft ernst genommen werden müsse, sieht sie durch einen Erfolg auf dem Sektor in China bestätigt. Erst vor Kurzem wurde in der Provinz Sichuan der größte und modernste Fusionsreaktor des Landes in Betrieb genommen. Auf Anhieb gelang es den Wissenschaftlern, eine Kernfusion für die Dauer von zehn Sekunden aufrechtzuerhalten. Das gelang bislang international selten. "Wollen wir den Chinesen dieses Feld überlassen?", fragte Geiger in die Runde. Die Chancen, die eine Ansiedlung Marvel Fusions mit sich brächte, seien größer als die Risiken. Man entscheide nicht nur zum Wohle Penzbergs, sondern zu dem der gesamten Welt.

In seiner Fraktion gebe es keine einheitliche Meinung, sagte SPD-Fraktionssprecher Adrian Leinweber. Er sehe die Ansiedlung positiv. Für die Zweifler in der SPD ergriff Elke Zehetner das Wort. Als ehemalige Bürgermeisterin sei sie die frühere "Stadtmutter". Für sie würden die Nachteile durch eine Ansiedlung überwiegen. Besser sei es, die Fläche einheimischen Gewerbebetrieben zur Verfügung zu stellen. Während Sebastian Fügener (Grüne) für eine Ansiedlung plädierte, wenngleich niemand wissen könne, ob das Projekt von Erfolg gekrönt sei, sprach sich Fraktionskollege John Eilert dagegen aus. Er halte Marvel Fusion nicht für vertrauenswürdig, sagte er. Diese Einschätzung teilt er mit Penzberg Miteinander. Anette Völker-Rasor zählte eine Liste mit Punkten auf, die gegen einen Verkauf an das Start-up sprächen. Der Stadtrat könne aus den von Marvel Fusion zur Verfügung gestellten Informationen heraus keine Entscheidung treffen. Businessplan und Gesellschaftsvertrag seien nicht vorgelegt worden, ebenso wenig eine verlässliche Auskunft darüber, ob die Anfangsinvestition von 200 bis 300 Millionen Euro gesichert sei. Den Gesellschaftsvertrag habe sich die Fraktion kurzerhand selbst besorgt. Darin sei unter anderem zu lesen, dass "genehmigungspflichtige Tätigkeiten" nicht ausgeübt würden - was im Widerspruch zur Verwendung des radioaktiven Isotops Tritium stehe. Ihre Fraktion verstehe nicht, warum Marvel Fusion im Nonnenwald ein Projekt realisieren wolle, das dem Wert von zehn Penzberger Familienbädern entspreche, hingegen in Seehausen - der Ort war ebenfalls als Standort in der engeren Wahl, doch der Gemeinderat entschied sich dagegen - auf einer wesentlich kleineren Fläche ein Vorhaben im Wert von 20 Familienbädern bauen wollte. Sowohl Bürger für Penzberg (BfP) als auch Freie Lokalpolitik Penzberg (FLP) sprachen sich für einen Verkauf aus. Armin Jabs (BfP) und Jack Eberl (FLP) riefen zu "Mut" auf, eine positive Entscheidung zu treffen.

Heike Freund, COO von Marvel Fusion, mit Co-Founder Karl-Georg Schlesinger.

(Foto: Stephan Rumpf)

Kurz für Irritationen sorgte die Mitteilung Korpans, seit Freitag läge das Angebot einer weiteren Firma für besagte Industriefläche vor. Der Bürgermeister erklärte, er wisse nicht, was er davon halten solle. Zwei Mal habe es Gespräche mit Firmenvertretern gegeben. Nie sei die Rede von Kauf gewesen. Das Unternehmen mit Sitz in der Schweiz und Österreich habe sich für ein "Projekt" in der Stadt interessiert, um deutschen Kunden ihr Produkt vorführen zu können. Ferner sei von Büroflächen die Rede gewesen. Dass sich kurz vor der Abstimmung über den Verkauf an Marvel Fusion das Interesse von Büros auf immerhin 30000 Quadratmeter Grund verlagere, finde er seltsam. Er könne nichts über die Seriosität des Angebots sagen. Dennoch beantragten die Grünen eine kurze Unterbrechung, um die neue Entwicklung zu diskutieren.

Letztlich entschied sich die Mehrheit für Marvel Fusion - und zwar für einen Verkauf der Industriefläche. Auf Vorschlag Leinwebers wurde auch über die Möglichkeit eines Erbpachtvertrags abgestimmt, jedoch ohne eine Mehrheit zu finden.

© SZ vom 14.01.2021
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